Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
Ein wunderbarer Film über die kleinen Leute ist Bernd Böhlich mit „Du bist nicht allein“ gelungen. Nach 15 Jahren Fernsehen wollte der zweifache Grimme-Preisträger mal dagegen halten. „Ich musste mir erst den Frust von der Seele schreiben“, erinnert er sich.
Foto: RBBFrau Moll (Katharina Thalbach) hat Arbeit, der Gatte (Axel Prahl) nicht viel an.
Fünf Menschen suchen nach Auswegen aus der Arbeitslosigkeit und nach Auswegen aus ihrer Einsamkeit. Der Anstreicher Hans Moll hat sich eingerichtet im Hartz-IV-Alltag. Erst als er die neue Nachbarin, die schöne Russin Jewgenia, kennenlernt, überkommt ihn eine große Unzufriedenheit. Frau Moll dagegen freut sich wie Bolle: endlich Arbeit! Eine Stelle beim Wachdienst. Einen Monat auf Probe, unbezahlt, dafür gibt es die Uniform gratis. Kurt Wellinek hat schon richtig gute Zeiten gesehen. Doch jetzt ist der Physiker arbeitslos, kämpft mit seiner Alkoholsucht und verrechnet seine Abfindung mit seiner Lebenserwartung. Von seiner Zwei-Zimmer-Behausung hat er einen guten Blick auf das Haus, in dem er mal wohnte, und auf seine Frau – die quakt im Synchronstudio, um die Raten fürs Haus abzuzahlen.
Ein wunderbarer kleiner Film über die kleinen Leute ist Bernd Böhlich mit „Du bist nicht allein“ gelungen. Kein Zeigefingerfilm, kein Film, der in Betroffenheit und Tristesse versinkt, aber auch kein Film, der seine Protagonisten vorführt. Stimmungsvolle Melancholie, leiser Humor und eine liebevolle Sozialromantik liegen über diesem sommerlichen Mutmach-Movie aus Marzahn, das es ins Kino schaffte und jetzt in der ARD – man staune! – um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird. Bernd Böhlich hatte es einfach satt, die standardisierten Genre-Vorgaben des Fernsehens zu bedienen: immer nur Krimis und Melodramen, Mord und Totschlag, immer nur die Gewinner im Blick. „Die meisten TV-Produktionen handeln vom Leben der Mittel-
schicht, die Protagonisten wohnen in teuren Lofts und arbeiten in Lifestyle-Redaktionen“, so Böhlich. „Man muss nicht jeden Abend einen Film zeigen, in dem es um Arbeitslosigkeit geht, aber ich wünsche mir, dass es in den Filmen mehr nach dem wirklichen Leben riecht.“
Foto: RBBMarzahn kann's nicht ein Leben lang sein: Moll (Axel Prahl) macht die Biege.
Fast 15 Jahre hat er sich dem Fernsehen verschrieben. Bernd Böhlich hat schöne, oft herausragende Filme gemacht. Mit zwei Grimme-Preisen für „Landschaft mit Dornen“ und den „Polizeiruf 110: Totes Gleis“ mit Otto Sander und Ben Becker hatte er einen guten Start nach der Wende. Anfangs veredelte er mit Ost-Stars so manches Durchschnittsscript. Allzu glatte Storys raute er auf mit einem Realismus, den er selbst in seinen ersten Jahren beim DDR-Fernsehen zwar nie hat realisieren können, den er aber aus dem Kino der DEFA kannte. Böhlich wurde zum Alibi-Ossi mit Handschrift. Höchstform erreichte er meist im „Polizeiruf 110“. Die zweite Wende kam für ihn 1999. Produzentin Regina Ziegler entdeckte ihn für „höhere“ Aufgaben. Die fünfteilige Charlotte-Link-Verfilmung „Sturmzeit“ war der Anfang, mit dem Axel-Springer-Biopic „Der Verleger“ ging es weiter und schließlich ließ er im Rührstück „Alles Samba“ Gudrun Landgrebe als kühle Geschäftsfrau zu künstlichen Schneeflocken ihr Herz für Kinder entdecken. Danach war nicht mehr viel Luft nach unten.
Für Bernd Böhlich höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen. Und so schrieb er „Du bist nicht allein“ – fünf Jahre und zehn Buchfassungen. „Ich musste mir erst den Frust von der Seele schreiben“, erinnert er sich. Die erste Fassung war böse, steckte voller Wut. „Ich freundete mich langsam mit dem Begriff der Unterhaltung an.“ Lösungen für die kapitalistischen Gebrechen kann Böhlich nicht aus dem Hut zaubern. „Du bist nicht allein“ – auch wenn Axel Prahl als verliebter Plattenbau-Langzeitarbeitsloser den Roy-Black-Schlager seiner Angebeteten vorbrummt, so bedeutet der Filmtitel doch vor allem „eine Ermutigung an die, die sich jeden Tag durchkämpfen“. Auch Böhlich musste sich durchkämpfen. Mit nur einer Million Euro musste er den Film stemmen. Er selbst, Prahl und Katharina Thalbach hatten auf einen Teil ihrer Gagen verzichtet. Aber auch die Situation, in der sich Herbert Knaups arbeitsloser Physiker befindet, kennt der 52-jährige Regisseur, der zuletzt mit dem Episodenfilm „Bei uns um die Ecke“ Kindern das Grundgesetz näher brachte, aus eigener Erfahrung: „Ich bin auf dem Arbeitsamt angeraunzt worden nach drei Stunden Wartezeit. Ich fühlte mich gedemütigt, fühlte mich und meinen Beruf nicht ernst genommen.“ (Trailer)
Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr
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