Die gebürtige Bonnerin Silke Bodenbender ("Mitte 30") ist ein Gesicht, das man sich längst gemerkt haben sollte. Nach dem Deutschen Fernsehpreis ist sie in der Branche in aller Munde. Eine zweite Veronica Ferres aber wird aus der hoch talentierten und klarsichtig klugen Schauspielerin gottlob nicht werden.
Foto: ZDF / Marion von der MehdenSilke Bodenbender als allein erziehende Schutzpolizistin immer im (Körper-)Einsatz.
Ein Mann mit einer Maske nähert sich in mörderischer Absicht. Eine Frau springt ihn von hinten an, reißt ihn zu Boden, rollt mit ihm übers Parkett, erbittert um seine Waffe rangelnd. Ein Schlag an die richtige Stelle, ein paar gezielte Griffe und der Mann scheint überwältigt zu sein. Ein Messer blitzt auf. Ein Schnitt ins Leere. Die Frau muss aufs Ganze gehen: weg mit dem Messer, ein Check mit dem Ellenbogen, ein Schulterwurf, den Arm auf den Rücken gedreht. Endlich das Klicken der Handschellen. Geschafft… In dieser Szene aus „Auftrag Schutzengel“ ist keine weibliche Kampfmaschine unterwegs, sondern eine ganz normale Polizistin, die als Personenschützerin ihren Dienst tut. Gespielt wird sie von einer Frau, der man eine solche Rolle eigentlich nicht zutraut. Silke Bodenbender scheint auf den ersten Blick eher wie geschaffen für das Objekt des Begehrens, wie sie in so unterschiedlichen Filmen wie „Mitte 30“ oder „Die Schatzinsel“ sehr eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Bodenbender zeigte sich tatsächlich in ihren Fernsehrollen schon immer gerne von ihrer harten Seite. Ein Grund dafür: sie wollte nie ins „Hübsch-schlank-blond-niedlich“-Fach hineinrutschen. Da kamen ihr die toughen Rollen in „Das jüngste Gericht“, „Das Inferno – Flammen über Berlin“ oder im Quotenerfolg „Erlkönig“ gerade recht. Es ist auffallend, dass die 1974 in Bonn geborene Schauspielerin auf dem Bildschirm eine physische Präsenz entwickelt, die man von der 1,66 Meter großen, zierlich wirkenden Schauspielerin gar nicht erwartet. Es muss dabei nicht immer Thriller oder Action sein – Bodenbender macht besonders in realistischen Filmen eine gute Figur. Wedel mit „Papa und Mama“ und Geschonneck mit „Silberhochzeit“ legten den Grundstein für ihre Karriere.
Foto: ZDF / Romano RuhnauAuch in "Der Tote am Strand" macht Silke Bodenbender eine gute Figur. Kampwirth
Vom Theater her – zuletzt gab sie am Mannheimer Schauspiel die Lavinia in „Trauer muss Elektra tragen“ – rührt ihre Lust am körperbetonten Spiel. In „Auftrag Schutzengel“ hat sie sogar die Maskenmann-Szene selbst übernommen. „Diese Körperlichkeit gehört zur Figur, deshalb habe ich auf die Stuntszene bestanden“, sagt Bodenbender forsch und erinnert dabei an ihre Polizistin Nadja Mohn, die nicht nur in ihrem Job, sondern auch als allein erziehende Mutter einer Teenager-Tochter ihren Mann stehen muss. Am Ende konnte Bodenbender dann verstehen, warum es Produzenten nicht gern sehen, wenn Schauspieler ihre Stunts selber machen. Bei ihrem Sprung patzte sie einen Bruchteil einer Sekunde – mit dem Ergebnis, dass der Kopf des Stuntman gegen ihre Nase krachte. Die Schwellung konnte gerade noch gestoppt werden. Bodenbender: „Was für ein Glück, sonst wäre ich womöglich drei Drehwochen mit einer blauroten Nase herumgelaufen!“
Eigentlich wollte Bodenbender nach „Das jüngste Gericht“ und „Eine folgenschwere Affäre“ keine Polizistin mehr spielen. Die Rolle einer klassisch ermittelnden Kommissarin hätte sie auch nicht angenommen. Eine junge Mutter mit Knarre, eine Frau, die ständig zwischen Weichheit und Härte und zwischen Nähe und Distanz zu ihrem Schutzbefohlenen umschalten muss, eine solche Rolle war dann allerdings schon etwas für eine Schauspielerin, die den Wechsel liebt – den Wechsel zwischen Theater und TV, zwischen Genre und Realismus, zwischen Unterhaltung und Anspruch. Etwas Kopfzerbrechen macht ihr nun ein möglicher zweiter „Auftrag Schutzengel“-Film. „Ich könnte mir einen zweiten Teil vorstellen, weil ich extrem darum gebeten werde, aber einen dritten Teil wird es definitiv nicht geben.“ ZDF-Fernsehfilmchef Reinhold Elschot rechnet schwer mit Bodenbender. Sie sei klug, nachdenklich, habe ihren eigenen Kopf. Elschot, der bekanntlich Frauen vorzugsweise blond besetzt, debattiert gern mit ihr und würde sie am liebsten zu einem ZDF-Gesicht machen.
