Friedemann Fromm gehört zur Generation der kreativen Kopfarbeiter im deutschen Fernsehen. Qualität und Quote sowie Krimigenre und Sozialkritik versöhnt er immer wieder in seinen Filmen. Mit seinem vierten Bayern-„Tatort“, einem spannenden Thriller um Todesspritzen und Pflegenotstand, ist ihm ein außergewöhnlicher Krimi gelungen.
Foto: BR / Julia von VietinghoffDie Herrn Kommissare undercover in schmucker Livree. Wachtveitl und Nemec
Friedemann Fromm ist ein Ausnahme-Regisseur. Seine Filme finden sich in den letzten Jahren in schöner Regelmäßigkeit auf den Nominierungslisten aller wichtigen Fernsehpreise. Für die Senta-Berger-Reihe „Unter Verdacht“ erhielt er 2003 den Grimme-Preis. Erfolgreich relaunchte er die „Die Männer von K3“, machte aus einem verstaubten Krimi-Oldtimer eine zeitgemäße Krimireihe. Der gebürtige Stuttgarter ist ein Mann mit genauen visuellen Vorstellungen. Er gehört zu jener Generation der kreativen Kopfarbeiter, die als eine Art historische Synthese aus den Handwerkern der 50er und 60er Jahre und den „Autoren“ des Neuen Deutschen Films in jenem Jahrzehnt, als die Filmhochschulen in Deutschland boomten, hervorgegangen ist. Fromm ist Absolvent der HFF München. Ohne Leute wie ihn wäre das Qualitätsfernsehen ärmer. Ohne den ästhetischen Weitblick solcher Regisseure wäre das Fernsehen hierzulande längst im Mittelmaß seichter Unterhaltungsfilme versunken.
Krimis scheinen es ihm angetan zu haben. Nach seiner vielbeachteten „Sperling“- Episode im vergangenen Herbst hat sich Friedemann Fromm zum vierten Mal dem ARD-Flaggschiff für spannende Verbrechensbekämpfung angenommen. Das Münchner „Tatort“-Duo, das sich nach über zehn Jahren kontinuierlich starker Ermittlerdiensten 2002 den Grimme-Preis abholte und dessen Geschichten seither ein wenig schwächeln, verdankt ihm und dem Drehbuch von Christian Jeltsch endlich einmal wieder einen herausragenden Film. Thematik, Regie-Stil und das Spiel der Schauspieler sind gleichermaßen einzigartig.
Foto: BR / Julia von VietinghoffEin kaltblütiger Killer ist dieser Krankenpfleger Peschen (Jörg Schüttauf) zwar nicht, Leitmayr (Udo Wachtveitl) aber, der sich in seiner Gewalt befindet, schwitzt gehörig.
In „Außer Gefecht“ geht es um einen „Todesengel“, einen Krankenpfleger, der ein Dutzend Menschen in den Tod gespritzt hat. Für Leitmayr ist jener Peter Peschen ein Killer, einer, der gegen das Gesetz verstoßend Gott spielt. Kollege Batic sieht das weniger verbissen: „Es waren zwölf erbärmliche Leben, die dieser Mann beendet hat, wahrscheinlich sogar auf Wunsch.“ Im Verlauf der Handlung werden sich die Haltungen annähern. Vor allem Leitmayr wird sich eines Besseren belehren lassen. In der Gewalt des Krankenpflegers, ein Spritze im Rücken, die ihm von Minute zu Minute unerträglichere Schmerzen bescheren, erhält er bald eine Ahnung davon, wie es denen gegangen sein mag, denen Peschen die Todesspritze setzte. Der Kommissar versteht mehr und mehr, was sein „Kontrahent“ meint, wenn er sagt: „Wir können nicht so mit unseren Eltern umgehen!“ Leitmayr fühlt sich ertappt und projiziert seine Schuldgefühle umso heftiger auf diesen Mann. Er, der seinen Vater in einem Pflegeheim versauern ließ, muss erfahren, dass Peschen auch seinen alten Herrn „erlöst“ hat.
Dieser „Tatort“ setzt ungewöhnlich ein. Die Kommissare sind gleich zu Beginn, chic gewandet in Kellner-Livree, undercover im Einsatz. Auf dem Münchner Olympiaturm soll ihnen der seit Monaten gejagte Todesengel in die Falle gehen. Nach einigen Unstimmigkeiten haben sie Erfolg. Die Handschellen machen klick – Jäger und Gejagter bleiben die nächsten 80 Minuten aufs Engste miteinander verbunden. Peschen, der todkrank ist und offenbar nichts mehr zu verlieren hat, dreht nach einer vermeintlichen Unachtsamkeit den Spieß um. Gemeinsam finden sich der Krankenpfleger und sein erbittertster Gegner im Aufzug des Olympiaturms wieder. Der Aufzug bleibt stecken. Batic kann gerade noch über das Nottelefon erfahren, dass Peschen Leitmayr eine Spritze gesetzt hat. Dann reißt der Kontakt ab.
