• Mehrteiler „Die Grenze“

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      Sat 1, 16.03.2010, 20:15 Uhr
      Bewertung: 5,0 von 6

      Fürmann, Bäumer, Kretschmann: linke Miniatur-DDR oder rechter Knüppelstaat?

      Der Zweiteiler „Die Grenze“ begnügt sich gut 20 Jahre nach dem Mauerfall einmal nicht mit dem „So war’s“, sondern entwickelt ein „Was wäre, wenn“-Szenario. Was wäre, wenn das Auseinanderdriften von Arm und Reich in Deutschland zu sozialen Unruhen führt? Was, wenn ein neuer Demagoge kommt und die bürgerlichen Parteien ihre Basis verlieren? Christoph und Friedemann Fromm haben mit Ironie & Hochspannung ein solches Szenario entworfen.

      Deutschland, im Sommer 2010. Ein Al-Quaida-Anschlag auf die größten Ölraffinerien der Welt verschärft die Weltwirtschaftskrise. Benzinmangel, Preisexplosionen, steigende Arbeitslosigkeit – die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern steht vor den Wahlen und bald vor der Wahl, radikal rechts oder radikal links zu wählen. Die bürgerlichen Parteien laufen unter ferner liefen. Die größte Gefahr für die demokratische Zukunft des Landes ist Maximilian Schnell, ein Milliarden schwerer Rechtspopulist, ein Wolf im Schafspelz der Medien, dem es allein um Macht geht. Die Bundesregierung muss handeln: Berlin unterstützt heimlich die Neue Linke, weil sie berechenbarer und besser kontrollierbar ist. Doch es droht auch mit ihr ein unabhängiges, sozialistisches Mecklenburg-Vorpommern, das aus der Bundesrepublik ausscheren möchte. Droht am Ende wieder eine Miniatur-DDR, eine innerdeutsche Grenze mit Todesstreifen?

      Der Event-Zweiteiler „Die Grenze“ begnügt sich gut 20 Jahre nach dem Mauerfall einmal nicht mit dem „So war’s“, sondern entwickelt ein „Was wäre, wenn“-Szenario. „Was wäre, wenn das Auseinanderdriften von Arm und Reich in Deutschland zu sozialen Unruhen führt? Was bedeutet es, dass sich immer mehr Deutsche in West und Ost die Mauer zurück wünschen? Und was bedeutet diese falsche Nostalgie in der Rückerinnerung an die DDR?“ Diese Fragen stellte sich vor vier Jahren Produzent Nico Hofmann. Christoph und Friedemann Fromm nahmen die politischen Leitgedanken auf und erweiterten das Drehbuch um andere politische Parameter und Fragen: Was passiert, wenn die demokratischen Parteien ihre Basis verlieren? Was, wenn ein neuer Demagoge die Grundlage für die nächste Diktatur auf deutschem Boden schaffen würde? Und was wäre, wenn sich ein sozialistisches Billiglohnland quasi vor der deutschen Haustüre etablieren würde?

      Anleihen an die Geschichte gibt es reichlich: bei einem wie Schnell fallen einem eher Haider und Berlusconi als Hitler ein. Bei den Straßenkämpfen zwischen Faschisten und Kommunisten werden Erinnerungen an die Weimarer Republik wach. Und wenn der Stacheldrahtzaun ausgefahren wird in Rostock wähnt man sich in Berlin, August 1961, oder in einem der zahllosen Fiktionen, die diese Bilder wiederbelebten. Den Film trotz solcher deutsch-deutscher Aha-Erlebnisse als eine Parabel auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zu deuten, ist Hofmann allerdings zu viel der politischen Ehre.

      Man sollte nicht vergessen, dass „Die Grenze“ ein politisches Szenario nur durchspielt – Betonung auf „spielen“. Der Film, der die Macht der Medien immer wieder ins Visier nimmt, ist selbst ein kraftvolles mediales Ereignis. Die Fromm-Brüder brechen die Geschichte um das künftige Deutschland herunter auf den fiktiven (Familien-)Alltag in Rostock. Doch stärker als in historischen Event-Movies kommt hier der Genrefilm zu seinem Recht. Der Marketing-
      Profi Rolf Haas gerät wie ein Hitchcockscher Held in die bürgerkriegsähnliche Situation. Der Verfassungsschutz nimmt ihm sein bequemes Leben und gibt dem ehemaligen politischen Aktivisten die Möglichkeit, etwas für Deutschland und die Rückkehr in sein altes Leben zu tun. Der ehemalige Schnell-Freund soll sich bei dessen deutschnationaler Partei DNS einschleusen. Das lebensgefährliche Lavieren zwischen den Fronten ist das dramaturgische Herzstück des zweiten Teils, der in Sachen Spannung kaum Wünsche offen lässt. Thomas Kretschmann als charismatischer Verführer nimmt im Duell mit dem permanent überforderten Helden, den Fürmann als knuffigen Gelegenheits-Agenten gibt, zunehmend Züge der klassischen Bondfilm-Bösewichte an – und der Überwachungsstaat lässt schön grüßen.

      „Die Grenze“ ist ein ästhetisches Spiel mit politischen Möglichkeiten, ein Film, der nicht nur thematisch einfallsreich, dramaturgisch vielschichtig (nicht nur die obligatorische Dreiecksgeschichte wird clever variiert), sondern vor allem auch temporeich, packend und dann wieder augenzwinkernd ironisch zu erzählen weiß. „Die Grenze“ ist ein Film, den Nico Hofmann nicht zu Unrecht in eine Reihe mit Wolfgang Menges „Millionenspiel“ oder „Smog“ stellt. Dass er nun, nachdem RTL zurückgezogen hatte, bei Sat 1 läuft, während sich die ARD lieber mit dem misslungenen Wedel-Zweiteiler „Gier“ und das ZDF mit Folletts Millionen verschlingenden Allerwelts-Thriller „Eisfieber“ schmückt, sollte zu denken geben.

      Rainer Tittelbach


      „Die Grenze“
      Sat 1 / Mehrteiler / Zeitgeschichtliches Drama
      EA: 15.+16.3.2010, 20.15 Uhr (Sat 1)
      Mit Benno Fürmann, Thomas Kretschmann, Marie Bäumer, Anja Kling, Uwe Kockisch, Inka Friedrich, Jürgen Heinrich, Katja Riemann, Vinzenz Kiefer und Ronald Zehrfeld
      Drehbuch: Christoph Fromm, Friedemann Fromm
      Regie: Roland Suso Richter
      Kamera: Holly Fink
      Produktionsfirma: TeamWorx
      Quote: 1. Teil: 4,71 Mio.; 2. Teil: 3,47 Mio. Zuschauer



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