Gute Sitcom-Autoren gibt es wenige hierzulande. Einer von ihnen ist Bora Dagtekin („Doctor’s Diary“). Zum Auftakt der dritten und letzten Staffel von „Türkisch für Anfänger“ steht der 30-Jährige Rede und Antwort. Der Westdeutsche Rundfunk wiederholt die Serie ab dem 19. Juni 2011, sonntags, 17.50 Uhr, leider jeweils nur eine Folge!
Foto: WDRFür ARD-Verhältnisse eine ziemlich "junge Serie". Denn zum Küssen sind sie da...!
Text-Stand: 18.11.2008
Bora Dagtekin ist ein viel beschäftigter Mann. Mit der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ (Trailer) schloss er auf höchst unterhaltsame Weise den so genannten „Culture Clash“ und mit „Doctor’s Diary“, der alle deutschen Fernsehpreise einheimste, gab er der darbenden deutschen Serienproduktion wieder neue Hoffnung. Gute Autoren für Comedy-Serien sind selten hierzulande. Warum haben es gerade „seine“ Formate geschafft? „Ich versuche immer, die ersten Ideen, die ich habe, wegzuschmeißen. Ich glaube, andere nehmen sie.“
Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Für seine 30 Jahre hat er schon reichlich Berufserfahrung: Er arbeitete als Werbetexter, schrieb für „GZSZ“ und die Teenie-Serie „Schulmädchen“ und ulkte für die Behinderten-Kinoklamotte „Wo ist Fred?“, bevor er sich der deutsch-türkischen Freundschaft unter dem Dach einer chaotischen Patchwork-Familie annahm. Doch damit nicht genug: 2006 machte er noch sein Drehbuchdiplom und 2007 mutierte er endgültig zum Workaholic, schrieb die dritte Staffel „Türkisch für Anfänger“ und setzte die von Torschlusspanik und Gewichtsängsten getriebene Jungärztin Gretchen Haase für RTL auf die Schiene. Dagtekin: „In dieser Zeit bin ich auf dem Boden gekrochen.“
Foto: DagtekinEin Drehbuchautor, der ausgefallene Formate mag (in jeder Hinsicht): Bora Dagtekin
Beide Serien sind geprägt von einem Creative Producer und dem Chefautor. Es ist das amerikanische Modell. Doch es gebe einen erheblichen Unterschied, so Dagtekin: „Wir haben keinen Writers-Room. Jeder schreibt in seinem Kämmerchen. Die Kommunikation bei der Staffelplanung ist entsprechend nicht immer leicht.“ Erschwerend kommt hinzu, dass beide Serien nach dem Fortsetzungsprinzip gebaut sind. Sie müssen nicht nur in einer bestimmten Reihenfolge gesendet, sondern auch geschrieben werden. Und wenn es am Ende nicht passe, wenn beispielsweise die Prämisse der Serie nicht durchgehalten werde, dann schreibe er ganze Folgen neu. Auch beim Casting ist der Headautor dabei. „Ich muss ja wissen, wer eine bestimmte Rolle spielt. Denn was bringt es, wenn ich für einen Schauspieler eine verspielte Screwball-Rolle schreibe, die ihm nicht liegt, weil er ein trockener Stromberg-Typ ist.“
Soundtrack: u.a. Coldplay ("Viva la vida"), A Fine Frenzy ("Almost Lover"), Stars ("My favourite book"), The Kooks ("Gap"), Goldfrapp ("Hapiness"), Jamie Lidell ("Another Day"), Sigur Rós ("Inni mer syngur"), Laura Veirs ("Galaxies"), Super Furry Animals ("Hello Sunshine"), The Coral ("In the morning")
