Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
collina Filmproduktion präsentiert einen Film von Max Färberböck & Ulrich Limmer
Dominik Graf ist eine Institution innerhalb der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Ein Regisseur, der gerne Neues ausprobiert und Probleme mit der gängigen political correctness hat. Ein unbestechliche Realist, dessen Heimat der Polizeifilm ist. "Der scharlachrote Engel" mit Edgar Selge und Nina kunzendorf ist ein Juwel der Münchner "Polizeiruf"-Reihe.
(Text-Stand: 20.2.2005) Er drehte mit „Der Fahnder“ die erste deutsche Polizeiserie, die moderner sein wollte als die Klassenfeinde „Derrick“ und „Der Alte“. Er machte Beziehungskomödien, die nicht in der Tradition von „Papas Kino“ standen, sondern verspielt und frankophil daherkamen. Er riskierte 1994 „Die Sieger“ und war damit der erste Regisseur hierzulande, der sich an ein millionenschweres Action-Epos wagte. Und er war der erste namhafte Filmemacher, der die kreativen Möglichkeiten des Fernsehens erkannte und die deutsche Fernsehfilmkultur gegenüber der Geldvernichtungsanlage Kino verteidigte.
Foto: BRSie waren beteiligt am "Tatort"-Klassiker "Frau Bu lacht": Graf, Wachtveitl, Nemec
Dominik Graf ist eine Institution der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Er ist einer, der sich nie verkauft hat an Kommerz und Quotendruck. Stets hat er nur Filme gemacht, zu denen er eine große persönliche Bindung verspürte. Immer wieder mischt sich der Absolvent der Münchner Filmhochschule auch ein in öffentliche Debatten. Er ist ein Praktiker mit theoretischem Verstand. Ein kluger Kopf, der Filmemachen immer auch im gesellschaftlichen Zusammenhang sieht. Sein Vater war der große, früh verstorbene Schauspieler Robert Graf. Der 52-jährige ist ein Kind der 60er Jahre. Nie gehörte er zu der Clique des Autorenfilms, doch vielleicht gebührt Dominik Graf sogar die Ehre, den intellektuellen Autorenfilm der 70er Jahre mit dem physischen, sinnlich aufgeladenen Genrefilm versöhnt zu haben.
"Der scharlachrote Engel"
Jetzt hat der Mann, der mit dem „Tatort: Frau Bu lacht“ und seinen „Sperling“-Krimis Fernsehfilmgeschichte der Neunziger geschrieben hat, mal wieder einen Polizeifilm gedreht. Mit dem Buch von Günter Schütter habe er in Zeiten des allgemeinen Krimi-Overkills die passende „Leuchtrakete“ gefunden, um noch einmal etwas Exzeptionelles in Sachen TV-Krimi zu machen. Wie vom Münchner „Tatort“-Team ist er seit längerem schon vom „Polizeiruf“-Doppel Selge/May alias Tauber/Obermaier recht angetan. „Es ist mal wieder ein Duo, das sich perfekt ergänzt“, so Graf. „Sie ist zuständig fürs normale Leben, er schwebt über den Wolken.“ Die beiden seien die ideale Kombination für Krimis mit Realitätssinn und Tiefgang, wie sie Graf so sehr liebt. „Je komplexer ein Fall ist, umso mehr können sie mit ihren verschiedenen Annäherungsformen an die Wirklichkeit auch miteinander in die Haare geraten oder sich eben auch ergänzen.“ In „Der scharlachrote Engel“ geht es am Sonntag um eine junge Frau, die glaubt, in der Nacht einen zudringlichen Einbrecher erschossen zu haben. Doch von der Leiche fehlt jede Spur. Als Obermaier wenig später herausfindet, dass die Frau im Internet ihren Körper zur Schau stellt, ist klar, dass es sich bei dem verschwundenen Eindringling um einen Fan ihrer Homepage handelt. Die Anziehungskraft zwischen Tauber und der jungen Frau ist Zentrum des Films. „Diese beiden verletzten Seelen, die sich in der Kälte ihrer Einsamkeit treffen für wenige Momente“, so Graf, „in diesen Momenten hat man als Regisseur die Chance, einen warmen Kerzenschimmer aufleuchten zu lassen.“
Foto: BRDie Kehrseite der allseitigen Verfügbarkeit im Netz. Edgar Selge, Nina Kunzendorf
