In „Vergessene Erinnerung“, ihrem 16. „Tatort“, kann Charlotte Lindholm anfangs nicht wie gewohnt auf ihren Intellekt setzen. Auch künftig wünscht sich Maria Furtwängler eine größere Verletzbarkeit ihrer kühlen blonden LKA-Ermittlerin & mal wieder einen Mann.
In Ihrem neuen „Tatort“ sind Sie bis zur ersten Leiche nicht die Charlotte Lindholm, die man als Zuschauer kennt.
Es ist spannend, eine Figur zunächst einmal zu brechen, um sie dann wieder zu ihrer ursprünglichen Stärke auflaufen zu lassen. Am meisten Spaß macht es, Charlotte Lindholm da zu treffen, wo sie sich am unverwundbarsten fühlt: in ihrem Intellekt, in ihrer Klarheit, in ihrer Fähigkeit zu analysieren.
Und der Ausflug in Richtung Mystery?
Ich finde solche Tonlagen-Wechsel immer spannend. An Genre Mystery speziell mag ich die Stimmung, die dabei entsteht. Jede Form von Geheimnis finde ich reizvoll, insbesondere auch in Hinblick auf die Spannungsdramaturgie eines Krimis.
Schön „schaurig“ war auch die Szene, in der sich Lindholm das Blut abnimmt. Eine augenzwinkernde Reminiszenz an Ihre Zeit als Ärztin?
Wenn man so will. Vor allem haben wir hier aber das Motiv der Verunsicherung weitergeführt: Wenn jemandem das Fundament seines Selbstbewusstseins weg bricht, die Klarheit des Verstandes, dann ist es plausibel, dass er bereit ist, sich selbst ein Stück weit Schmerz zuzufügen, wenn das die geringste Chance auf Klarheit birgt. Ich habe das Blut selbst abgezapft. Das mache ich ja auch zuhause. Auch da sind mir schon alle möglichen Sauereien passiert. Von daher war die Situation für mich nicht „schaurig“.
In „Es wird Trauer sein und Schmerz“ deutete es sich an, dass Lindholm nicht nur die Toughe, die Verkopfte ist. Ein Weg, den Sie begrüßen?
Es gibt dem Bild, das man von der Figur hat, auf jeden Fall eine neue Facette: einen Hauch mehr Menschlichkeit, eine größere Nahbarkeit. Für mich stellt es auch eine schauspielerische Entwicklung dar: da besteht eine größere Freiheit, in eine andere Tiefe und Verletzbarkeit zu gehen. Das ist sehr reizvoll, aber auch sehr fordernd.
Wie hätten Sie Charlotte Lindholm gerne in Zukunft?
Ich habe keinen Masterplan. Ich muss gestehen, ich stolpere da so ein bisschen von Fall zu Fall. Ich denke, in erster Linie müssen wir spannende Geschichten erzählen. Und in zweiter Linie muss die Kommissarin auf eine Weise fordern, bei der es Spaß macht zuzugucken. Entspanntes, nur souveränes Ermitteln finde ich uninteressant.
Neun Jahre ist Lindholm am „Tatort“. Wie würden Sie sie heute charakterisieren?
Es ist eine moderne Frau, die mehr schlecht als recht ihre privaten und beruflichen Themen verbindet. Die diesen Beruf über alles liebt. Ihre größte Qualität ist die Klarheit ihres Verstandes. Sie weiß, dass sie darin gut ist. Sie besitzt durchaus auch eine große Intuition, sie spürt, was bei Menschen los ist. Aus dieser Durchlässigkeit ergibt sich die größte Schwäche der Figur: ihre Verletzbarkeit.
Hat sich über die 16 „Tatorte“ etwas an Charlotte Lindholm verändert?
Ich glaube, sie hat sich mit mir als Schauspielerin entwickelt. Sie ist mit mir gegangen, hat sich verändert in dem Maße, in dem sich die Geschichten verändert haben, die Fälle extremer geworden sind und mehr psychologische Tiefen ausgelotet wurden.
Nervt Sie das Image der „kühlen Blonden“?
