Die Nachdenklichkeit, die Tauber gleich zu Beginn beschleicht, der Widerwille gegen diesen Fall, in dem er und seine Kollegin unter dem Druck der Öffentlichkeit und ihrer eigenen Psyche selbst zu Monstern werden, diese Nachdenklichkeit könnte auch den Zuschauer beschleichen: Ist es die mediale Inflation des Mordens, die immer größere TV-Perversitäten hervorbringt? Oder ist es die Wirklichkeit, die solche Geschichten erzwingt?
Foto: BR / Marco NagelDer Fall nimmt Kommissar Tauber über die Maßen mit. Edgar Selge & Michaela May
s ist ihr 15. Fall, die Münchner Hauptkommissare Tauber und Obermaier haben schon so einiges sehen müssen. Mit was sie sich allerdings dieses Mal befassen müssen – das ist der Alptraum schlechthin. Eine Familie wurde ausgelöscht. Die Nachdenklichkeit, die Tauber gleich zu Beginn beschleicht, der Widerwille gegen diesen Fall, in dem er und seine Kollegin unter dem Druck der Öffentlichkeit und ihrer eigenen Psyche selbst zu Monstern werden, wie er es später glasklar analysiert, diese Nachdenklichkeit könnte auch den Zuschauer beschleichen: Ist es die mediale Inflation des Mordens, die immer größere TV-Perversitäten hervorbringt? Oder ist es die Wirklichkeit, die solche Geschichten erzwingt?
Der „Polizeiruf 110: Wie ist die Welt so stille“ ist gegen jeden Verdacht, mit Gewalt zu spekulieren, erhaben. Die Kamera hält Distanz zum Tatort, die Bilder deuten nur an. Auch Tauber will sich nicht vom Schrecken der Bilder irritieren lassen. Als Ersatz für die Polizeifotos schreibt er Zettel, die das Blutbad beschreiben. „Das ist viel präziser und abstrakter – ich kann mich so besser aufs Wesentliche konzentrieren“, sagt er. Das ist klug von ihm. Doch es nützt nichts. Der Fall saugt ihn auf. Wie ein Gespenst huscht der Einarmige durch die Szenerie, schüttet Powerdrinks in sich hinein, um dem Schlaf, der nur Alptraum bedeuten kann, zu entfliehen. Selge ist stets gut als den Blues blasender Tauber. Hier spielt er das Lied vom Tod grandios. „Tauber funktioniert nicht mehr“, zeigt sich Obermaier besorgt.
Umso besser funktioniert der deutsche Fernsehkrimi, wenn er jungen Talenten das Feld überlässt, Autoren und Regisseuren, die frei von jeglicher Routine, mit unverstelltem Blick sich Deutschlands liebstem TV-Genre nähern. Hans Steinbichler, dessen „Hierankl“ sechs Grimme-Preise abräumte, Chris Kraus, der für „Vier Minuten“ den Bayerischen und den Deutschen Filmpreis gewann, nahmen sich zuletzt in ästhetisch unnachahmlicher Art „Bella Block“ an. Nun ist das neue Traumpaar Alain Gsponer und Alex Buresch an der Reihe. Ihre Geschichte vom Blutbad am Rande der Stadt ist selbstreflexiv und sie heftet sich nicht nur auf die Fersen des Mörders, sie sucht auch nach Spuren im Sozialen. „Wo bin ich?“, fragt die einzige Überlebende der Familie nach dem ersten Schock. „Zuhause“, antwortet Tauber.
Foto: BR / Marco NagelIhre Familie wurde brutal "ausgelöscht". Tauber tröstet. Selge & Nadja Bobyleva
In ihrem letzten Film, der Tragikomödie „Das wahre Leben“, erzählen die beiden Shooting-Stars der Branche, wie sich eine gut situierte Familie nach und nach selber auflöst: ein arbeitsloser Manager versucht nach 12 Jahren weitgehender Abwesenheit wieder die Zügel in die Hand zu nehmen, derweil die Söhne ihr Coming-out erleben oder sich mit Bombenbasteln die Langweile vertreiben. Als „eine würdige deutsche Antwort auf ‚American Beauty’“ bezeichnete der „Spiegel“ den Film. Friedvoller vollzieht sich der Niedergang der Familie im ersten Gsponer/Buresch-Langfilm „Rose“. In dieser ernsthaften Komödie um eine Sponti-Mutter, ihre drei fast erwachsenen Söhne und einen völlig abwesenden Vater, sind die „So-lange-du-deine-Füße-unter-meinen-Tisch“-Zeiten zwar längst vorbei, doch den Ton in ihrer scheinbar basisdemokratisch organisierten Villa Kunterbunt gibt die von Corinna Harfouch überragend gespielte Hauptfigur an – oder sie versucht es zumindest. Die zwei Filme haben alle erdenklichen Preise abgeräumt. Zu Recht. Der Kinofilm „Das wahre Leben“, der Hannah Herzsprung den Deutschen Filmpreis und Katja Riemann den Bambi bescherte, ist der beste deutsche Film 2007. Falsch vermarktet, floppte er an der Kinokasse. Und die Programmplaner der ARD machten es nicht viel besser, indem sie den „Polizeiruf“ im Windschatten des noch blutigeren RTL-Thrillers „Das Jüngste Gericht“ sendeten.