Der Krimi-Boom stört Dominik Graf weniger als andere. Er liebt das Genre, der Polizeifilm ist seine Heimat. „Der Detektiv ist der moderne Populärmythos schlechthin“, findet er, „und der Fernsehkrimi ist der Ort, wo man noch die härtesten sozialen Themen anfassen kann.“ Was da so alles machbar ist am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD oder auch beim Samstagskrimi im ZDF, das findet er erstaunlich. Nur ein bisschen zu politisch korrekt und zu gestylt geht es ihm mitunter in den Fernsehkrimis zu. „Manche Kommissare haben einen Hang zum Sofaermittler entwickelt, von der harten Arbeit auf der Straße spürt man immer weniger.“
Dreckiger, realistischer, gesellschaftskritischer
In seinen Krimis ging es schon immer dreckiger, realistischer zu. Das Leiden an der Gesell-schaft riss oft tiefe Wunden in die Seelen seiner Helden. In fast jedem Gespräch mit Dominik Graf fallen Namen wie Sartre, Tucholsky, Brecht oder Adorno. Er mag Geschichten nicht, die keinen doppelten Boden besitzen und die für jedes Problem nur eine Lösung kennen. Deshalb war Graf auch so angetan vom „Scharlachroten Engel“ (Zusammenschnitt), für dessen Buch Günter Schütter das Themen Internet-Sex aus den Fängen der politischen Korrektheit löste. „Ich hatte das Gefühl, dass hier alles, was den Zuschauer aufregen könnte, die Gewalt, der Sex, die Unfähigkeit der Justiz, dass das alles seinen symmetrischen Punkt an einem anderen Moment hat“, so Graf. „Wo beispielsweise der Sex zum Gewaltvehikel verkommt, da gibt es auf der anderen Seite auch eine Ahnung von Zärtlichkeit.“ Jeder These eine Antithese – ohne ausgewogen zu sein, das versteht er unter „vielschichtig beleuchtet“.
Dominik Graf findet trotz "Degetoisierung" überraschend viele gute Worte für das Fernsehen von ARD und ZDF. Egal, ob ins Nachtprogramm abgeschoben, wesentlich ist, dass er die hochgelobte Luden-Mär „Hotte im Paradies“ überhaupt hat fürs Fernsehen realisieren können. Kein leichtes Stück war auch das familienkritische Selbstfindungsdrama „Kalter Frühling“ mit Jessica Schwarz. „Wenn der deutsche Fernsehfilm gut ist, dann ist er richtig gut“, betont Graf. Noch immer sei die Fiktion im Fernsehen besser und vor allem vielfältiger, was die Genres angeht, als im deutschen Kino. Nur bei kleinen Filmen hätte das Kino Relevanz. „Je kleiner das Budget ist, umso befreiter fühlen sich die deutschen Regisseure“, glaubt Graf, erkannt zu haben. „Es wäre schon schön, wenn man auch mal mit größerem Budget Projekte durchzieht, bei denen keine Kompromisse gemacht werden.“ Er selbst hat sein Waterloo hinter sich. Nachdem sein Hochspannungsthriller „Die Katze“ mit Götz George ein Versprechen gegeben hatte, sollte er es mit „Die Sieger“ einlösen. 25 Millionen Mark wollte die Bavaria locker machen für den Actionthriller mit Herbert Knaup und Katja Flint. Am Ende war es weniger als die Hälfte des versprochenen Budgets, mit dem Dominik Graf auskommen musste. Der Film blieb ein Torso, bekam gute Kritiken, doch kaum einer wollte ihn sehen.
Foto: Arte / BR / PichlerDer Kunde liebt es auf die harte, schmerzende Tour. Nina Kunzendorf, Martin Feifel
Die Möglichkeiten des Mediums nutzen
Nicht zuletzt diese Erfahrung hat Dominik Graf Mitte der 1990er Jahre zum Umdenken veranlasst. Sich nur auf das filmische Resultat zu konzentrieren und nicht auf den damals hierzulande grassierenden Größenwahn der Kinomacher zu hören - diese Reduktion auf das Kreative, die kleine Form, führte ihn wieder zum Fernsehen. Dort, wo er auch Dokumentarfilme drehte, so über seine Heimatstadt München, wurde er auch im neuen Jahrtausend wieder zu einem Wegbereiter: dieses Mal einer neuen Technologie. So drehte er das preisgekrönte Teenager-Drama „Die Freunde meiner Freunde“, „Hotte im Paradies“ und „Der Felsen“ mit Mini-DV. Gewöhnungsbedürftig für den Zuschauer, aber zweckmäßig, wenn es um die multiperspektivische Auflösung subjektiver Geschichten geht. „Ich liebe diese Unberechenbarkeit dieses kleinen, strohdummen Apparats“, sagt Dominik Graf, lacht hintergründig und man spürt, dass ihm noch einiges einfallen wird. (Text-Stand: 20.2.2005)
Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr
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