Ann-Kathrin Kramer über den Fernsehfilm "30 Tage Angst", ein spannendes Geiseldrama im Wüstensand. Zwischen Familiendrama und Abenteuerfilm angesiedelt - war dieser Genre-
Mix nicht unbedingt leicht zu spielen für die 43-jährige Schauspielerin. Im Interview äußert sie sich außerdem über ihr Engagement in dem Elternprojekt "medienbewusst.de".
Ehekrise, in der Wüste entführt, lebensgefährlich verletzt. Wie spielt man so etwas?
Man muss sich immer fragen, wo die Figur gerade steht, wo sich die Handlung befindet. Gibt es Hoffnung oder herrscht Panik in der Gruppe? Ist die Verletzung lebensbedrohlich? Solche Fragen waren wichtig, weil sonst die Handlung schnell etwas Abstraktes bekommen hätte.
Was ist der Kern der Geschichte?
Die zentrale Frage ist: Was passiert ganz normalen Menschen, Pauschaltouristen, die aus ihrem begrenzten Alltag herausgerissen sind, in einer solchen extremen Situation in der Fremde? Thorsten Näter hat die Geschichte ganz bewusst jenseits von Krisenstäben angesiedelt.
Ihre Figur hat eine klaffende Fleischwunde.
Da hat die Maskenbildnerin ganze Arbeit geleistet. Wenn ich an mir heruntersah, wurde mir im Magen übel. Das sah schon verdammt echt aus.
Geiselnahmen in Afrika sind keine Seltenheit. Spielt man also eher realistisch?
Das kann ich nicht pauschal sagen. Es ist immer eine Frage der Figur, welchen Ton man anschlägt. Ich bin ein Freund von Wagemut beim Drehen. Ich probiere lieber etwas aus. Hier fand ich es richtig, das Dramatische, auch das Melodramatische, auf die Spitze zu treiben.
Was war bei diesem Film schauspielerisch das Schwierigste?
Dass man das Bewusstsein, morgen vielleicht nicht mehr zu leben, in jede Szene legen musste, ohne dass es zur Plattitüde wird. Dafür Formen zu finden, das war schwer.
Äußerlich hält sich die Gruppe aber noch ganz gut…
Man weiß, dass Menschen, wenn sie an so eine Schwelle geraten, sich nicht so verhalten, wie man vermuten könnte. Gerade in den Momenten des größten Schmerzes vermögen viele Menschen nicht zu weinen, die Entladung, die Entlastung setzt oft erst später ein. Als Schauspieler muss man für diese Irrationalität einen Weg finden, der den Zuschauer nicht verstört. Der Zuschauer soll sagen: „das ist ja Wahnsinn!“ oder „Gott sei Dank passiert mir das nicht!“.
War es hilfreich, dass Sie weitgehend chronologisch gedreht haben?
Ja, sehr. Es half, noch stärker in die laufenden Ereignisse einzutauchen. Ich bin irgendwann gar nicht mehr aus meinem Kostüm geschlüpft. Ich bin abends ins Hotel gefahren und morgens habe ich meine Wüstenkluft wieder angezogen. Das half, ganz in der Geschichte zu bleiben.
Wie waren die Drehbedingungen?
Das Wetter in Namibia und die Wüste sind unberechenbar. Eiskalte Nächte, Sandstürme, sengende Hitze – wir hatten alles. Ich muss aber sagen: Ich habe unter nichts gelitten. Ich mochte alles: die Gegend, die Blicke auf die Landschaft, auch das Licht hab ich wahnsinnig genossen.
Gab es Momente, wo Sie den Sand nicht mehr sehen konnten?
Nein. Und wenn es kurz davor war, dann habe ich mich abseits in eine Düne gestellt und mir angeschaut, wo ich gerade bin. Da sah ich, wie schön die Welt ist.
Was gewinnt Ihrer Meinung nach so ein Wüstenfilm durch den Dreh an Ort und Stelle?
Er gewinnt alles. Ich glaube, dass man so eine Geschichte anders nicht darstellen kann. Wir leben in einer globalisierten Welt, jeder weiß, wie Wüsten aussehen. Außerdem bewegen sich Schauspieler in einem authentischen Raum anders.
Besonders authentisch wirken die Rebellendarsteller…
Was die gemacht haben, war wirklich viel wert. Die haben mitgebracht, wer und was sie sind. Wie sie reden miteinander, wie sie sich bewegen, wie sie reagieren, das war echt. Es waren übrigens größtenteils Laien.
Ein Gedankensprung: Sie hatten sich vor ein paar Jahren mal als Autorin versucht. Haben Sie keine weiteren Ambitionen in die Richtung?
Doch, ich schreibe gerade ein weiteres Drehbuch. Mein erstes war ja eine Sozialkomödie, das jetzt ist ein sehr dramatischer Stoff.
Mir war begegnet, dass Sie sich stark machen für ein Projekt „medienbewusst.de“?
Was Medien angeht, haben wir Eltern eine große Verantwortung und ein viel zu geringes Wissen. Die Kinder überholen uns beim Umgang mit Medien. Man darf sich nicht einbilden, dass man noch irgendeinen Einfluss hat auf das, was die Kids alles treiben und finden in der bunten Medienwelt. Wir wissen oft nur in der Theorie, was das Internet so alles kann und was es dort alles gibt. Wenn wir aber einen erzieherischen Einfluss nehmen wollen auf das, was in den neuen Medien passiert, dann müssen wir uns damit vertraut machen. Auch wenn wir kei-ne Lust dazu haben. Auch wenn wir meinen, wir brauchen das nicht. Wir brauchen es doch – für unsere Kinder. Wir müssen eine Idee davon haben, in welcher Welt unser Nachwuchs lebt. Das ist das eine. Das andere ist: wie reglementiert man den Medienkonsum, Fernsehen, Computerspiele, Chatten? Wie findet man einen Weg, auf diesem Feld zu erziehen – und zwar ohne kategorische Ablehnung. Dafür brauchen wir aber eben auch ein Wissen.
„medienbewusst.de“ richtet sich also nur an Erwachsene?
Die Kampagne ist auch an Kinder gerichtet. Aber ich bin der Meinung, dass Kinder eine eingepflanzte Neugier in sich haben. Sie gucken, was geht. Sie kennen kein Maß. Sie würden genüsslich drei Tage am Stück Fernsehgucken, wenn sie dürften. Deshalb macht es wenig Sinn, einem Kind eine e-mail zu schreiben mit der Botschaft: ein fernsehfreier Tag in der Woche und jeden Tag nur 90 Minuten…! So etwas clicken die einfach weg. Deswegen glaube ich, dass es über die Erwachsenen gehen muss. Dass die Eltern aber Handwerkszeug an die Hand bekommen müssen. Apropos Chatroom: die Erwachsenen können sich nicht rausreden so von wegen – das ist ein Chatroom, in den nur unter 14-Jährige rein dürfen. Sie müssen Mittel und Wege finden, mit ihren Kindern darüber zu reden, müssen ihnen klar machen, dass diese Chatrooms oft Tummelplätze für Pädophile sind, die sich da reingeschlichen haben.
In welche Richtung müsste man Kinder/Jugendliche in Sachen Medienkonsum leiten?
Ich glaube, dass man mit Verboten nichts gewinnt. Das erste Mittel der Wahl liegt meiner Meinung nach in der Kommunikation. Man muss altersadäquate Wege finden mit den eigenen Kindern über die Gefahren, die im Internet lauern, zu sprechen. Die Kommunikation funktioniert aber nur, wenn man selber etwas Ahnung hat von dem, was in den Medien läuft, und auch die Bedürfnisse der Kinder an die Medien kennt.
Sie haben einen Sohn. Wie halten Sie’s da mit Regeln zum Medienkonsum?
Er wird demnächst 12. Wir haben immer Regeln gehabt und fahren damit auch ganz gut. Wobei man sagen muss, dass diese Regeln immer auch geprägt sind von Ausnahmen. Es gibt medienfreie Tage, in denen nichts stattfindet, was elektrisch ist. Oft gebe ich Alternativen: entweder jetzt eineinhalb Stunden Computerspiel, dann gibt es später aber kein Fernsehen. Dann wägt er ab und macht für den nächsten Tag einen eigenen Vorschlag. Wir diskutieren, wie verhandeln und kommen meist zu einem Ergebnis, das beide in Ordnung finden.
Darf er „30 Tage Angst“ sehen?
Ja, den hat er bereits gesehn. Er hat wenig Filme von uns gesehen. Es waren zu viele Krimis dabei. Deshalb durfte er „30 Tage Angst“ sehen. Er fand ihn richtig klasse. Vom Unterhal-tungswert fand ich ihn für einen Jungen recht spannend, auf der anderen Seite werden da keine Menschen abgemetztelt. Er ist also nicht übermäßig bedrohlich. Es war aber eine individuelle Entscheidung. Ich kenne meinen Sohn, und er hat von dem Projekt ziemlich viel mitbekommen, er hat viele Fotos aus Namibia gesehen, ich habe ihm sogar ein Bild meiner Wunde geschickt. Ich wollte, dass er weiß, was ich in der Fremde treibe. Ich würde aber nicht die generelle Empfehlung aussprechen, dass man 11-jährige Kindern den Film gucken lassen sollte.
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