DDR 1980, ein Volkspolizist und eine Dissidententochter lieben sich. Die Familien und Vater Staat versuchen, wo es nur geht, die Verbindung zu boykottieren. Stasi, Liebe, realer Sozialismus und die Muster einer Familienserie – kann das zusammen gehen? Die Autorin Annette Hess sagt im Interview, wie das gehen kann, was sie als Wessi an der DDR fasziniert, wie "realistisch" die Serie ist und wie es dazu kommt, dass sie neben "Weißensee" sehr leichte Serien wie "Tierärztin Dr. Mertens" oder "In aller Freundschaft" schreibt.
Foto: MDRStasi-Gentleman
Uwe KockischDrehbuchautorin
Annette Hess
Frau Hess, erzählen Sie doch bitte etwas zur Genese der Serie. Wer hatte die Idee zu „Weißensee“?
„Weißensee“ ist meine Idee, mein absolutes Herzensprojekt. Ich bin mit dem Stoff zu Regina Ziegler gegangen. Daraufhin habe ich ein Konzept für die Serie geschrieben. Das haben wir Jana Brandt vom MDR gegeben. Sie war auch schnell erwärmt, doch dann war es ein ziemlicher Ritt, die Gemeinschaftsredaktion der ARD zu überzeugen. So eine Serie ist teuer. Es stellte sich die Frage nach dem Sendeplatz. Ein solches Format hatte die ARD noch nie auf dem Serientermin. Gleichzeitig wollte man sich aber für den Dienstag mehr trauen. Weil sich die Redakteure nicht so richtig vorstellen konnten, dass sich Familie und Historie verbinden lässt, habe ich erst mal eine Folge geschrieben, habe einen Cliffhanger gesetzt und danach hatten wir die Redakteure endlich an der Angel. Von der Idee bis zur Sendung hat es drei Jahre gedauert.
Was war für Sie das Zeitaufwändigste an dieser Serie?
Sicher die Recherche. Wobei ich die schon länger betreibe. Das fing mit „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ an. Dann wollte ich mal einen Honecker-Film machen. Da sammelt sich viel an, was ich größtenteils für „Weißensee“ wieder gesichtet habe.
Gab es für Sie „Probleme“ beim Schreiben?
Nein, Schwierigkeiten beim Schreiben hatte ich keine, weil die Geschichte aus mir kam, im Gegensatz zu fremden Stoffen, wo man oft erst einen eigenen Zugang zur Geschichte finden muss.
Sie sind gebürtige Hannoveranerin. Woher kommt Ihr Faible für DDR-Geschichten?
Mich fasziniert die DDR. Sicher, weil es sie nicht mehr gibt, weil man die Dinge nicht mehr überprüfen kann, weil ein Stück Rätsel bleibt. Jeder sagt einem etwas anderes über das Leben in der DDR. Selbst Menschen derselben Generation widersprechen sich zutiefst. Und damit meine ich nicht nur die extremen Positionen von Opfern und Tätern. Ich finde die DDR aber auch psychologisch spannend: Das Leben in der DDR ähnelt dem Zustand der Kindheit. Man ist einerseits vollkommen frei und sorglos und andererseits total kontrolliert, so wie es eben im Elternhaus war. Big Mama ist watching you – und gleichzeitig musste man keine Angst um die Existenz haben.
Hatten Sie freie Hand beim Plot? DDR als Familienserie – da gab es sicher Bedenken?
Bei der Geschichte, dem Erzählen von einer Stasi-Familie, da hat mir keiner Vorschriften gemacht. Kritisch beäugt wurde das Drehbuch allerdings schon: es wurde laufend auf Glaubwürdigkeit und naturalistische Richtigkeit abgeklopft. Es wurde von Fachberatern im Detail nachgelesen. Und es hatten und haben alle ein wenig Angst, dass wir böse Vorwürfe bekommen: dass wir die Funktionäre des Unrechtsstaates, die Täter vermenschlichen. Was aber passiert, wenn man eine Familiengeschichte erzählt. So wird beispielsweise erklärt, warum Stasi-Intrigant Falk Kupfer so ist, wie er ist. Das kann man als Rechtfertigung lesen. Aber ich langweile mich mit reinen Monstren. Irgendwie muss ich auch die menschliche Seite durchblitzen sehen oder die Möglichkeit von Einsicht.
