• Interview Urkomischer Herbert Knaup in "Der Tiger oder Was Frauen lieben!"

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      Foto: ZDF / Volker Roloff

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      Filmgeschichte und Kinokult-Klassiker 02/2012 auf einen Blick

      ARD, 22.04.2009, 20:15 Uhr
      Bewertung: 4,0 von 6

      Wilders "Eins, zwei, drei" und die Ängste eines schrecklich lächerlichen Mannes

      Mal wieder eine Hauptrolle für Herbert Knaup. Die schräge Komödie „Der Tiger oder Was Frauen lieben!“ ist für den 52-Jährigen ein Glücksfall. "Unsere Kultur ist nun mal nicht so, dass sie die über 50-Jährigen vor den Kinokarren spannt. Selbst beim Fernsehen ist es schon etwas Besonderes, wenn man der Motor einer so ungewöhnlichen Geschichte sein kann", sagt Knaup. Außerdem verrät er wie man eine Identifikationsfigur spielt, die ein Idiot ist.

      Was ist eigentlich das Problem Ihres Helden?
      Er handelt aus einer gewissen Orientierungslosigkeit heraus. Es ist schon das, was man gemeinhin Midlife-Crisis nennt. Wie die Werte allgemein verfallen, so hat auch er keine Moral mehr. Deutlich wird bei ihm auch die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, einen Zugang zu den Emotionen zu finden.

      Welche Lehren werden ihm von Niki Stein mit auf den Weg gegeben?
      Über den Tod der Frau versucht er, so ein bisschen die Schale aufzubrechen. Er schickt seinen Helden auf einen skurrilen Weg, der ihn auf der Suche nach dem Erzrivalen nach Spanien in ein abenteuerliches, seltsam mafioses Szenario führt, das sich erst nach 20 Minuten als Traumsequenz entpuppt. Viele Szenen spiegeln die Ängste jenes Franz Reinhardt – die Angst vor der Agonie, dem Tod, dem sexuellen Verfall.

      Stichwort: sexueller Verfall. Ist die auch hier zitierte Potenzangst eigentlich mehr als ein Archetyp, der sich gut in Komödien macht?
      Ich glaube schon, dass da viel Wahres dran ist. Dieses Motiv der Potenz oder diese Angst, dass – platt gesagt – die Tüte nicht mehr steht, hat in Komödien immer gut funktioniert. Lachen hat nun mal mit einem gewissen Wiedererkennungswert zu tun.

      Was war für Sie das Besondere an dieser Geschichte?
      Besonders gefallen hat mir die makabre, düstere Note, die das Ganze zwischenzeitlich bekommt, dieser schwarze Humor, der ein bisschen an britische Komödien erinnert.

      Was ist Ihr Franz sonst für einer?
      Er hat als Cheflektor bestimmt einige Bände der Weltliteratur gelesen, aber verstanden hat er nichts. Er ist geradezu betriebsblind dem eigenen Leben gegenüber. Er ist ein Fachidiot, der nicht in der Lage ist, die einfachsten Vorgänge innerhalb einer Familie zu realisieren. Dieses egomanische Verhalten, dass jeder nur sich selber durchzieht im Kapitalismus – das wird anhand dieses Charakters par excellence vorgeführt.

      Besitzt der Film eine Botschaft?
      Man merkt, dass dieser Franz seine Frau wohl nie richtig geliebt, vor allem nie richtig verstanden hat. Auch wenn die Story im Gewand der Komödie daherkommt, so kann man sich als Zuschauer bei diesem Film doch Fragen stellen: „wie lebe ich eigentlich? Wie sieht es mit meiner Beziehung, wie sieht es mit meiner Familie aus?“ Ich denke, selbst über so eine überhöhte Geschichte kann man gut zum eigenen Leben gelangen.

      Wie spielt man eine Identifikationsfigur, die ein Idiot ist?
      Susanne Lothar und ich haben uns das auch gefragt. Wir haben uns ein bisschen an „Eins, zwei, drei“ orientiert, diese absurde Komödie von Billy Wilder, der der Mauerbau dazwischenkam und in dem ihr Vater Hanns Lothar mitspielte. In dieser Art der Schnelligkeit und der Überzogenheit ist unser Film teilweise auch angelegt. So haben wir uns entschieden, übertrieben, täppisch, fast idiotisch durch den Film zu gehen, aber dann durchaus auch nachvollziehbare, emotionale, tiefe Momente zu suchen.

