• Interview Autorin Ruth Toma über "Die letzten 30 Jahre"

      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.) Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar
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      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      Eins Festival, 16.05.2011, 18:30 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 5,0 von 6

      Die Frauen am Ende der 1970er Jahre: Kaffeekochen statt Feminismus?

      Ruth Toma gehört zu den besten Drehbuchautoren im Lande. Besonders ihre zeitgeschichtlichen Projekte haben sie als kluge Beobachterin und weise Moralistin ausgewiesen, die um den subjektiven Faktor von Lebensgeschichten weiß. Das Erste zeigt jetzt das sehenswerte WDR-Fernsehspiel „Die letzten 30 Jahre“. Dieser Beziehungsfilm auf dem Hintergrund bundesdeutscher Geistesgeschichte besticht durch seine fein austarierte Balance zwischen Liebe und Politik, zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Toma und Regisseur Michael Gutmann erliegen nicht dem Reiz, die „kultigen“ Äußerlichkeiten einer Zeit zu rekonstruieren, sie bebildern nicht den Zeitgeist, sie erzählen aus der Erfahrung heraus. Rosalie Thomass bietet eine preiswürdige Leistung und auch David Rott, Barbara Auer und August Zirner finden eine individuelle Haltung zu ihren historischen Prototypen.

      Ruth Toma

      Drehbuchautorin

      Ruth Toma
       

      Ruth Toma
      Foto: WDR

      Das Paar Mitte der 00er Jahre: Barbara Auer

      und August Zirner

      Frau Toma, wer hatte eigentlich die Idee zu diesem Film?
      Produzent Mischa Hofmann schlug mir eine Liebesgeschichte vor politischem Hintergrund vor. Das konnte ich mir anfangs nicht so recht vorstellen, habe dann aber in meiner eigenen Vergangenheit gegraben. Ich habe in den 70er Jahren in München studiert. Eine Geschichte über diese Zeit und eine Szene, die nicht in der ersten politischen Reihe stand, nicht Dutschke oder Baader war, aber auf jeden Fall irgendwie links, wenn auch mitunter etwas vage, eine Geschichte über die „Mitschwimmer“ und „Sympathisanten“, das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

      Und der WDR war einverstanden mit München?
      Fernsehfilmchef Gebhard Henke hat das Buch sehr gefallen, er hatte sich anfangs aber schon ein bisschen daran gestört, dass die Geschichte hauptsächlich in München spielt. Eine Zeitlang gab es die Diskussion, ob man den Film nicht nach Köln verlagern könnte. Ich habe mich dagegen gesträubt, weil die Berufsverbotspraxis in München eine andere war und der ganze Plot dann nicht mehr funktioniert hätte.

      Herrschte denn Einigkeit darüber, wie die 1970er Jahre waren?
      Die Redakteurin Lucia Keuter, der Regisseur Michael Gutmann und ich sind alle im selben Alter und haben alle zu dieser Zeit studiert. Gleich zu Beginn fiel auf: jeder hat eine andere Wahrheit, denn jeder hat etwas anderes erlebt. Es gibt so viele Empfindungen darüber, wie es wirklich war, wie es Zeitgenossen gibt. Alle haben eingesehen: Man darf nicht allzu sehr verallgemeinern. Sonst kann man nur falsch liegen.

      Zeitgeschichtliche Stoffe tappen oft, insbesondere in einem Bildermedium, in die Klischeefalle. Hatten Sie eine Methode, das zu verhindern?
      Ich denke, die vielen konkreten Erfahrungen, die ich zu Ideen umgemünzt habe, haben mich davor bewahrt. Ich bin nah an Situationen geblieben, die ich selbst erlebt habe. Ein WG-Mitbewohner ist tatsächlich mal nach einer nicht genehmigten Versammlung in der Aula der Universität erkennungsdienstlich behandelt worden – und das konnte damals unter Umständen schon bedeuten, dass man eine Anstellung im Staatsdienst vergessen konnte. Auch der Spruch von der „gemischten Systematik“ ist nicht ausgedacht. Ein Freund von mir war neu in einer K-Gruppe, hat wochenlang einen Vortrag vorbereitet und – kaum hat er begonnen – fragt ihn einer, nach welcher Systematik er vorgegangen sei. Ihm fiel nichts Besseres ein als der Begriff „gemischte Systematik“. Ich denke, die Figuren ernst zu nehmen, Situationen genau zu beschreiben, das bewahrt am sichersten vor dem Klischee. Sich zu fragen: Wie würde man sich verhalten? Wie würde man sich fühlen? So bekommen Geschichten ihre eigene Wahrheit.

      Hat die Geschichte dennoch einen verallgemeinerbaren Kern? Sind Männer tatsächlich theoriefixierter und pragmatischer?
      Auch wenn die männliche Hauptfigur nicht so gut wegkommt, habe ich doch für derartige Brüche der Lebenslinien sehr viel Verständnis und Sympathie. Es ist kein männerspezifisches Thema und doch glaube ich, dass diese biographischen Widersprüche bei Männern in der Regel deutlicher zu Tage treten, weil sie in der ‚idealistischen Phase’ oft radikaler sind. Ich würde aber bezweifeln, dass die Menschen, die sich nicht verändern und ihre alten Überzeugungen nie in Frage stellen, mehr richtig machen.

