Lange nicht so viel gelacht wie in Doris Dörries Mini-Serie "Klimawechsel". Bei Andrea Sawatzki und ihrer völlig überforderten Kunstlehrerin Désirée, mit spätem Kind, sexsüchtigem Partner und gefangen im Messie-Syndrom, bleibt einem das Lachen mitunter im Halse stecken. Zum ersten Mal in einem Film spricht Sawatzki Bayerisch: "Ich habe befürchtet, Désirée würde in ihrem Wahn zu sphärisch werden, ich wollte sie ein bisschen erden", sagt die Schauspielerin, die nur noch ein Mal im "Tatort" als Kommissarin zu sehen ist.
Was hat Sie für das Projekt eingenommen?
Natürlich Doris Dörrie – mit ihr wollte ich immer schon gerne mal zusammenarbeiten. Auch das Thema: Ich hatte mich vorher noch nicht mit den Wechseljahren befasst – und ich fand es sehr spannend, wie dieser „Klimawechsel“ in der Serie behandelt wird. Ich hatte auch große Lust, eine Serie hauptsächlich mit Frauen zu drehen. Und schließlich fand ich die Geschichten sehr schön, weil sie einerseits humorvoll sind und andererseits einen ernsten Unterton besitzen, was man nicht oft findet.
Der Ton macht also die Musik…
Ja, es ist den Autorinnen gelungen, ein Tabuthema ungemein unprätentiös aufzuarbeiten. Das beginnt mit der Sprache. Die Dialoge haben etwas Direktes, etwas Ungekünsteltes. Manchmal auch etwas Derbes, aber oft auch etwas sehr Komisches. Das Schöne dabei ist, dass die Autorinnen ihre Figuren nicht bloß stellen, nicht denunzieren. Sie erreichen es vielmehr, dass man ihnen ihr Leid abnimmt, sie lieb gewinnt und sich mit ihnen identifizieren kann. Ich mochte einerseits das Realistische, aber auch diesen Mut, den Zuständen und Befindlichkeiten der Frauen etwas Überspitztes, und damit der ganzen Serie etwas Lebendiges und auch Schräges zu geben.
Wie ist das Arbeiten mit Doris Dörrie? Wie würden Sie Ihren Regie-Stil bezeichnen?
Was das Drehen betrifft, ist sie eine ziemlich autoritäre Regisseurin – was mir persönlich entgegenkommt. Es genügt ihr nicht, wenn die Schauspieler ihren Text können und ihre Rolle abspulen, sie ist neugierig und sie ist sehr offen für ihre Schauspieler. Sie mag es gern, sich von ihnen überraschen zu lassen. Zunächst ist man sehr frei in seiner Darstellung. Danach sortiert sie aus und sagt, was sie gut oder was sie schlecht findet. Sie ist sehr direkt in ihrer Kritik. Bei ihr weiß man, woran man ist. Für uns Schauspieler war es manchmal wie ein Spielen ohne Sicherheitsnetz, zumal die Einstellungen sehr lang waren. Und trotzdem hatte man das Gefühl, wenn Doris Dörrie daneben saß, dass man immer sehr beschützt ist und dass sie sehr wohl aufpasst, dass man im Rahmen bleibt.
Wie ergab sich Ihre Maske, dieses etwas zugehängte Gesicht?
Ich finde, dass diese Maske sehr gut zu Désirée passt. Sie legt keinen Wert auf ihr Äußeres; sie lebt nur für ihre Kunst. Sie ist ein Mensch, der sich selbst nicht angenommen hat, ein Mensch, dem es schwer fällt, mit sich selbst auszukommen. Insofern war ich sehr glücklich, als Doris Dörrie sagte: ‚Ich möchte, dass du völlig ungeschminkt bist und eine Frisur hast, an der sich ablesen lässt, dass sich Désirée immer weniger pflegt.’
Da unterscheidet sich Désirée ja von den anderen Frauen im Film?
