Henning Baum ("Mit Herz und Handschellen") über Mick Brisgau, der nach 20 Jahren aus dem Koma erwacht: "Ich mag seine sympathischen Macken. Er raucht wie ein Schlot, wie es halt war vor 20 Jahren üblich war. Er kennt diese ganze ‚political correctness’ nicht. Er schnallt sich nicht mal beim Autofahren an. Und er lacht sich kaputt, wenn er Radfahrer mit Helmen sieht. Er provoziert, neckt die Leute gern. Sonst wird es ihm langweilig."
Foto: Sat 1Launig: Mit "Der letzte Bulle" hat Henning Baum "seine" Serien-Rolle gefunden!
Ist „Der letzte Bulle“ für Sie mehr Krimi oder mehr Komödie?
Beides. Die Idee, dass sich Mick Brisgau in der heutigen Zeit zurechtfinden muss, weder Internet noch Handy kennt und darüber auch mit seinem jungen Kollegen aneinander gerät – dieser komödiantische Anteil ist zum Spielen reizvoller als nur Krimi. So lässt sich eine Persönlichkeit der Figur entwickeln.
Und wie ist Ihre Figur angelegt?
Sie hat ein großes Entwicklungspotenzial. Das sieht man als Schauspieler erst, wenn man mit ihr länger umgeht. Das ist das Schöne an einer Serie. Erst dieses Format ermöglicht es, die Tiefe des Charakters richtig ausloten. Da ist plötzlich enormer Schwung in der Hütte. Spätestens ab Folge 5 geht die Serie so richtig ab.
Mick Brisgau ist also mehr als eine Pop-Figur?
Schon. Sein Grundkonflikt ist der Verlust von Lebenszeit. Er hat 20 Jahre im Koma gelegen. Diese Ausgangsposition ist tragisch. Aber er ist keiner, der sich aufgibt, er ist neugierig, er ist lebensdurstig. Die Trauer, dass diese 20 Jahre unwiederbringlich verloren sind, schlägt sich vor allem darin nieder, dass er seine Tochter nie hat groß werden sehen. Ich finde es sehr gut, dass wir diese emotionalen Momente in der Serie haben. Mick Brisgau ist eben nicht nur laut. Er ist mit Leib und Seele Polizist. Er hätte die Möglichkeit gehabt, in Rente zu gehen. Aber er sagt an einer Stelle: „Ich habe ja sonst nichts mehr.“ Der Beruf hält ihn aufrecht. Diese Figur hat Tiefe. Ich mag den Typ, würde ihn sofort in meinen Freundeskreis aufnehmen.
Was war Ihnen wichtig am Grundkonzept?
In ihrer Grundanlage war die Serie sehr stimmig. Die Aufgabe der Schauspieler bestand darin, im Detail glaubwürdig zu sein. Es geht immer darum, einen Spannungsbogen aufzubauen, der schlüssig ist. Der muss nicht im naturalistischen Sinne glaubwürdig sein. Unsere Ausgangssituation ist ja eine Märchenkonstruktion.
Was lieben Sie an Mick Brisgau?
Ich mag seine sympathischen Macken. Er raucht wie ein Schlot, wie es halt war vor 20 Jahren üblich war. Er kennt diese ganze ‚political correctness’ nicht. Er schnallt sich nicht mal beim Autofahren an. Und er lacht sich kaputt, wenn er Radfahrer mit Helmen sieht. Er provoziert, neckt die Leute gern. Sonst wird es ihm langweilig.
Sind das die Eigenschaften, die auch den Zuschauern gefallen werden?
Bisher habe ich die Serie Freunden und der Familie gezeigt, denen hat’s gefallen. Der Tenor war: „Das ist endlich mal wieder ein Typ! Der ist lebendig und hat einen Arsch in der Hose.“ Typen, die nicht so routiniert und so wahnsinnig deutsch und korrekt sind, die machen Laune.
Ist „Der letzte Bulle“ mehr eine Männer- oder mehr eine Frauenserie?
