Was macht eigentlich Grimme-Preisträgerin Katrin Bühring, fragt man sich anlässlich der Wiederholung des Steuerhinterziehungsdramas "Eine Hand schmiert die andere", in der sie ihre erste Hauptrolle spielte? Das Porträt von damals zu lesen, kann aufschlussreich sein.
(Text-Stand: 5.7.2000) Während Wedel noch an seinem Fiskus-Fünfteiler “Die Affäre Semmeling” bastelt, macht sich in der ARD eine kleine Finanzbeamtin auf, den Raffkes und Amigos das Fürchten zu lehren. “Eine Hand schmiert die andere” erzählt aus der Perspektive einer vermeintlichen Null von den Machenschaften derjenigen, die die Nullen hinter dem Komma schon gar nicht mehr zählen. “Kleine Leute bewegen große Dinge”, so bringt die Drehbuchautorin Ina Siefert die Geschichte auf den Punkt.
Ein unbeschriebenes Blatt zeigt es den Geldkofferträgern. Da lag es nahe, dass die Hauptdarstellerin kein allseits bekanntes Fernsehgesicht sein sollte. Peter Fratzscher hatte Katrin Bühring in einem Kurzfilm gesehen. Nach einem kurzen Treffen hatte die 22-Jährige die Rolle der grauen Beamten-Maus. Ihre Gisela sei “ein Frau, die hin schaut”, sagt sie. “Sie fragt nach, sie hakt nach und wehrt sich gegen das Büro-Mobbing.” Dabei stolpert sie fast zwangsläufig über die unschönen Machenschaften süddeutscher Spezl-Wirtschaft.
In Bad Filskrichen ist es zunächst der Heimatverein, der einen Zwei-Millionen-Scheck ein wenig zu heimatverbunden verbucht. Gisela Weinberger deckt diese Steuerhinterziehung auf - und wird in die Oberfinanzdirektion nach München befördert. Hier erschießt sich gleich an ih- rem ersten Arbeitstag ein bankrotter Firmeninhaber vor ihren Augen. Das Blut spritzt - und die Reinigungsfirma Pfau ist zur Stelle. Wisch und weg. So sehen es die Kollegen. Doch Giselas Intuition sagt etwas anderes: Auch der verzweifelte Selbstmörder hatte eine Reinigungsfirma. Und dessen Steuerschuld wurde deutlich viel zu hoch bemessen. Offenbar waren da noch ganz andere Interessen im Spiel.
“Gisela hat immer weniger zu verlieren, sie löst sich immer stärker von den Konventionen ihrer Umgebung”, beschreibt Katrin Bühring die Entwicklung der handlungstreibenden Hauptfigur. Aus der eigenen Erfahrung konnte sie bei der Gestaltung ihrer Gisela nur wenig schöpfen. Die Welt des Büroalltags war ihr ebenso fremd wie die Kleiderordnung mit Blusen, Kostüm und billigen Schuhen. Also versuchte die Noch-Schauspielschülerin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover sich über das Handwerk der ungewöhnlichen Rolle anzunähern. Sie legte Ausdruck in die Details: “wie diese Frau geht oder wie sie schaut und blickt.” Die junge, etwas spröde Heldin bleibt bei sich, und hinter ihrer Brille versteckt sie sich fast wie hinter einer Glaswand.
Katrin Bühring ist eines jener, wie es oft heißt, “frischen, unverbrauchten Gesichter”. Die in Rathenow geborene Schauspielerin weiß das. Deshalb ist sie vorsichtig. “Es gibt so viele junge Talente, die als Licht aufflackern und gnadenlos verkauft werden - doch dann ist es irgendwann vorbei”, sagt sie. Sie selbst wolle wach bleiben und früh lernen, nein zu sagen. “Geschafft hat man es - glaube ich - nie”, betont sie. “Da muss man sich nichts vormachen. Man sollte sich eher immer wieder klein machen.” Bei so viel Vernunft muss sie dann doch schmunzeln.
Dass sie großes Talent hat, sehr wandlungsfähig ist und eine seltene Ernsthaftigkeit an den Tag legt - erkannte auch Margarethe von Trotta, die die 22-jährige letzten Sommer für das Renommier-Projekt “Jahrestage” engagierte. Zeitgeschichtliche Stoffe haben es ihr ohnehin bisher am meisten angetan. Mit Genrefilmen kann sich die lange Jahre in Berlin Ost lebende Frau weniger anfreunden. So führt sie denn auch ihr nächstes Projekt in die Ost/West-deutsche Spionagevergangenheit: an der Seite von Martina Gedeck spielt sie in dem Fernsehfilm “Romeo”. Es ist die Geschichte einer Frau, die aus der Liebe zu einem Mann für die DDR im Westen spioniert.