      Rott & Thomass
      Foto: WDR

      Die Siebziger: Mädchen vom Lande trifft Politaktivist. David Rott, Rosalie Thomass

      Gab es Dinge, die zu erzählen Ihnen besonders am Herzen lagen?
      Ich wollte auf jeden Fall etwas zeigen vom Verhältnis zwischen Männern und Frauen, wie es in den 1970er Jahren gelebt wurde. Es soll ja angeblich anders als bei der Generation unserer Eltern gewesen sein, war es aber nicht wirklich. Die Männer versuchten das Heft in der Hand zu behalten, die Frauen begehrten auf, aber entschieden war nichts. Und es war eine Menge Sexismus im Spiel. Wichtig war mir auch, zwei Figuren zu haben, von denen die eine Schritt für Schritt, auch mit Schmerzen, zu sich selber findet, während es die andere fast bis zum Ende immer wieder vermeidet. Für diese Entwicklung spielen auch die beiden Elternhäuser eine Rolle. Resas Eltern sind einfache Leute, aber man spürt, dass sie ihre Tochter lieben, unterstützen, ihr vertrauen. Oskars Eltern dagegen geben ihm das Gefühl, dass er ihre Erwartungen nie erfüllen können wird.

      Inwieweit verstehen Sie Resa als einen weiblichen Prototyp der 1970er Jahre?
      Für mich ist sie ein Prototyp. Ich kam selber vom bayerischen Land nach München und stand ähnlich staunend, naiv und mit heftigem Dialekt vor dieser städtischen Studentengemeinschaft. Aber es gab sicher auch andere weibliche Prototypen in dieser Zeit, Frauen, die radikaler die Anführerrolle übernommen haben als Antwort auf die politischen Zirkel der Männer. Die haben lieber die Idee des Feminismus’ vorangetrieben, als in den K-Gruppen den Kaffee zu kochen.

      Und der Mann ein Auslaufmodell?
      Das sehe ich nicht so krass. Am Beispiel Oskar kann man aber durchaus sehen, dass der Mann noch erheblich mehr zu ‚lernen’ und mehr Aufholbedarf hat, was die emotionale Intelligenz angeht.

      Schön, wie Barbara Auer das mimisch-gestische Angebot, das die alles überragende Rosalie Thomass in der ersten Stunde macht, wunderbar in den Schlussteil trägt.
      Michael Gutmann hat Barbara Auer natürlich Szenen mit Rosalie Thomass gezeigt, und sie haben sich sehr genau ihr Spiel angeschaut. Sie ahmt nichts nach, aber man spürt, dass ihr bewusst ist, wie Thomass sich bewegt hat und wie sie geguckt hat. Und Auer bringt auch gelegentlich noch so einen ganz kleinen bayerischen Ton rein.

      Für gewöhnlich aber sind solche Umbesetzungen problematisch.
      Wir haben deshalb auch lange überlegt, ob wir umbesetzen sollen. Bei „Liesl Karlstadt und Karl Valentin“ haben wir Hannah Herzsprung umbesetzt. Das hat offensichtlich viele Zuschauer gestört. Deshalb habe ich lange dafür geworben, lieber die jungen Darsteller älter zu machen. Es gab Masken-Tests ohne Ende. Aber gerade das, was wir zeigen wollten, dass die alte Resa eine lebensstarke, zufriedene Person ist, ließ sich so nur schwer vermitteln. Wenn man ein Gesicht alt macht, geht erst mal etwas verloren. Man hat dann nicht das, was Barbara Auer in sich hat, dieses gelebte Leben, das dann wieder eine eigene Schönheit besitzt.

      Sie haben die1970er Jahre selbst erlebt. War da Recherche für den Film überhaupt noch notwendig?
      Ja, klar. Ich habe mir beispielsweise die Russell-Tribunal-Berichte über die Berufsverbote durchgelesen. Oder ein ehemaliger Freund, der in einer K-Gruppe war, hatte noch Sitzungsprotokolle und alte „Münchener Studentenzeitungen“. Es war einfach unglaublich, diese gedrechselten Sätze, diese verquaste Sprache, das konnte man im Detail gar nicht in den Film übernehmen. Das wäre wie blanke Satire gewesen oder völlig unverständlich rübergekommen.

      Sind die „1970er“ eine Zwischen-Generation? Zu jung für den Straßenkampf, zu alt für die Punkrebellion?
      Als ich drin steckte, habe ich das so gesehen. Mit Abstand auf die Zeit ergibt sich aber ein ganz anderes Bild. Da sieht man dann auf einmal viel mehr das Positive und erkennt erst den Wert jener Jahre. Ich habe einen 16jährigen Sohn, der bedauert sehr, dass er nicht in diesen ‚wilden 70er Jahren’ gelebt hat, wo doch alles so viel cooler gewesen sei als heute. Mit Abstand betrachtet, ist die Jugend der 70er Jahre alles Andere als eine Zwischen-Generation.