Ich kann damit ganz gut leben, weil das immer auch ein bisschen ein Geheimnis birgt. Man fragt sich: wo hat sie ihre Bruchstelle, wo hat sie ihre Achillesferse? Ich würde mich persönlich dazu nicht äußern. Ein bisschen Geheimnis muss bleiben. Wenn es um die Wahrnehmung meiner Rollen geht, finde ich dieses Image in Ordnung.
Und wenn Sie sich doch mit Ihrer Figur vergleichen würden?
Es gibt sehr viele Parallelen: das Analytische, die vermeintliche Sicherheit, das Gefühl über den Kopf im Griff zu haben. Und auch da gibt es Momente, in denen das nicht funktioniert und in denen das Gefühl viel, viel stärker ist. Großer Unterschied zur Figur ist mein soziales Leben: ich bin ein extremer Freundesmensch, stark auf Interaktion geeicht. Frau Lindholm reichen ihr Beruf und ihr Sohn. Sie ist im Unterschied zu mir eine einsame Frau.
Sie sagten in einem Interview, Sie fänden es gut, wenn sich Lindholm mal wieder verlieben würde.
Stimmt. Aber dazu braucht man dann auch den richtigen Fall und den richtigen Partner. Der Partnerwunsch wird noch ein bisschen zurückgestellt.
Wer hat sich eigentlich das Einzelgänger-Image Ihrer Kommissarin ausgedacht?
Das war schon maßgeblich die Redakteurin Doris Heinze. Ich hatte damals noch viel zu wenig Ahnung davon, was das heißt.
Apropos: Wie beurteilen Sie mit etwas zeitlichem Abstand die Vorgänge um Doris Heinze?
Ich persönlich habe nur gute Erfahrungen mit ihr gemacht. Ich habe sie als eine fürs Programm leidenschaftliche Person erlebt. Alles andere kann ich nicht beurteilen. Ich glaube allerdings, dass in Relation zu dem Schaden, den sie verursacht hat, etwas zu viel darüber geredet, geschrieben und geschimpft worden ist.
Sehen Sie es eigentlich als Kintopp, wenn Sie da mit einem 50-Tonner an den Start gehen oder der Plutonium-Mafia das Handwerk legen, oder als ungebrochenes Helden-Epos einer tapferen Kommissarin, die tut, was sie tun muss?
Das ist ja immer beides. Unsere Verpflichtung ist, gute Unterhaltung zu liefern. Dazu gehört eine gewisse Überzeichnung und manchmal auch eine gewisse Ungenauigkeit. Soweit es möglich ist, versuche ich Geschichten etwas logischer zu machen, aber letztendlich schreiben die Autoren. Es gibt Drehbuchideen, die finde ich toll, andere nur blöde – die werden natürlich nicht gedreht - und wieder andere finde ich, obwohl sie überzeichnet sind, komisch und gut. Das hat immer auch mit persönlichem Geschmack zu tun.
Haben Sie den Eindruck, dass die Marke „Tatort“ überreizt wird?
Die Diskussion gibt es ja schon länger. Ich hatte auch immer die Sorge gehabt. Die Zahlen belegen aber das Gegenteil. Ich bin mehr als überrascht ob der Kraft dieser Marke und ich freue mich über jeden erfolgreichen „Tatort“, weil er der Marke gut tut und damit mir und meiner Charlotte Lindholm auch.
Mit Ulrich Tukur, Joachim Kròl und Nina Kunzendorf bekommen Sie starke „Tatort“-Konkurrenten.
Es ist ein sehr gutes Signal, dass so arrivierte und gute Schauspieler „Tatort“ machen – und es gerne machen! Ulrich Tukur bewundere ich sehr, mit Joachim Kròl habe ich schon gedreht - er ist ein wunderbarer Kollege und auf Nina Kunzendorf als neue Kollegin freue ich mich schon sehr. Einfach toll. Wie gesagt: Die Marke profitiert und damit jeder einzelne Ableger.
Zur Person:
Maria Furtwängler, 1966 in München geboren, ist die Großnichte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Sie arbeitete als Ärztin, heiratete 1991 den Verleger Herbert Burda, bevor sie wieder zur Schauspielerei zurückfand. In jungen Jahren bekannt wurde sie durch die Serie „Die glückliche Familie“ (1987-93). Eine Steigerung ihrer Popularität erfuhr sie durch ihre „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm.