• Interview Rita Russek: Familie ist was Wunderbares

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      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

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      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick

      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      ZDF, 23.08.2010, 20:15 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 4,0 von 6

      Rita Russek über „Wilsberg“, das moderne Frauenbild & ihre neue ZDF-Komödie

      In „Familie ist was Wunderbares“ spielt Rita Russek eine Buchhändlerin, die sich von allen vereinnahmen lässt: von der Tochter, dem Freund, dem kranken Vater, ja sogar von ihrem Ex-Mann. Russek im Interview: "Zu erzählen, wie wichtig es ist, dass die Frau von heute unbedingt ihr eigenes Leben leben sollte – das haben wir in allen Spielarten schon gehabt. Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass sie auch zeigt, wie schwer es oft ist, dieses eigene Leben zu leben. Es ist nun mal so: viele Frauen haben einerseits noch ihre Kinder an den Hacken und andererseits müssen sie sich um die pflegebedürftigen Eltern kümmern."

      Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zu „Familie ist was Wunderbares“ gelesen haben?
      Ich habe gedacht, das ist schön zu spielen für mich, die ich ja eher dazu tendiere zu sagen: „mit mir nicht, macht euern Mist alleine, ich lass mich doch nicht ausnutzen!“ Mich reizen als Schauspielerin am meisten diese Gegenentwürfe zur eigenen Person, weil sich darin oft Sehnsüchte spiegeln: „ach, wäre ich doch etwas sanfter“ oder „ach, wäre ich doch etwas geduldiger“. Der Beruf ist ja teilweise auch Therapie.

      Wie würden Sie Ihre Christine umschreiben?
      Sie ist eine Frau, Mitte 50, die nachhaltig geprägt ist von der Moral, den Ehrbegriffen und vor allem dem Frauenbild der 50er Jahre. Und obwohl diese Frau eine Buchhandlung führt, intelligent ist und sich kritische Gedanken über sich und das Leben gemacht hat, schleppt sie dieses Erbe wie so ein kleines Gepäckstück immer mit sich herum.

      Sie legt Ihr Gepäckstück dann aber doch ab.
      Aber es dauert. Sich von Prägungen zu befreien ist ein spannender Vorgang, er gelingt aber nur selten im ersten Anlauf. Erschwert wird dieser Prozess, wenn diejenigen, die an einem zerren auch geliebte Wesen sind. Doch es hilft nichts. Irgendwann muss jeder sagen: „Das ist mein Leben!“ Und wenn man Leben als Geschenk betrachtet, was man so gern Freunden sagt, dann muss man das mit dem eigenen Leben auch machen. Und davor scheuen sich viele aus der Generation derer, die in den 50er Jahren geboren wurden. Der Altruismus und das ewig Weibliche, das gehörte früher unabdingbar zusammen.

      Geht der Film eigentlich über gängige Emanzipationsgeschichten hinaus?
      Zu erzählen, wie wichtig es ist, dass die Frau von heute unbedingt ihr eigenes Leben leben sollte – das haben wir in allen Spielarten schon gehabt. Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass sie auch zeigt, wie schwer es oft ist, dieses eigene Leben zu leben. Es ist nun mal so: viele Frauen haben einerseits noch ihre Kinder an den Hacken und andererseits müssen sie sich um die pflegebedürftigen Eltern kümmern. Das zeigt Schoenle wunderbar, fernab von den üblichen Klischees.

      Sie sprechen vom Erbe der 50er Jahre. Die Frauen heute haben es also leichter?
      Meine Tochter beispielsweise wird es schon leichter haben einfach dadurch, dass ich diese Haltung „Kind, du bist mir verpflichtet“ abgelehnt habe. Ich hab mir dagegen einen Satz eines weisen Freundes zueigen gemacht, der da lautet: „Kinder sind fremde Menschen, sie schulden Ihren Eltern weder Dank noch Gehorsam.“ Ich glaube, meine Erziehungsmethode hat sich doppelt bewährt: denn ich habe das Gefühl, meine Tochter akzeptiert sehr viel eher als die Tochter von Christine, dass ich einen Beruf habe.

      Dennoch muss man sagen: es ist ein Leiden auf hohem Niveau. Existenziell bedrohlich wird die Lage nie.
      Sicher, wir zeigen alles in einem sehr aufgeräumten Umfeld. Christine ist Buchhändlerin, eine Frau also, die noch ein heute seltenes Gut genossen hat: Bildung. Aber es gibt andere Frauen, insbesondere auch auf Seiten der Zuschauerschaft, Frauen, die weiterhin Unterstützung und Mut brauchen auf ihrem Weg, dem Manne gegenüber nicht ununterbrochen gehorsam zu sein.

