Anneke Kim Sarnau spielt eine Profilerin im neuen "Polizeiruf 110" aus Rostock. Ganz genau beobachten soll ihre LKA-Frau in der Auftaktfolge "Einer von uns" ihren neuen Kollegen. Nach "Dr. Psycho" ist diese Rolle die zweite serielle Aufgabe der 38-jährigen Sarnau. Der Grimme-Preisträgerin "war es wichtig, die Ost-West-Klischees aufzubrechen".
Wie haben Sie auf das „Polizeiruf“-Angebot reagiert?
Ich hatte mir immer gesagt, Kommissarin in einer Reihe vielleicht später, aber nicht unbedingt jetzt. Als dann das Angebot kam und es verbunden war mit dem Drehort Mecklenburg-Vorpommern, einen Landstrich, den ich unheimlich mag, und es klar war, dass Charly Hübner mein Partner sein wird, da sah die Sache für mich plötzlich ganz anders aus. In dieser Konstellation habe ich nicht die Befürchtung, dass die Rolle zur Gewohnheit wird.
Sie wurden ja nicht gecastet. Wie konnte man wissen, dass die Chemie zwischen Charly Hübner und Ihnen stimmt?
Wir hatten ein Jahr zuvor in einem Kinofilm gemeinsam gespielt und gemerkt, dass wir extrem gut zusammen spielen können, sehr viel Spaß haben und uns auch privat sehr schätzen. Wir liegen vom Spiel her auf einer Wellenlänge, kommen uns nicht in die Quere. Wir sind zwei Menschen, die auf dem Boden bleiben und mit denen sich das Publikum sicher gut identifizieren kann.
Foto: NDR / Stephan ErhardDie zwei Neuen aus Rostock. Sarnau als Profilerin & Charly Hübner als Straßenköter.
Was hat Ihnen an Ihrer Rolle besonders imponiert?
Ich fand die Figurenbeschreibung sehr spannend. In meiner Vita stand zum Beispiel, dass ich als junges Mädchen mal dem Vater einer Freundin ins Bein geschossen habe, weil er sie und seine Frau geschlagen hat. Das fand ich psychologisch nicht uninteressant. Das ist für mich ein Zeichen, dass Katrin König eine Frau mit Abgründen sein muss. Außerdem hat mir am Buch-Konzept die Idee gefallen, dass es Nebenhandlungen geben wird, die über mehrere Folgen weiterlaufen. So wird beispielsweise in der ersten Folge angedeutet, dass Kommissar Bukow etwas mit der Russenmafia zu tun haben könnte.
Konnten Sie eigene Ideen in das Konzept der Reihe einbringen?
Ja, wir wurden in den Entstehungsprozess ziemlich stark mit einbezogen. Das fand ich sehr produktiv. Wir durften beispielsweise selbst Biographien unserer Protagonisten schreiben. Es war gewünscht, dass wir viel von unserer Persönlichkeit mit einbringen, damit sich eine Lebendigkeit und auch eine gewisse Authentizität ergeben können. Dadurch war auch von Anfang an die Verbundenheit sehr groß.
Und was haben Sie in diese Vita so alles rein geschrieben?
Meine Figur kommt ja aus Hamburg. Kollege Bukow aus Rostock. Mir ist es wichtig, diese Ost-West-Klischees aufzubrechen. Also wollte ich keine Wessie-Tante aus gutem Hause sein, sondern eine mit ein paar biographischen „Schönheitsfehlern“, was sie dem straßensmarten Bukow sehr viel näher bringen wird, als man zunächst vermutet. Sie war mal eine Straßenkämpferin, die jetzt auf legale Weise gegen das Unrecht angeht. Wir werden mit ihrer Vergangenheit nicht übermäßig in den Filmen auf die Tube drücken, aber zum tieferen Verständnis einer Rolle, ist so eine Biographie äußerst hilfreich.
Wie war die Zusammenarbeit mit den schreibenden Regisseuren?
Die war echt supertoll. Eoin Moore hat sich oft mit uns getroffen, es gab intensive Gespräche und er hat Charakteristika von Charly und mir unglaublich gut ins erste Drehbuch eingebaut. Er hat eine wirklich gute Basis dafür gelegt, dass wir uns längerfristig in unseren Figuren zuhause fühlen können. Toll auch, dass es sogar einen Austausch zwischen den Regisseuren gab. Ed Berger kam sogar zum Casting der Nebenfiguren des Eoin-Moore-Films. Ich habe das Gefühl, hier bewegt sich was. Es kommt eine neue Generation von Machern und Schauspielern und die rockt den „Polizeiruf“ noch mal ein bisschen anders.
