Vom Goethe-Institut in den Taubenschlag, von London zurück ins Ruhrgebiet. „Zuhause is, wo dat Herz schlägt!“ Der Zuschauer fühlt sich wie in der Kneipe – und würde man die Ingredienzien dieses Films auf ihre Essenz verdichten, hätte man einen Schlager: gefälliges Trallala, ein bisschen synthetisch, ein bisschen kitschig, ein bisschen wahrhaftig.
Annina Kasper, eigentlich Kasperavijchek, scheint den Sprung in die weite Welt endgültig geschafft zu haben. Lord William Huxley III. macht der gebürtigen „Ruhrpöttlerin“ einen Heiratsantrag. Also muss sie, die seit Jahren am Goethe-Institut in London arbeitet, mal wieder in ihre alte Heimat. Denn Annina heißt weder Kasper noch Kasperavijchek, sie heißt Gerland und ist noch die Frau von Tom Gerland. Nach einer vermeintlichen Fehlgeburt hat sie vor sechs Jahren das Weite gesucht. Eigentlich will sie nur die Scheidungsformalitäten regeln und so schnell wie möglich wieder zu ihrem Lord nach London, doch die anfangs als grässlich empfundene Enge in ihrem Heimatort Wiemelhausen schlägt plötzlich um: da ist die lange Zeit vermisste Nähe zu ihren liebenswert eigensinnigen Eltern, aber auch ihr Noch-Ehemann ist ja eigentlich doch ein ganz Netter – und er liebt seine Annina noch immer. Und selbst die Tauben gurren im Ruhrpott anders als im Vereinigten Königreich.
„Zuhause is, wo dat Herz schlägt“ – auf diesen simplen Nenner bringt Autor-Regisseur Michael Keusch „London, Liebe, Taubenschlag“. Als modernen Heimatfilm propagiert das ZDF seinen Zweiteiler, „ein Stück Wahrheit, ein Stück Philosophie“ will Redakteurin Birte Dronsek in den 180 Filmminuten entdeckt haben. Kein Gemeinplatz des Ruhrgebiets, kein Kleine-Leute-Klischee wird ausgelassen: Taubenzucht und Schalke, Bowling und Bier aus der Flasche, Mamas Hausmannskost und Papas Selbstgebrannter – und auch der berühmt-berüchtigte Mantateller darf nicht fehlen, die Currywurst mit Pommes rot-weiß, auf Wunsch „tiefer gelegt“. Verlängert wird das Ganze um das Ideal von echter Freundschaft und wahrer Liebe. In Teil 2 treffen sich dann sogar noch Ruhrpott- und Rockmusik-Romantik. Wer hätte gedacht, dass im ZDF-Unterhaltungsfilm am Mittwoch mal eine abgehalfterte Rockband Mountains „Mississippi Queen“ oder Creams „Sunshine of your Love“ zum Besten geben wird!?
Heimatfilm? Mag sein. „London, Liebe, Taubenschlag“ besitzt aber vor allem etwas von einer Eckkneipe, in der man abends seine Zeit absitzt, sich Geschichten erzählt, sich zuprostet, so tut, als ob man den Mittrinkenden kennen würde, wo man melancholisch wird, seinen Moralischen kriegt oder einfach nur die Bedienung anbaggert. Mag das
Gesamtambiente dieser „Kneipe“ auch furchtbar sein, Marke Gelsenkirchener Barock, mag die Musik, die dort läuft, grässlich sein: irgendetwas ist für jeden dabei – und so wird wohl auch so mancher bei diesem Film hängen bleiben (liefe er nicht gegen das Champions-League-Halbfinale), dessen anekdotisches Beiwerk besser unterhält als die ausgedachte Dreiecksliebesgeschichte. Würde man die Ingredienzien dieses Films auf ihre Essenz verdichten, hätte man einen Schlager: gefälliges Trallala, ein bisschen synthetisch, ein bisschen kitschig, ein bisschen wahrhaftig.