      Der Film zeichnet sich durch eine geringe Fallhöhe aus. Das wirkt mal angenehm realistisch, mal erinnert es an die Dahinplätscher-Dramaturgie einschlägiger Unterhaltungsfilme…
      Ich glaube für das, was Sie erwarten, müsste man das Genre ändern. Da müsste man eine andere Dramaturgie bedienen. Eine mit ganz großen Amplituden. Dann befänden wir uns aber im Drama. Wenn man die Amplituden runter fährt, dann geht meines Erachtens nur der komödiantische Blick auf so eine Problematik. Und das versucht unser Film.

      Es ist offensichtlich nicht leicht, heute vergleichbare Rollen angeboten zu bekommen?
      Nicht wirklich. Wenn es nicht so resignativ klänge, dann würde ich ja sagen: Ich habe so wahnsinnig gute Zeiten gehabt, vor allem auch als Theaterschauspielerin… Es gab Zeiten, da war es unvorstellbar für mich, ohne das Theater, ohne Schauspieler zu sein, existieren zu können. Heute weiß ich, man existiert ganz wunderbar. Das berufliche Pathos wird ein bisschen kleiner mit dem Älterwerden.

      Und Ihr allgemeiner Eindruck von der Branche?
      Was ich besonders bedauernswert finde: Es gibt so viele begabte junge Leute, deren Potenzial fahrlässig vergeudet wird. Sie können einfach nicht zeigen, was in ihnen steckt. Wie will ich einen Schauspieler beurteilen, der unter strahlendblauem Himmel auf einer grünen Wiese sitzt, dass einem die Augen tränen, und künstliche Rosen schneidet!? Die Folge davon ist: irgendwann werden sie zynisch.

      Da haben Sie mit „Wilsberg“ ja noch richtig Glück: Die Reihe ist doch sicher ein Highlight für Sie?
      Ja, das ist immer ein großer Spaß. Man kennt sich, arbeitet Hand in Hand, das ist sehr geschmeidig, locker und ein angenehmes Arbeiten. Das ist auch schon fast Familie, denn es ist eine große Verbundenheit da. Aber ich schätze daran, dass man sich nicht die Geburtstage merken muss.

      Weshalb kommt „Wilsberg“ so gut an?
      Ich glaube, weil man da der klassischen Dramaturgie folgt, die schon seit Shakespeare Bestand hat: da ist der Held, da ist der Narr, da ist die Columbina. Dann gibt es das immergleiche Handlungsmuster samt Wiedererkennungswert, den das Muster mit sich bringt. Und „Wilsberg“ ist komisch und damit eine schöne Alternative zu anderen Krimis.

      Waren Sie traurig über das „Bienzle“-Aus?
      Nö, irgendwann ist es genug. Dafür habe ich mir zu lange den Mund fusselig geredet und die Hörner bis zu den Ansätzen abgerieben. Ich kann heute nur sagen: Mein Einsatz für diese Rolle war groß, gedankt wurde er mir am Ende aber nicht.

      Zur Person:
      Rita Russek, am 27. Juni 1952 in Eschwege geboren, war in den 80er Jahren eine feste Größe im deutschen Theater. Sie arbeitete mit Jürgen Flimm, Luc Bondy und Ingmar Bergman, mit dem sie eine tiefe Freundschaft verband. Seit den 90er Jahren verlegte sich Russek zunehmend auf Film und Fernsehen. 16 Jahre spielte sie die bessere Hälfte von „Tatort“-Kommissar Bienzle. Seit 1999 ermittelt sie selbst – in den Schmunzelkrimis um Privatdetektiv Wilsberg. Russek lebt mit Regisseur Bernd Fischerauer („Zur Sache, Lena!“) in München.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Rita Russek: Familie ist was Wunderbares
      ZDF / Interview / Tragikomödie
      EA: 21.4.2008, 20.15 Uhr (ZDF)
      Mit Rita Russek, Karl Kranzkowski, August Schmölzer, Horst Janson, Michael Abendroth und Enno Hesse
      Drehbuch: Annemarie Schoenle
      Regie: Hans-Günther Bücking
      Produktionsfirma: Müller & Seelig Filmproduktion



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