      Sie haben alles gemacht: Hits, Flops, Kino-Klassiker, billige TV-Movies. Spüren Sie, wenn Sie ein Buch lesen, was für ein Film am Ende dabei herauskommt?
      Meine Qualitäten als Hellseher halten sich in Grenzen. Ich denke nur an „Lola rennt“. Ich wollte den Film machen, weil ich ihn für ein spannendes Experiment hielt, aber nicht, weil ich dachte, dass das ein richtungweisender Film oder ein Renner werde. Auch bei „Das Leben der Anderen“ habe ich nicht geahnt, dass der Film so abgeht.

      Wie kam es dann zu Ihrer extrem ausgewogenen Filmografie?
      Da es mit den Prognosen nicht immer so funktioniert, versuche ich bei der Rollenauswahl seit jeher, der in der Branche so beliebten Schubladisierung zu entgehen. Ich will nicht der Hauptkommissar sein, ich will nicht immer nur komisch sein, ich will nicht immer nur den Seelenkrüppel geben. Ich will die ganze Bandbreite auskosten.

      Wie sehen Sie die Entwicklung im deutschen Film?
      Auf und nieder immer wieder… Technisch können wir mittlerweile allen das Wasser reichen. Was die Stoffe angeht, sehe ich nach wie vor eine gewisse Mutlosigkeit. Statt neue Wege zu gehen, orientieren sich die Produzenten lieber an Bestehendem, sie schielen ins Ausland, suchen nach einer Patentlösung, machen „Filme wie…“. Bemerkenswert ist sicher, dass die Amerikaner Regisseure wie Tom Tykwer oder Florian Henckel von Donnersmarck abwerben und dass umgekehrt immer mehr internationale Projekte in Babelsberg entstehen. Was das Fernsehen angeht, glaube ich, dass der öffentlich-rechtlich ausgerichtete Fernsehfilm trotz Krise überleben wird.

      Sie selbst drehen heute weniger als in den 90er Jahren…
      Weniger nicht unbedingt, es sind vielleicht nicht mehr die ganz so effektvollen Geschichten und einprägsamen Rollen. Aber unsere Kultur ist nun mal nicht so, dass sie die über 50-Jährigen vor den Kinokarren spannt, was in Amerika durchaus gemacht wird. Selbst beim Fernsehen ist es schon etwas Besonderes, wenn man der Motor einer so ungewöhnlichen Geschichte wie der von Niki Stein sein kann.

      Kommt nicht noch hinzu, dass es mehr Frauen- als Männerhauptrollen gibt?
      Dass die Frauen dominieren, ist eine Entscheidung, die in den Redaktionen getroffen wird. Aber das wird sich eines Tages wieder ändern – und dann sind vielleicht wieder die alten Haudegen gefragt…

      Sie machen wie viele Kollegen seit Neuestem auch Musik. Ist das mehr als ein Hobby?
      Ich komme ja von der Musik. Mein Vater war Musiker, meine Schwester spielt seit Jahrzehnten beim Krautrockurgestein Amon Düül II. Ich wäre beinahe auch Musiker geworden. Ich konnte mit 18 alle möglichen Instrumente spielen, aber gerade deshalb schien mir dieser Weg zu einfach zu sein. Die Schauspielerei, das Theater, das war für mich eine viel größere Herausforderung… Und dann kamen vor ein paar Jahren meine Neffen an und haben mich mehr oder weniger überredet zum Musikmachen.

      Zur Person:
      Herbert Knaup, 1956 in Sonthofen geboren, gehört seit Mitte der 90er Jahre zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Schauspielern hierzulande. Bekannt wurde der langjährige Theaterschauspieler durch Dominik Grafs „Die Sieger“. Ob Krimi, Komödie, Kunstfilm, ob schweres Dramen oder schräges Debüt – er ist in jedem Genre zuhause. 2007 hat er eine Rock-CD herausgebracht. Seine Band heißt “Neffen und Knaup“. 

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Urkomischer Herbert Knaup in "Der Tiger oder Was Frauen lieben!"
      HR / Interview / Komödie
      EA: 22.4.2009, 20.15 Uhr
      Mit Herbert Knaup, Ben Becker, Susanne Lothar, Stefanie Stappenbeck, Karoline Teska, Jan-Gregor Kremp, Wanja Mues und Katharina-Müller Elmau
      Drehbuch: Niki Stein
      Regie: Niki Stein
      Produktionsfirma: Hessischer Rundfunk
      Quote: 4,71 Mio. Zuschauer (15,5% MA)



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