Entführt
    • Mehrteiler „Entführt“

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      2. Teil, 3sat, 19.06.2013, 22:25 Uhr - Wiederholung

      Geschonnecks Meisterstück: Großes Fernsehen ohne Zwang zur Großspurigkeit

      Rainer Tittelbach
      „Entführt!“ mit Nina Kunzendorf und Heino Ferch erzählt ein typisches Krimisujet und ist im Rahmen des Genres doch ein ungewöhnlicher Film. Nicht zuletzt ist der Zweiteiler von Matti Geschonneck, der das Familiendrama hinter einer Geiselnahme sucht, ein ebenso spannendes wie kunstvoll verknapptes Stück Erzählfernsehen - elegant, nachhaltig, perfekt.

      Merten & von Borsody
      Foto: ZDF / Walter Wehner

      Als Erstes wird das "Zielobjekt" observiert. Thorsten Merten, Suzanne von Borsody

      Ganz leise dringt die Bedrohung in die Familie Bergmann. Die drei erklimmen einen Berggipfel. Der Vater strahlt, die Teenagertochter tollt herum, sogar die Mutter lächelt fürs Familienfoto. Doch ein anderer Kamera-Sucher dringt in die ausgelassene Fotosession der glücklichen Familie. In der Folgezeit konzentriert sich das Interesse ganz auf Hannah Bergmann, das pubertierende Töchterchen. Es dauert einige Tage, dann werden die Beobachter aktiv. Tochter und Vater werden entführt. „Gehen Sie nach Hause und warten Sie auf unsere Anweisungen“, sagt eine kalte Stimme am Telefon. Liane Bergmann ahnt, worauf das hinausläuft und verständigt sofort die Polizei. Als sie die Summe hört, die die Geiselnehmer haben wollen, fröstelt es die sonst so nervenstarke Frau. 22 Millionen Euro – für eine kleine Chirurgin und einen erfolglosen Architekten eine unrealistische Forderung. Liane weiß, dass die Erpresser es auf das Vermögen ihres Vaters abgesehen haben, des Großindustriellen Albert Targensee. Es fröstelt sie, auch weil sie weiß, dass sie ohne die Hilfe ihres verhassten Vaters, von dem sie sich vor 20 Jahren losgesagt hat, ihre Familie nicht wieder sehen wird.

      Brandt & von Borsody
      Foto: ZDF / Walter Wehner

      Komplikationen während der Geiselnahme. Matthias Brandt, Suzanne von Borsody

      „Entführt!“ erzählt ein typisches Krimisujet und ist im Rahmen des Genres doch ein ungewöhnlicher Film. 20 Minuten dauert es, bis die Entführer zuschlagen. Der Akt der Geiselnahme wird nicht gezeigt. Das Drama zwischen den Aktionen rückt in den Mittelpunkt. Wie gehen Menschen mit existenziellem Druck um? Behalten Sie ihre Gefühle für sich? Oder entlasten sie sich emotional? Solche Fragen interessieren die Autoren Hannah Hollinger und Jörg von Schlegebrügge mehr als blutige Tatsachen. Wenn Schüsse fallen, fallen sie zumeist im Off. Das hat einen großen dramaturgischen Vorteil: das wirft Fragen auf (wen hat es getroffen?) – und Fragen sind der Motor dieser zweiteiligen „großen Filmerzählung“, wie das ZDF diesen Hybrid aus Fernsehfilm und Event-Movie nennt, der nicht großspurig um den Zuschauer buhlt. Dennoch wird der Betrachter in jeder Minute mitgedacht, aber nicht als einer, der von Effekten und Schauwerten eingefangen werden möchte, sondern als einer, der Fragen stellt, der sich „einliest“ in die kunstvolle Struktur eines komplexen Familiendramas, das sich als hoch spannender Kriminalfilm mit Thriller-Einlagen Bahn bricht.

