Er könne all die immergleichen Fragen nicht mehr hören, sagte Loriot. Deshalb montierte Klaus Michael Heinz zum 85. aus alten Interviews und den größten Lacherfolgen des Meisters die ebenso launige wie informative Collage „Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow genannt Loriot“ – ohne Kommentar und ohne gefühliges Geburtstagspathos.
Loriot unvergesslich: die kultivierte Anmoderation seiner Sketche vom Sofa aus.
Loriot wird heute 85 Jahre alt. Anders als bei seinen vorherigen runden Geburtstagen wollte er sich dieses Mal nicht mit einer großen TV-Show feiern lassen. Bereits vor zwei Jahren erkannte er, dass seine Art, Fernsehen zu machen, mit den heutigen Produktionsbedingungen unvereinbar sei, und erklärte seinen endgültigen Rückzug aus dem Mediengeschäft.
Die komischen TV-Auftritte des als penibler Bastler bekannten, in Brandenburg an der Havel geborenen Humoristen hielten sich schon in den letzten Jahren in Grenzen. Doch seine Klassiker sind unvergessen: die unromantische Nudel, Mutters Klavier, die Plastikente, die draußen bleiben muss, das Probeliegen im Kaufhaus, die kapitale Wohnzimmerverwüstung.
Seine Komik ist zeitlos. Seine Dialoge sind Preziosen gestörter Kommunikation. Gepflegtes Aneinandervorbeireden als Kunstform machte er in Deutschland gesellschaftsfähig. Sätze und Redewendungen wie „Bitte sagen Sie jetzt nichts“ oder „Das Beste sitzt unter der Haut“ brannten sich ins kollektive Gedächtnis. Oft ist es nur ein Wort, eine Betonung, die ausreichte, um Kult zu werden: das lang gezogene „Mooooment“ oder das lakonische „ach was!“ sind besonders beliebt bei Fans. „Das ist ja wie bei Loriot“ ist noch heute eine beliebte Floskel.
Loriot machte den Alltag zum Hauptgegenstand seiner Komik. „Mich hat immer das interessiert, was wirklich ist, was jedem täglich passiert“, sagte er einmal. Auf die kleinen Absurditäten des Alltags, das scheinbar Banale, hat er sein Augenmerk gerichtet und so das Groteske unseres Daseins entwaffnend aufgezeigt. Das starre Festhalten an Konventionen, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Rituale waren häufig Gegenstand seiner Komik. Die Ordnungsliebe der Deutschen zog er genau so gerne durch den Kakao wie die ungelenke Beamtensprache und die verbalen Schönfärbereien der Werbung.
„Die Macht geht vom Volke aus“ – dieses demokratische Prinzip nahm Vicco von Bülow alias Loriot wörtlich. Wie kein anderer hat er den deutschen Humor in den letzten 50 Jahren mitgeprägt. Er setzte gegen die langatmige Klamotte den kurzen Sketch, kam als Karikaturist mit wenigen Strichen dem Menschlich-Wesentlichen näher als die Würdenträger der Hoch-
kultur. Maßgeblich trug er zur Demokratisierung der lustfeindlichen Nachkriegsgesellschaft bei. Es ist kein Zufall, dass er seine größten Erfolge zwischen Mitte der 60er und dem Ausgang der 70er Jahre feierte. „Können Sie nicht als Moderator eine Dokumentationsreihe über die Komik übernehmen?“, wurde er 1967 gefragt. „Cartoon“ war geboren, eine Sendung, der er bald seinen Stempel aufdrücken sollte. Ein Jahrzehnt später machte er mit der unvergessenen Evelyn Hamann die Reihe „Loriot“, sechs Sendungen für die Ewigkeit, in denen er vor allem den Beweis dafür antrat, dass Männer und Frauen nicht zusammen passen.
Loriot setzte gegen die langatmige Klamotte den Sketch und als Karikaturist kam er mit wenigen Strichen dem "Wesentlichen" des Menschen näher als die Hochkultur.
Ohne den verlorenen Krieg wäre aus Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow gewiss nicht Loriot geworden. 1941 schlug er – wie es Familientradition war – die Offizierslaufbahn ein. Nach dem Krieg mit dreijährigem Einsatz an der Ostfront riet ihm der Vater das zu studieren, wozu er Talent habe: Malerei und Grafik. Da Zeitschriften Karikaturisten suchten, verlegte sich von Bülow bald auf diese ironische Kunstform und brachte Mitte der 50er Jahre seinen ersten eigenen Cartoon-Band heraus. Markenzeichen wurden seine Knollennasenmännchen.
Für ZDF-Shows erfand er die Zeichentrickfiguren Wum und Wendelin. Durch Wum wurde sein Erfinder sogar zum Hitparadenstar: Für „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Mietzekatze“ lieh Loriot dem gezeichneten Hund seine Stimme. In zwei erfolgreichen Kinofilmen variierte er noch einmal in reifem Alter seine Lieblingsthemen. Aber auch Ausflüge in die hehren Künste wagte der Karikaturist, Autor, Regisseur, Schauspieler, Wagner-Verehrer, Mops-Liebhaber, Bundesverdienstkreuz-Träger und Rechtschreibreform-Gegner gelegentlich: von Bülow inszenierte Opern und dirigierte das humoristische Festkonzert zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker.
Das, was sich die ARD statt einer Gala ausgedacht hat, ist für Loriot, der es sich in diesen Tagen mit Frau und Kindern in einem Schlosshotel in Oberbayern gut gehen lässt, und auch für die Zuschauer das sinnvollere Geschenk. Er könne all die immergleichen Fragen nicht mehr hören, sagte er des Öfteren. Deshalb montierte Klaus Michael Heinz aus alten Interviews und den größten Lacherfolgen des Meisters die ebenso informative wie launige Collage „Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow genannt Loriot“ – ohne Kommentar und ohne gefühliges Geburtstagspathos. In den 90 Minuten wird Loriot auch zu seinem Perfektionismus befragt. Er sei noch pingeliger als sein Ruf, sagt er und fügt mit ernster Miene hinzu: „Ich schreibe an einem Sketsch zwischen acht Tagen & acht Jahren.“ (Text-Stand: 13.11.2008)