Die dritte Staffel „Türkisch für Anfänger“ sei „abgefahrener, komischer und verrückter“ als die zweite, befindet Dagtekin. Back to the Roots – auch was die Gefühle angeht. Die Liebe zwischen dem deutschen Girlie und ihrem türkischen Bruder steht wieder im Zentrum. Für mehr Zuschauer zwischen 20 und 30 soll ein Zeitsprung sorgen. Lena drängt ins Berufsleben und Cem vergeigt sein Abitur und träumt den Türken-Traum vom HipHop-Star. „Unsere Helden zwei Jahre älter zu machen, war eine gute Idee, um realistisch bleiben zu können.“
Neben popkultureller Selbstreferenz wird auch das multikulturelle Zusammenleben wieder mit viel Ironie bedacht. „Für mich war die deutsch-türkische Integration der Familie nach Staffel 1 abgeschlossen“, so Dagtekin. Dabei ließ er sich von seiner eigenen Sozialisation beeinflussen: Sein Vater ist Türke, seine Mutter Deutsche, er ist in Hannover geboren. Das deutsch-türkische Zusammenleben war für ihn immer eine Selbstverständlichkeit. Weil es die Zuschauer aber anders wollen, widmet er sich wieder verstärkt den Widersprüchen der Kulturen und schickt Cem und dessen Schwester Yamur auf die Suche nach ihrem Selbstverständnis. Und da purzeln sie wieder durcheinander, die Klischees, da ist die Hausfrau mit Kopftuch, da der Türken-Rapper. Für jenes Spiel mit sozialen Stereotypen müsse man genau sein und hinter die Rollenbilder schauen. „Sicher ist Cem auf den ersten Blick ein Proll, er ist aber auch ein ambivalenter Mensch, der ernst zu nehmen ist mit seinen Wünschen und Bedürfnissen“, findet sein Erfinder. „Sobald man beim Figurenerzählen ins Detail geht, wird es meist schnell originell. So werden die Figuren echt und die Klischees gebrochen.“
Foto: WDRErst die (Beziehungs-)Arbeit, dann das Vergnügen. Josefine Preuß, Elyas M'Barek
Ähnlich gut gemachte Unterhaltung wie die Grimme-Preis-gekrönte ARD-Vorabendserie ist auch Dagtekins anderer großer Wurf, „Doctor’s Diary – Männer sind die beste Medizin“, an dessen zweiter Staffel er gerade bastelt. Diana Amft wird weiterhin eine Ärztin spielen, die auf dem nie enden wollenden Weg zum (Liebes-)Glück kein Fettnäpfchen auslässt. Auch über die RTL-Serie gerät ihr Autor ins Schwärmen. In einem Einstunden-Format für die Prime-Time sei mehr machbar. „Wir haben mehr Möglichkeiten, Atmosphäre zu entwickeln und Gefühle groß zu erzählen“, so Dagtekin. Außerdem sei eine solche Romantic-Comedy offen für Themen mit moralischer Aussage. Die Serie ist deutlicher auf die weibliche Zielgruppe zugeschnitten. Sie ist nicht so kurzatmig und schnell geschnitten wie das ARD-Format, sicher auch weniger bissig und trocken im Humor. „Die Serie ist charmanter, alles wirkt ein wenig rosa, Kitsch- und Glamourfaktor sind größer und entsprechend ist für Identifikation mehr Raum“, beschreibt Dagtekin seine neue Herzensangelegenheit. „Ich wollte wissen, ob es möglich ist, Quote zu machen, ohne sich selbst zu verraten“, sagt er. Es ist offenbar möglich. Einschränkungen habe er keine empfunden. Warum auch, es gebe ja keine festen Regeln für junge deutsche Prime-Time-Serien, weil zuletzt kein Format funktioniert habe. Daraus zieht Dagtekin gewohnt selbstbewusst den Schluss: „Man muss das Gesetz selber sein.“
Foto: RTLBei "Doctor's Diary" findet Bora Dagtekin den richtigen Ton zwischen schräger Comedy, romantischen Einlagen und "moralischen" Exkursen. Stark: Amft und Fitz