Ja, sie ist eine Frau, die sich nicht zeigen will, sie ist nicht so selbstbewusst wie beispielsweise Ulrike Krieners Beate. Désirée identifiziert sich nur mit ihrer Kunst, und sie fühlt sich wertlos, wenn man ihre Kunst nicht anerkennt. Dadurch, dass sie sich selbst nicht annimmt, ist sie auch unfähig, auf andere Menschen zuzugehen und anderen Menschen Zuneigung entgegenzubringen. Das sieht man auch im Umgang mit ihrem Kind. Insofern ist es für Désirée ganz ausgeschlossen, dass sie von anderen geliebt werden kann, wenn sie erfolglose Künstlerin ist. Ihr Aussehen interessiert sie nicht. Von daher unterscheidet sie sich stark von den anderen, die sich noch einmal aufbäumen und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um noch mal überhaupt gesehen zu werden.
Obwohl Sie aus Oberbayern stammen, wirkt es zunächst ein bisschen befremdlich, Sie Bayerisch reden zu hören. Mussten Sie sich den Dialekt (wieder) antrainieren?
Ich habe sehr viele bayerische Freunde – und wenn ich in Bayern bin, dann reden wir eben alle Bayerisch. Die Dialekt-Idee hatte ihren Ursprung darin, dass ich befürchtete, Désirée würde in ihrem Wahn zu sphärisch werden, ich wollte sie ein bisschen erden. Ich habe noch nie in einem Film Bayerisch geredet. Es hat einen Riesenspaß gemacht.
Ihre Art zu spielen bricht häufig den psychologischen Fernsehrealismus, der einem jede Regung einer Figur, jede Handlung erklärt. Kann man so nur spielen, wenn Dramaturgie und Inszenierung darauf entsprechend abgestimmt sind? Oder versuchen Sie, das mit jeder Rolle zu machen?
Rollen, bei denen ein solches differenziertes, tiefgründiges Spiel nicht möglich ist, interessieren mich in der Regel nicht. Es ist aber keine Frage der Kunst. Ich finde den Menschen an sich ein rätselhaftes Geschöpf. Ich glaube, dass man menschliche Regungen nie wirklich vorhersagen kann. Entsprechend sollte man den Figuren in Filmen immer auch ein Geheimnis lassen. Ich möchte nicht, dass man bei meinen Figuren immer genau weiß, wie sie handeln und reagieren werden. Einen Zweifel zu lassen, das ist das, was die Schauspielerei für mich ausmacht.
Gibt es genügend Filme, die ein solches Menschenbild zulassen?
Es ist schon schwer, solche Bücher zu finden, in denen den Figuren eine solche Freiheit zugestanden wird. Aber wenn ich in die nahe Zukunft schaue, dann sind schon einige diesbezüglich spannende Projekte dabei. Beispielsweise mein nächster Film: „Bella Vita“, ein Pilotfilm für eine ZDF-Reihe. Es geht um eine Frau, die auf Arbeitssuche ist, die in Scheidung lebt, keine Freunde hat, dafür eine pubertierende Tochter. Es ist eine Frau, die versucht, ihrem tristen Dasein einen Sinn zu geben. Das Besondere: Thomas Berger gibt dem Ganzen eine komödiantische Tonlage.
Ist die Komödie für Ihre Art zu spielen ein gutes Genre?
Auf jeden Fall. Die Komödie ist meine geheime Leidenschaft. Ich liebe Komödien, die ihre Kraft aus der Verzweiflung ziehen. Das ist für mich das Geheimnis des Komischen, des Humors. Was mich nicht interessiert, sind diese Schenkelklopf-Komödien, bei denen man sieht, da spielen einem Menschen etwas vor, was sie lustig finden.
Der „Tatort“ bot ja Ihrem Spiel-Stil die ideale Bühne. Befürchten Sie nicht, dass Sie Charlotte Sänger und den Möglichkeiten dieser Rolle nachtrauern werden?
Ich trauere ihr sehr nach. Diese Entscheidung ist mir auch nicht leicht gefallen. Ich habe die Charlotte wahnsinnig gerne gespielt, ich fand die meisten unserer Filme ziemlich gelungen, manchmal hatte ich zuletzt eine gewisse Tiefe in meiner Figur vermisst. Neun Jahre ist aber auch eine lange Zeit.