      „Entführt!“ setzt auf eine ebenso dichte wie überproportional ausführliche Exposition mit vier bis fünf parallelen Handlungssträngen, die ohne verbale Erklärungen in harten Schnitten gegeneinander gesetzt werden. Wir sehen den Alltag einer normalen Familie, gediegene Hochherrschaftlichkeit, einen Polizisten in der Beziehungskrise, die coole New Yorker Businesswelt… Nie überreizen die Autoren das Spiel mit den Fragezeichen. Wie in einem Roman, der die ersten Kapitel unverbunden gegeneinander setzt, folgt man als Zuschauer dieser rätselhaften Geschichte, in der ständigen Hoffnung, selbst das Geheimnis lüften zu können. Dass nie Langeweile, Verdruss oder Irritation aufkommen, liegt vor allem an der Erzählökonomie des Regisseurs: Matti Geschonneck, im schwerblütigen Familiendrama wie im klugen Thriller gleichermaßen zuhause, hat seit seinem Erfolgsjahr 2005 mit drei Grimme-Preis-nominierten Fernsehfilmen, von denen „Die Nachrichten“ das Rennen machte, seine Ästhetik der radikalen Verdichtung noch perfektioniert. Kein Wort, keine Geste zu viel, Reduktion auf das Wesentliche, in Richtung auf das Unvermeidliche.

      Ferch, von Thun, Kunzendorf
      Foto: ZDF / Walter Wehner

      In Gottes Namen, Papa, dann zahl halt die 22 Millionen Lösegeld. Heino Ferch, Friedrich von Thun, Nina Kunzendorf. Solche Probleme möchte man haben.

      Bei aller Knappheit übertreibt er es nicht mit der Informationsdichte, hetzt den Zuschauer nicht durch die moderne Bilderflut. Ein Friedhof, ein Grabstein, ein Blick, ein Schwenk zur Skyline von New York. Solch visuelle Präzision korrespondiert mit den Vorgaben im Drehbuch. „Wir sehen euch, wir hören euch. Wenn einer von euch glaubt, hysterisch werden zu müssen und die Aktion in irgendeiner Form gefährdet, werden wir dafür sorgen, dass es nicht mehr vorkommt“, spricht die kalte Entführerin die Worte, wie in Stein gemeißelt. Dazu sieht man, wie Vater und Tochter in ein ekelhaftes Kellerloch gesperrt werden. Grünrotes Licht, nervöse Kamera, verstörte Geiseln und knallharte Entführer – 50 Sekunden und der Zuschauer weiß: das sind Profis, die meinen es ernst, es geht um Leben und Tod. Geschonnecks Bilder und Montagen ergeben einen filmischen Rhythmus, bei dem man den Erzähler kaum wahrnimmt und erst recht nicht die Absicht dahinter. Die pure Erzählung.

      „Kontrollverlust ist wohl ein Fremdwort für Geschonneck“, orakelt ZDF-Redakteur Daniel Blum. Das Gleiche gilt für seine Charaktere. Nina Kunzendorf spielt die Mutter, über die das Unheil hereinbricht – konzentriert, nachdenklich, eine menschliche Black Box. Lange bleibt ihre Liane Bergmann gefasst. „Für mich war es schwer zu spielen, schwer nachzuvollziehen, woher ein Mensch in einer solchen Situation die Kraft nimmt, aufrecht zu stehen und zu funktionieren“, sagt die Schauspielerin. Sie und Geschonneck einigten sich aber auf diese anfänglich große Gefasstheit der Hauptfigur. So stand Kunzendorf über die 180 Minuten eine breitere emotionale Palette zur Verfügung und umso heftiger empfindet man die Wucht, wenn die Emotionen dann doch einmal mit ihr durchgehen. Das erste Mal, als sie ihrem Vater nach 20 Jahren wieder gegenübersteht: da schreit sie ihre ganze Wut und ihren Hass heraus.