      Rott & Thomass
      Foto: WDR

      Die Achtziger: Veränderte "Machtverhältnisse" in der Liebe. Rott  und Thomass

      Noch ein kurzer Rutsch in die 60er Jahre: Worin bestand für Sie der Reiz, den Roman „Friedliche Zeiten“ (ARD, 28.7.) fürs Kino zu adaptieren?
      Das Buch hat mir sehr gut gefallen, vor allem der Humor der Geschichte. Mir gefiel auch die Grundidee, dass sich die Kinder genötigt sehen, das Schicksal der Familie in die Hand zu nehmen. Das hat sehr viel Trauriges, aber auch Tiefe. Auch diesen „seltsamen“ Zeitbezug fand ich reizvoll: Der Roman spielt zwar 1968, aber er hat nichts von dem, was wir mit 1968 verbinden.

      Dennoch war es sicher nicht leicht, aus dieser Vorlage einen Film zu machen?
      Das ist richtig. Das große Problem ist, dass der Roman keine Handlung hat. Er blättert die Familienverhältnisse wie ein Familienalbum auf. Es wiederholen sich die Muster. Das ist sicher realistisch, aber für einen Film problematisch. Also musste ich versuchen, dem Ganzen eine Entwicklung zu geben und eine Handlung aufzubauen.

      Der Film hat meiner Meinung nach ein Tonlagen-Problem, er braucht eine halbe Stunde, bis er in Gang kommt. Andere Kritiker sagen, er habe ein „was-will-ich-eigentlich-erzählen“-Problem. Können Sie mit dieser Kritik etwas anfangen?
      Ich kann das verstehen. Man kann sich prinzipiell fragen, muss man einen solchen Roman überhaupt verfilmen? Die Geschichte hat, wie man in der Branche sagt, keinen Pitch, das heißt, man kann ganz schwer in zwei, drei Sätzen sagen, worum es in dem Film geht. Außerdem sind Kinder als Hauptfiguren immer schwierig in einem Erwachsenenfilm, der einigermaßen realistisch bleiben soll, weil sie nicht so viele Handlungsmöglichkeiten haben. Dadurch kommt auch der lange Anfang, bei dem viel exponiert wird, aber nicht viel passiert. Mich haben, wie ich sagte, viele Kleinigkeiten gereizt. Vielleicht habe ich es auch nicht bis zum Letzten hingekriegt, das Ganze in einen zentralen, zündenden Gedanken zu bündeln. Ich mag den Film sehr, doch es gibt mir schon zu denken, dass nur so wenige den Film im Kino angesehen haben.

      Ein abschließendes Wort zu Ihrem Berufsstand: Hat sich eigentlich das Bewusstsein, dass ein Film im seltensten Falle nur ein Film eines Regisseurs ist, gewandelt?
      Dieses Bewusstsein ist leider noch viel zu wenig ausgeprägt. Selbst bei den Film- und Fernsehkritikern gibt es nur wenige, die diese Unterscheidung kompetent machen. Dabei müssten sie doch wissen, dass sich ein Regisseur einen Film nicht am Set einfallen lässt. Es ist doch gar nicht so schwierig, das eine dem Buch und das andere der Inszenierung, der Besetzung oder dem Kamerakonzept zuzuordnen. Es passiert immer wieder, dass Autoren gar nicht genannt werden. Oder dass der Verlauf der Geschichte und die Erzählweise dem Regisseur zugeschrieben wird. Und das ist natürlich Unfug.

      Zur Person:

      Ruth Toma, 1956 im bayerischen Kötzing geboren, ist eine der renommiertesten deutschen Drehbuchautorinnen. Sie arbeitet für Kino und Fernsehen gleichermaßen erfolgreich. Für Detlef Buck schrieb sie „Liebesluder“, für Fatih Akin „Solino“ und für Rolf Schübel „Gloomy Sunday“. Drehbuchpreise bekam sie für „Emmas Glück“ und „Erbsen auf halb sechs“. Das deutsch-deutsche Politdrama „Romeo“ mit Martina Gedeck brachte ihr sowohl den Adolf-Grimme-Preis als auch den Deutschen Fernsehpreis ein.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Autorin Ruth Toma über "Die letzten 30 Jahre"
      WDR, Arte / Interview / Tragikomödie
      EA: 16.7.2010, 20.15 Uhr (Arte)
      Mit Rosalie Thomass, David Rott, Barbara Auer, August Zirner und Andreas Giebel
      Drehbuch: Ruth Toma
      Regie: Michael Gutmann
      Produktionsfirma: Odeon Pictures
      Quote: ARD: 3,59 Mio. Zuschauer (11,2% MA)



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