Als TV-Schönheit mag sich Silke Bodenbender nicht sehen. Das Thema ist ihr ein wenig peinlich. Also spielt sie die Vorzüge ihres Aussehens herunter. „Lange hatte ich das Gefühl, dass ich den Beauty-Bonus nicht bringe“, sagt sie. „Als ich anfing, hieß es immer, ich sei nicht Mainstream genug und ich hätte ein Pfannekuchengesicht.“ Wichtiger ist für sie, dass die Eitelkeit hinter der Wahrhaftigkeit der Rolle zurücktritt. „Man muss kämpfen, wenn man einer Rolle zuliebe nicht zu schön aussehen will“, so Bodenbender. „Ich achte darauf, dass ich nicht zu dick geschminkt werde und dass mein Gesicht seine Durchlässigkeit behält.“
Foto: ZDF / Marion von der MehdenZwei Menschen, zwei Welten – langsam kommen sie sich erwartungsgemäß näher: der Immobilieninvestor (Sadler) und die Schutzpolizistin in "Auftrag Schutzengel".
Eine Reihe, wie sie andere Schauspieler pflegen, wäre für Silke Bodenbender derzeit nicht denkbar. Selbst einen Kommissar im „Tatort“ könnte sie sich nicht vorstellen. „Ich möchte lieber zwischen den Rollen springen, möchte mich ausprobieren“, sagt sie, „da haue ich lieber mal mit einem Einzelstück daneben und habe eine neue Erfahrung gemacht.“ So stieß ihr Ausflug ins Action-Genre bei „Das Inferno“ bei einigen Leuten in der Branche auf Befremden. Sie selbst habe es brennend interessiert, wie das Spiel mit Technik & Feuer als Hauptakteuren funktioniert und „wie es ist, wenn man sich als Schauspieler mehr auf das Watergel am Körper konzentriert als auf seinen Text“. Bodenbender hält zweifelsohne den "Tatort" für ein attraktives Format. „Eine Episodenrolle würde ich liebend gerne einmal spielen.“ Doch mehr ist nicht. „Das hat gar nicht mal nur mit der Festlegung auf eine Rolle zu tun“, erklärt die Wahlberlinerin, „gegen eine Reihe spricht auch, dass ich weiter Theater spielen möchte.“
Silke Bodenbender weiß, was sie will. Sie könnte die Gunst der Stunde nutzen, fünf, sechs Filme im Jahr drehen, wie sie es 2007 gemacht hat. Sie könnte wie so viele andere auf Existenzsicherung bauen. Stattdessen hält sie am Theater fest und macht wie 2008 lieber sieben Monate Pause, reist durch die Welt und holt das nach, was in einem Schauspielerleben oft zu kurz kommt. Bodenbender ist noch risikofreudig und sie hat sich ein Stück weit den Idealismus ihrer schauspielerischen Aufbruchsjahre bewahrt. Sie will sich ausprobieren, will noch etwas lernen. Deshalb findet sie auch immer wieder zur Bühne zurück: „Ich werde durch die langen Probenzeiten beim Theater einfach besser“, sagt sie. Ihre geistige Frische spiegelt sich in ihrem Äußeren. Die Schauspielerin wird am 31. Januar 35 Jahre alt. Trotz ihrer klarsichtigen, bescheidenen Art wirkt sie sehr viel jünger und sie wirkt unverbraucht.
Foto: ZDF / von VietinghoffDer Automobil-Lobby "Erin-Brockovich"-like auf den Fersen. Silke Bodenbender als Versicherungsmathematikerin in dem ZDF-Turbo-Krimi "Erlkönig" von Urs Egger.
Eine Veronica Ferres lässt sich aus ihr nicht machen. Kinopremieren, Filmpartys und rote Teppiche sind nicht ihre Welt. Zum Deutschen Fernsehpreis musste sie notgedrungen, schließlich war sie nominiert und hat am Ende auch noch gewonnen. Talkshows hat sie bisher gemieden, selbst Interviews für die Presse gibt sie selten. Dabei ist sie ein ungemein angenehmer Interviewpartner. Sie denkt, bevor sie redet, fragt nach, ist um Genauigkeit bemüht oder sie belässt es einfach mal bei einer Vermutung („Vielleicht fallen den Autoren zu schwachen, weichen Frauen keine Geschichten ein?“). Bodenbender antwortet nicht in den gängigen Schauspielerfloskeln. Das Unwort „Herausforderung“ kommt ihr nicht über die Lippen. Nicht mal im Zusammenhang mit ihrer gewagten Stuntszene. (Text-Stand: 12.1.2009)