Ein bisschen Hannibal Lecter, ein bisschen Theodor Storm. Christiane Paul über den Thriller von Matti Geschonneck, „Die Tote vom Deich“, über ihre Rolle als Zielfahnderin und ihre Vorbereitung. "In den meisten Krimis herrscht ein laxer Umgang mit der Waffe vor. Tatsächlich aber halten die Beamten von BKA, LKA oder SEK die Waffe mit ausgestrecktem Arm & wenn sie die Waffe rausnehmen, dann sind sie bereit für einen Schusswechsel."
Foto: ZDF / PerschTrotz Beurlaubung ermittelt die Zielfahnderin in Matti Geschonnecks Psycho-Thriller "Die Tote vom Deich" weiter. Christiane Paul und Stephan Kampwirth
In „Die Tote vom Deich“ spielen Sie eine BKA-Zielfahnderin, die zwanghaft, ja verbissen wirkt.
Ja, sie ist sehr ehrgeizig, sie ist nahezu besessen, sie will den Fall unbedingt lösen. Umgekehrt ist sie nicht in der Lage, ihr Privatleben zu regeln. Wir wollten das aber nicht weiter beleuchten und wollten gerade keine psychologische Erklärung dafür geben.
Und was hat es mit dem seltsamen Band zwischen ihr und dem mehrfachen Mörder Bove auf sich?
Ich denke, dass sie auf eine Art ähnlich sind, ähnlich getrieben, ähnlich ruhe- und heimatlos. Die beiden erkennen einander als Gleichgesinnte, vielleicht sogar als Seelenverwandte. Das ist ein bisschen vergleichbar mit der Beziehung zwischen Hannibal Lecter und Agentin Starling in „Schweigen der Lämmer“.
Ist es Ihnen bewusst, dass Sie in dem Film kaum lächeln?
Schon. Ich habe natürlich auch wenig Grund zu lächeln. Wenn meine Lona etwas freundlicher schaut, dann aus taktischen Gründen. Sie ist dabei nie wirklich warm und verbindlich. Am Ende lächle ich dann aber doch ein Mal richtig. Beim Drehen habe ich gedacht: „hoffentlich ist dieses Lächeln nicht zu viel.“
Haben Sie die Rolle abends mit ins Hotel genommen?
Die Dreharbeiten waren für mich schon sehr anstrengend. Eine Figur, die alles so sehr mitnimmt, lässt mich nicht unbeeindruckt. Den Druck der Figur muss man aufbauen, man muss ihn aber auch wieder abbauen. Deshalb habe ich mit Stephan Kampwirth und Marcus Mittermeier abends oft Fußball geguckt oder bin am Hafen spazieren gegangen.
Sie haben zugesagt, da war die Geschichte erst grob skizziert. War das nicht ein Risiko?
Stimmt, normalerweise mache ich das auch nicht. Aber es war mein größter Wunsch, mal mit Matti Geschonneck zu arbeiten. Und so habe ich zugesagt, obwohl es noch kein Drehbuch gab. Die Geschichte sollte anfangs auch etwas mystischer werden, noch mehr Theodor Storm in sich haben und einen familienpsychologischen Hintergrund der Hauptfigur.
Haben Sie über das reale Umfeld Ihrer Figur recherchiert?
Ich habe eine BKA-Frau kennen gelernt, die mir Tipps gegeben hat. Ich hatte anfangs die naive Vorstellung, ich könnte vielleicht hospitieren. Das geht aber natürlich nicht, weil solche Leute verdeckt ermitteln und observieren. Die Arbeit ist auch nicht ganz ungefährlich. Ich war dann zwei Tage mit Beamten einer Berliner Abteilung für Taschendieb-stähle unterwegs. Was die machen ist auch eine Art Zielfahndung – nur auf einem anderen Level.
Was für Ratschläge haben Sie sich abgeholt?
Die BKA-Frau gab mir zum Beispiel „Kostüm“-Tipps. Sie hat mir geraten, eine Jacke zu finden, in der ich mich gut bewegen kann. Außerdem habe ich einiges gelernt über den Blick solcher auf Observationen spezialisierten Beamten. Die gucken schon sehr genau und wissen, worauf sie achten müssen. Ich habe mir auch sagen lassen, wie man in einen Raum reingeht, was man zuerst fixiert, wie man die Dinge anfasst oder wie man sich Leichen anguckt.
Und das Halten der Pistole?
Habe ich mir auch zeigen lassen. In den meisten Krimis herrscht ein ziemlich laxer Umgang mit der Waffe vor. Tatsächlich aber halten die Beamten von BKA, LKA oder SEK die Waffe mit ausgestrecktem Arm und wenn sie die Waffe rausnehmen, dann sind sie bereit für einen Schusswechsel. Ich habe versucht, mich an dieser Realität zu orientieren.
Foto: ZDF / PerschEin Hauch vom "Schweigen der Lämmer": Christiane Paul und Martin Wuttke
Harter Schnitt: „Neues vom Wixxer“. Was hat Sie daran gereizt?
Es ist mal was ganz anderes. Dazu ein tolles Ensemble. Außerdem ist der Film mit sehr Liebe zum Detail gemacht. Obwohl es wieder eine Edgar-Wallace-Parodie ist, bewege ich mich ziemlich „ernsthaft“ in diesem Film. Ich bin ja kein Comedian. Blacky Fuchsberger spielt meinen Vater und sicher kann man meine Figur als Hommage an Karin Dor sehen.
Und wie sind Sie gestylt?
Sixties-like, sehr lustig, Mini-Röcke, Stiefel oder Pumps, mal mit, mal ohne Kopbedeckung, von gelb bis mintgrün, alles dabei. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.
Die Rollen ihrer zuletzt abgedrehten Filme, eine Köchin mit Job- und Beziehungsproblemen und eine entnervte Mutter, klingen eher bodenständig. Gibt es für Sie eine Regel, was den Tonlagen-Mix Ihrer Figuren angeht?
In erster Linie sind es die Bücher, die mir gefallen müssen. Es ist keine Genre-Entscheidung, obwohl ich sagen muss, dass mich Action am wenigsten interessiert. Weil die Rollen solcher Filme bei uns nicht so komplex sind, wie wir es aus dem amerikanischen Kino kennen. Stimmen die Rollen, gilt natürlich schon: je bunter der Mix, umso besser.
Zur Person:
Christiane Paul, 1974 in Berlin-Pankow geboren, wurde mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997) oder „Im Juli“ (2000) zum Darling des deutschen Kinos, bevor sie auch im Fernsehen durch einige herausragende Produktionen auffiel. Zuletzt überzeugte sie in „Außer Kontrolle“ und „Die Nacht der großen Flut“. Parallel zur Filmarbeit absolvierte Paul ein Medizinstudium, das sie 2003 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. Seither konzentriert sie sich ganz auf ihre Arbeit als Schauspielerin.