Sie kommen aus dem leichten Fach und sind im unterhaltsamen bis anspruchsvollen Mainstream zu Hause. Vor und nach „Weißensee“ schrieben Sie die Bücher für “Tierärztin Dr. Mertens“. Wie kann das gehen?
Ich mag diese Unterscheidung zwischen U und E nicht. Meine Erfahrung ist, dass jedes Format Kreativität, Handwerk, Ernsthaftigkeit und Engagement erfordert. Einige meiner Folgen der Krankenhausserie ‚In aller Freundschaft’ haben mehr Substanz als mancher meiner deutlich höher angesehenen 90-Minüter. Ich denke, sogenannte leichte Unterhaltung zu schreiben ist das Schwerste, was es gibt. Nur deshalb sind viele dieser seichten Filme nicht gut – weil allgemein die fatale Ansicht besteht, das Leichte erfordere nicht soviel Mühe.
Welche DDR-Prototypen sehen Sie in „Weißensee“?
Mit Prototypen tue ich mich schwer. So habe ich mich den Figuren nicht genähert. Ich habe mich nicht gefragt: Was brauchen wir – den Mitläufer? Den Kriecher? Den Zaudernden? Den Kommunisten?
Aber die wichtigsten gesellschaftlichen Prototypen müssen doch drin sein in so einer Geschichte aus der DDR anno 1980?
Das ist aber alles ganz organisch entstanden. Der Ausgangspunkt war: zwei „normale“ Menschen in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, die versuchen, ihr Leben zu leben, die aber merken aufgrund der Zustände, dass das nicht so einfach geht in der DDR, dass man sich positionieren muss. Der kleine Mann und die kleine Frau, die am Ende politisch werden müssen – das waren die zentralen Figuren, um die die anderen gruppiert wurden. Und von denen ist ganz besonders Hans Kupfer wichtig für die Geschichte: der hat mal an die große Sache des Kommunismus geglaubt und will jetzt nicht wahrhaben, dass die große Idee mitsamt dem Staat DDR den Bach runtergeht.
Es gibt zwei wiederkehrende Haltungen, mit denen zeitgeschichtliche Projekte oft niedergemacht werden. Die einen sagen: „Kenn ich alles schon, hab ich 1000 Mal gesehen.“ Die anderen sagen: „Kenn ich aus eigener Erfahrung, das war doch alles ganz anders.“ Die einen kritisieren die Klischeehaftigkeit, die anderen die historische Unkorrektheit. Sicher zwei berechtigte Haltungen. Wie gehen Sie mit ihnen um?
Meine Haltung ist, dass ich an allererster Stelle eine gute Geschichte erzählen will. Da ist es mir zunächst völlig egal, wann und wo etwas spielt. Wenn zu viele solcher Stimmen kommen, dann ist die Geschichte nicht stark genug oder hat die Leute nicht ergriffen. Bei „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ kamen teilweise solche Reaktionen. Da habe ich mir damals eine dicke Haut zugelegt. Ich kann nur hoffen, dass die Geschichte a) so gut funktioniert, dass man zwischendurch vergisst, dass der Film in der DDR spielt, und dass man b) nicht immer nur guckt, was da erzählt werden soll über die DDR. Ich hoffe, dass der Zuschauer schnell diese Menschen als Menschen begreift – und gar nicht erst in diese Haltung kommt.
Ist eine Fortsetzung im Bereich des Möglichen?
Das hängt ganz schlicht von den Quoten ab. Ich arbeite schon an einer zweiten Staffel, damit sie für den Fall der Fälle zügig gedreht werden könnte. Die Geschichte schreit nach einer Fortsetzung. Der innere, der politisch moralische Bogen, ist ja zu Ende erzählt, aber in den Geschichten, den Schicksalen ist noch alles möglich.