Was spricht für Rostock als Stadt?
Ich liebe Rostock zunächst einmal wegen der Nähe zum Wasser. Dadurch entsteht eine Offenheit zur Welt. Es ist auch nicht so hanseatisch unterkühlt wie in Hamburg. Andererseits ist die Stadt natürlich überschaubarer – was für eine Reihe nicht schlecht ist. Es gibt aber genügend verschiedene Ecken in und um Rostock, von einer wunderbaren Altstadt bis zum Plattenbau, vom Hafen bis zur ländlichen Gegend, genügend Milieus also, um vielfältige Geschichten zu erzählen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel aus alt und neu, aus DDR-Vergangenheit und Bundesrepublik, Rostock hat Abgründe, die eine vergleichbare westdeutsche Stadt nicht besitzt. Reizvoll ist auch die Nähe zu Skandinavien oder zum Ostblock.
Das klingt ja alles großartig. Prinzipiell birgt so ein Format aber doch Gefahren.
Man kann in Fallen treten, die mit den Abläufen des Ermittelns zusammenhängen. Die Besichtigung des Tatorts, der Besuch beim Rechtsmediziner, Gespräche mit den Hinterbliebenen, Verhöre, das Gefrotzel zwischen den Kollegen: dieses Immergleiche birgt die Gefahr der Langeweile. Ich habe aber das Gefühl, dass es bei uns etwas aufgebrochen wird – allein dadurch, dass ich Fall-Analytikerin bin.
Bei Profiler und Rostock muss man schon stutzen…
Sicher, das Profilerwesen hat in den USA seinen Ursprung. Es wurde aber irgendwann bei uns übernommen. Auch in Meck-Pomm. Warum sollten wir es also nicht auch in unseren Filmen übernehmen? Ich finde es auch für die Geschichten einen Gewinn, das Umfeld des Tatorts und die Tat auf Grundlage wiederkehrender Muster noch tiefer zu analysieren, um so zu einem möglichen Täterprofil zu kommen.
Haben Sie auch einen Profiler getroffen?
Ja, und es war sauspannend. So ein Profiler sammelt alle Fakten aus dem Umfeld der Tat: bezüglich der Tatzeit, des Tatorts, bezüglich des Opfers, alles wird gesammelt. Da liegt ein Zigarettenstummel am Tatort. Bedeutet es, der Täter war nervös, hat er Zeit gehabt oder hat er auf sein Opfer gewartet? Jedes Indiz, jedes Zeichen zieht Fragen nach sich.
Foto: NDR / Stephan ErhardNeu & physisch stark am Tatort Rostock. Das "Polizeiruf"-Team: Josef Heynert, Charly Hübner, Andreas Guenther, Uwe Preuss und Anneke Kim Sarnau (v.l.n.r.)
Was hat es mit der Kinesik auf sich?
Das gehört mit zum Profiling. Darunter versteht man die Analyse des Verhaltens eines vermeintlichen Täters. Kann man natürlich auch auf ganz normale Menschen anwenden. Schlägt er die Beine übereinander? Was macht er mit seinen Händen? Wo guckt er hin? Da gibt es psychologische Regeln, die helfen auch beim Erarbeiten einer Rolle.
Als Schauspielerin sind Sie offenbar auch eine Kinesik-Anhängerin. Es gibt im „Polizeiruf“ Szenen, in denen Sie die üblichen Infotexte zum Fall sagen müssen. Sie machen das mit einem physischen, sehr realistischen Gestus, mal nervös, mal lachend, mal undeutlich sprechend, wodurch den Dialogen viel von ihrer Banalität genommen wird.
Man darf nicht in die Falle rein geraten, dass man sich darüber aufregt, so einen typischen Krimi-Satz sprechen zu müssen. Ich glaube, je klarer man seine Figur kennt, sie lebt und je klarer einem seine Rolle im Film ist und je mehr man die Situation, in der man einen solchen gefühlte 1000 Mal gehörten Satz sagt, umso weniger besteht die Gefahr, dass man den Satz einfach nur so runterleiert. Man muss quasi die kriminalistischen Informationen mit der emotionalen Situation anfüttern.
Hat diese Art des Spielens mit den Filmen Stefan Krohmers zu tun?
Schon. Stefan Krohmer hat mich sehr geprägt. Meine erste Hauptrolle war „Ende der Saison“. Es hat mich sehr begeistert, so normal und echt wie möglich zu spielen, die Figur so nah an sich ranzuholen und so alltäglich wie möglich werden zu lassen. Nach diesem Film war mir klar, dass ich sehr gerne hauptsächlich solche Rollen spielen würde.