Sowohl als auch. Man muss Filme unterhaltsam, man muss sie gut, man muss sie schlüssig machen. Man sollte nicht für ein bestimmtes Publikum spielen. Vor allem im Fernsehen. „Der letzte Bulle“ ist eine Serie, die wie auch „Mit Herz und Handschellen“ ein sehr breites Zielpublikum im Auge hat. Es ist nun mal eine Prime-Time-Serie und kein serielles Spartenprogramm. Das finde ich auch gut so.
Sie sind verheiratet. Kriegen Sie dennoch viele Fanpost von Verehrerinnen?
Meine Fanpost ist ähnlich ausgewogen zwischen Frauen und Männern wie die Zuschauerschaft meiner Filme. Ich sitze da aber auch nicht mit der Lupe. Ich krieg schon öfters gesagt, dass sich Leute freuen, wenn ich in Filmen mitspiele. Das ist wie der Applaus im Theater. Aber explizit erotische Angebote bekomme ich nicht.
Foto: Sat 1Der Bruce Springsteen des Serien-TV: Baum ist massenkompatibel & ein starker Typ
Sehen Sie die 80er Jahre ähnlich verklärt wie Mick Brisgau?
Die 80er Jahre fielen mit meiner Jugend zusammen, daher waren die schon eine wichtige Zeit für mich. Damals war Vieles nicht möglich, was heute durch Internet, Handy usw. möglich ist. Aber andererseits: Wenn man sich damals verabredet hat und ausgemacht hat, um drei Uhr an den Wassersäulen, dann war man um drei Uhr da. Die 80er Jahre waren verlässlicher. Ich glaube, Brisgau verklärt sie nicht. Er erwacht aus dem Dornröschenschlaf und er merkt, dass ihm einiges fehlt.
Kennen Sie die britische Serie „Life on Mars“?
Ich hab davon gehört, sie aber nie gesehen. Bei der sind es ja die 70er Jahre, aus denen der Held in die Jetztzeit gebeamt wird.
Wie würden Sie Ihre bisherige Karriere inklusive Karriereplanung beschreiben?
Ich habe Glück gehabt, dass ich gleich mit einer Episodenhauptrolle im „Tatort“ eingestiegen bin. Man muss gucken, was einem liegt, und man muss es, wenn man sich dafür entschieden hat, mit Leib und Seele machen. Man darf nicht ständig an seiner Arbeit zweifeln. Man muss immer alles geben. Man muss seine Spielfreude aktivieren. Der Beruf heißt ja Schauspieler und nicht Karriereplaner. Dieser Beruf hat so viele Facetten, dass es manchmal ganz überraschend ist, in welchen Formaten man Qualitäten von sich entdeckt. Nehmen Sie nur diese wahnsinnige Idee, dass ich einen schwulen Kommissar spiele. Und es hat auch noch funktioniert.
Welche Rolle hat Ihre physische Präsenz gespielt? Ihre athletische Erscheinung ist in Ihrem Beruf ja schon eher die Ausnahme!
Stimmt, in Amerika gibt es schon öfters ein paar Jungs, die fit sind. Aber bei uns ist es gleich ein Problem: da muss man immer erst beweisen, dass man auch als physischer Mensch imstande ist, über den Intellekt zu gehen. Meine Rollen hätte ich auch mit weniger physischer Präsenz spielen können. Aber da sie nun mal da ist, prägt sie natürlich. Auch – und vielleicht gerade – die emotionalen Szenen. Es heißt ja nicht, dass einer, der besonders stark ist, kein Herz hat. Ein sensibler Mensch bleibt ein sensibler Mensch, auch wenn er einen kräftigen Nacken hat.
Bietet Körper und Reife mehr Variationen als Körper und Jugend?
Natürlich. Wenn ein Schauspieler oder auch ein Mensch an sich arbeitet, wenn er einen Reifeprozess erfährt, dann schlägt sich das auf jeden Fall im Spiel nieder. Es gibt eine Menge Kollegen, die mit dem Alter immer nur noch besser werden. Um mal die Amis zu nehmen: Clint Eastwood, Morgan Freeman oder Meryl Streep. Aber Reife kommt nicht nur mit der Zeit, man muss schon an sich arbeiten.
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