„Wir erzählen eigentlich drei Filme in einem“, sagt Friedemann Fromm. Zu viel dürfte das dem Zuschauer, der zunehmend durch Serien wie „24“ geschult ist im mehrschichtigen Krimi-Fern-Sehen, nicht werden, zumal die Stränge klar durcherzählt sind. Da ist zum einen das Kammerspiel im Fahrstuhl. Jörg Schüttauf, selbst in Frankfurt als „Tatort“-Kommissar im Einsatz, und Udo Wachtveitl liefern sich hier ein aufregendes Psycho-Duell. „Die Schauspieler haben sich in diese Szenen richtig reingewühlt, sie haben viel improvisiert und wir haben chronologisch gedreht, was die Intensität sichtlich erhöht hat“, so Fromm. Konventioneller sind die aktionsgeladenen Sequenzen in der Münchner Nacht. Polizei, Liftwartungsfirma und ein Mediziner im Wettlauf mit der Uhr, das ist zwar klassische Thrillerspannung, im „Tatort“ aber bekam man so etwas lange nicht zu sehen. Ein dritter Teil, der die unzumutbaren Zustände in deutschen Pflegeheimen zeigt, legt sich wie ein Leichentuch über den Film.
Was dieser „Tatort“ über den Pflegenotstand nebenbei erzählt, das hat Christian Jeltsch wochenlang genauestens recherchiert. „Patienten und Pfleger sind gefangen in einem verordneten System, das alle zu Verlierern macht“, sagt der Autor, mit dem Fromm schon mehrmals zusammengearbeitet hat. „Es gibt ein enges Zeitfenster, innerhalb dessen ein Pflegebedürftiger gewaschen, gesalbt, gewickelt und gefüttert werden muss“, so Fromm, „für die Pfleger ist das einfach nicht zu schaffen.“ Also mache man vieles nicht. Und so komme es beispielsweise, dass die, die das Trinken verweigern, verdursten, weil für das aufwändige Trinken mit Schnabeltasse nicht genug Zeit bleibt.
Foto: ZDFNach seiner "Tatort"-Krimizeit kamen für Friedemann Fromm die historischen Stoffe.
Ein harter Stoff. Vor zehn Jahren wären solche Geschichten Fernsehfilm-Einzelstücke gewesen. Heute übernimmt das Krimigenre zumeist die Funktion, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen. Fromm findet es gut, auf diese Art und Weise acht bis neun Millionen Zuschauer für ein so schwieriges Thema zu bekommen. „Ich weiß nicht, ob sich die Leute einen Fernsehfilm über Sterbehilfe anschauen würden.“ Die Zeiten des kritischen Fernsehspiels der 70er Jahre seien vorbei. „In der Verpackung des Krimis aber ist mehr denn je möglich, auch formal“, so Fromm. „Wenn man heute im Fernsehen von sozial schwachen Schichten erzählen will, dann macht man das in einem Krimi.“ Und wenn man etwas über Korruption in der Politik machen will, dann konzipiert man heute eine Reihe wie „Unter Verdacht“ mit einem Zugpferd wie Senta Berger und hat Publikum wie Kritik auf seiner Seite. Fromm: „Dass dies das richtige Konzept ist, zeigt der Umstand, dass alle Einzelstücke über Korruption, politische Intrigen oder Thema Macht in letzter Zeit nicht funktioniert haben.“
So lassen sich in Krimi-Reihen wie „Unter Verdacht“ und „Tatort“, aber auch „Bella Block“ oder „Polizeiruf 110“ Qualität und Quote aufs eindrucksvollste versöhnen. Das ist Fernsehen mit Konzept und Kalkül, gemacht von Kreativen mit Köpfchen. Ein Fernsehen, für das Leute wie Friedemann Fromm, Roland Suso Richter, Thomas Bohn, Martin Enlen, Nico Hofmann oder Dominik Graf stehen. Bis auf den etwas älteren Graf der "Generation Golf" entstammend, sind sie in die Generation der Kopfarbeiter aufgerückt, die es lieben, auch konzeptionell zu arbeiten. Sie sehen mehr als ihren individuellen künstlerischen Anspruch. Sie sehen Film als das, was er ist: ein komplexes Kommunikationssystem. Sie teilen nicht nur die Erfahrungen einer Generation, die das Kino liebt, aber mit Fernsehen aufgewachsen ist, sondern sie machten alle auch die Erfahrung, vom Kino nicht genügend zurückgeliebt worden zu sein. Ob Fromms „Schlaraffenland“, Bohns „Straight Shooter“ oder Grafs „Die Sieger“ – alle haben ihr Waterloo im Kino erlebt. Das Fernsehen, das sie besser als das Kino zu verstehen scheinen, erweist sich für sie als das ideale Medium. (Text-Stand: 7.5.2006)
Foto: NDR / ArteEiner der stärksten Leistungen von Veronica Ferres: Fromms "Vom Ende der Eiszeit"