      Zischler, Ferch, Sawatzki
      Foto: ZDF / Walter Wehner

      Danner wundert sich. Lauter seltsame Beziehungen. Zischler, Ferch und Sawatzki

      Friedrich von Thuns alter Herr lässt deutlich erkennen, von wem die Tochter diese emotionale Aufgeräumtheit geerbt hat. Ein Mann mit ähnlicher Betriebstemperatur ist auch Thomas Danner, der ermittelnde Kommissar. Heino Ferch spielt ihn markant wie gewohnt als einen, der noch weniger Worte macht. Kühl und direkt, aber deshalb nicht minder kontrolliert, geben sich Lianes Schwester, die in der Firmengruppe ihres Vaters Karriere gemacht hat, und ihr Lover und seit Jahrzehnten der gute Freund des Hauses. Andrea Sawatzki spielt das mit der kessen Selbstgewissheit einer Millionärin und Hanns Zischler mit freundlich reifer Noblesse. Auch für die Bösen wäre Kontrollverlust fatal. Suzanne von Borsody sorgt als eiskalte Ex-Terroristin für den nötigen Thrill und Matthias Brandt brilliert  – als Psychopath, der über seine Chefin zu sagen pflegt: „Entweder man verknallt sich in so eine oder man legt sie um.“

      Ich bevorzuge Charaktere, die ihre Emotionen nicht sofort auf den Tisch legen.“ So sehr Kunzendorf die Mentalität ihrer Figur auch entgegenkam, so hatte die 38-Jährige doch zunächst einige Bedenken. Sie empfand den Film als großes Wagnis. Vielleicht auch, weil sie sich nicht als Veronica Ferres oder Iris Berben sieht und sehen möchte. „Es passiert einfach sehr viel“, sagt die Schauspielerin, die zwar für ihre Online-Stripperin in Grafs „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ den Grimme-Preis bekam, um herkömmliche Krimis allerdings einen weiten Bogen macht. Und sie ist sich nicht sicher, „ob der Zuschauer bereit ist, das ganze Drama mit meiner Figur mitzugehen“. Doch das muss der Zuschauer auch nicht.

      Kunzendorf, Allmayer, Ferch
      Foto: ZDF / Walter Wehner

      Wer fällt wem in den Rücken? Nina Kunzendorf, Johannes Allmayer, Heino Ferch

      „Entführt!“ entfacht kein emotionales Gewitter, durch das eine überlebensgroße Heldin den Zuschauer sicher zum Happy End geleitet, wie es zuletzt die Ferres in „Die Patin“ versuchte. Der Film, der nicht umsonst „Entführt!“ heißt, baut auch auf tragende Nebenfiguren, die nicht zum Wasserträger und Kanonenfutter verkommen. Plot-psychologisch ist das zutiefst stimmig, der Film ist spannend, gut gebaut und exzellent gespielt. Es ist ein Krimi-Drama, das man am Ende wegen seiner eleganten Machart, seinem gehobenen Unterhaltungswert, in Erinnerung behalten wird. Die Story um die Sünden einer Familie, um Rache und offene Rechnungen wird nach und nach für den Zuschauer plausibel und verständlich gemacht, sie bleibt aber weitgehend Vorwand, Vorwand, um den Zuschauer drei Stunden in eine kühle, magische Welt voller Geheimnisse zu entführen, Vorwand für großes Erzählfernsehen.   

      Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr


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      „Entführt“
      ZDF / Mehrteiler / Krimi-Drama
      EA: 2.+4.3.2009, 20.15 Uhr (ZDF)
      Mit Nina Kunzendorf, Heino Ferch, Friedrich von Thun, Andrea Sawatzki, Hanns Zischler und Matthias Brandt
      Drehbuch: Hannah Hollinger, Jörg von Schlegebrügge
      Regie: Matti Geschonneck
      Kamera: The Chau Ngo
      Produktionsfirma: Network Movie
      Quote: 1. Teil: 6,17 Mio. (18,3% MA); 2. Teil: 6,43 Mio. Zuschauer (19,5% MA)


      Bewertung: 5,5 von 6



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