• Porträt Matthias Brandt in "Ein Sommer mit Paul"

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      Eins Festival, 21.03.2010, 17:45 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 4,0 von 6

      "Eine Tiefe, die man momentan eher selten findet im deutschen Fernsehfilm."

      Kein Monat, in dem Matthias Brandt nicht in einer außergewöhnlichen Rolle zu sehen ist. Der Sohn von Willy Brandt, dem ausgerechnet als Kanzleramtsspion Guillaume der Durchbruch gelang, ist der Darsteller des Normalen, des Unauffälligen, des Bescheidenen.

      In „Die zweite Frau“ war er als Mutti vergötternder Kindmann zu sehen, der sich eine junge Rumänin in die bayerische Pampa holt. Undurchsichtig blieb er im letzten „Tatort“ aus Frankfurt ebenso wie in Matti Geschonnecks „Todsünde“. Es vergeht kein Monat, in dem Matthias Brandt nicht in einer außergewöhnlichen Rolle zu sehen ist. Der 1961 in Berlin geborene Sohn von Willy Brandt, dem ausgerechnet als Kanzleramtsspion Guillaume der Durchbruch gelang, ist der Darsteller des Normalen, des Unauffälligen, des Bescheidenen, wenn er nicht gerade das asoziale Ekel mimt. Er liefert das Gegenbild zur lauten Mediengesellschaft. Und die Wirtschaftskrise wird ihm weitere Rollen auf den Leib schreiben.

      In einer seelischen Krise befindet sich Brandts trauriger Held in dem Fernsehfilm „Ein Sommer mit Paul“. Den ehemals berühmten Zauberer Raimund Balsam hat der Lebensmut verlassen. Darunter leidet sein Ziehsohn Paul, das Kind von Balsams Frau, die vor einigen Jahren tragisch ums Leben kam. Ihren Tod hat der als der große Balsamo einst Gefeierte bis heute nicht verkraftet. Mit Wein und Zynismen heilt er notdürftig seine Wunden. Zu größeren Shows fehlt ihm längst das Selbstvertrauen. Aber mit Jugendamt und Schwiegermutter ist nicht zu spaßen...

      Der Film hätte auch „Wenn der Vater mit dem Ziehsohne“ heißen können. Denn zum einen hat sich die ARD-Produktion offensichtlich vom 54 Jahre alten Rührstück-Klassiker „Wenn der Vater mit dem Sohne“ inspirieren lassen. Auch könnte man Brandt in den eindrucksvollen Schlussbildern als Bühnenmagier fast mit dem damaligen Hauptdarsteller Heinz Rühmann verwechseln. Der Filmtitel wäre aber auch angebracht, weil sich Sebastian Schubert und Claudia Garde ganz auf die Vater-Sohn-Geschichte konzentrieren und sich von einer anfangs ausgedachten Liebesgeschichte verabschiedeten. Und so ist es der 12-jährige Paul, der als erster ausspricht, was mit seinem Vater los ist. „Raimund Balsam schummelt und zaubert sich durch Leben“, sagt Garde, „seine manipulativen Fähigkeiten dienen ihm als Schutz.“ Der Held verweigert sich dem normalen Leben. Das muss nichts Schlechtes sein, wie Balsams phantasievolles, verwunschenes Haus offenbart. Leider nur verkommt seine Villa Kunterbunt zunehmend.

      Matthias Brandt beweist seit „Im Schatten der Macht“, dem Film über seinen Vater, ein gutes Gespür für die richtigen Rollen. Oft kommt er tragisch wie in „Contergan“ oder dem Stasidrama „Der Stich des Skorpion“. Auch das Schräg-Komische liegt ihm, wie das schwarzhumorige Volksstück „Leo“ oder seine Rolle als Grimme-Preis-gekrönter Briefträger in dem Provinzkrimi „Arnies Welt“ nachdrücklich zeigen. Zu großer Form läuft Brandt auf, wenn seine Figuren zwischen leicht und schwer, zwischen Problemzonen und Spaßbereitschaft treiben, wenn sie das Auf und Ab des Lebens widerspiegeln, ohne sich in billigem Beziehungskitsch zu ergehen, wie zuletzt in „Mütter, Väter, Kinder“.

      Auch „Ein Sommer mit Paul“ fesselt weniger durch eine ausgeklügelte Geschichte als durch die Unkonventionalität seiner Charaktere und ein spielfreudiges Ensemble mit einem herausragenden Hauptdarsteller. Wunderbar doppelbödige Dialoge wurden Brandts Magier von der traurigen Gestalt in den Mund gelegt. Das ergab „eine Tiefe, die man momentan eher selten findet im deutschen Fernsehfilm“, so der Schauspieler. Der besondere Reiz bestand für ihn darin, eine Hauptfigur zu spielen, die nicht jeder Zuschauer sofort ins Herz schließen muss. „Balsams Verhalten ist durchaus von einer gewissen Egozentrik geprägt“, konstatiert Brandt. Ein besonderer Reiz für einen Schauspieler liege darin, „eine solche Figur so zu spielen, dass man sich trotzdem nicht von ihr entfernt“.  

      Rainer Tittelbach


      Matthias Brandt in "Ein Sommer mit Paul"
      NDR / Porträt / Tragikomödie
      EA: 14.1.2009, 20.15 Uhr (ARD)
      Mit Matthias Brandt, Anna Thalbach, Max Schmuckert, Samuel Finzi und Judy Winter
      Drehbuch: Sebastian Schubert
      Regie: Claudia Garde
      Produktionsfirma: Kaminski Stiehm Film
      Quote: 4,82 Mio. Zuschauer (14,9% MA)



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