• Interview Hanns Zischler: Hinter blinden Fenstern

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      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

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      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

      ZDF neo, 04.06.2010, 21:45 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 5,0 von 6

      Zischler findet Polonius Fischer reizvoll, "weil das gestische Potenzial mit zurück genommenen Dialogen verbunden ist, mit Blicken, und weil nicht alles zugetextet ist"

      Nach "München" sieht man Hanns Zischler wieder öfters hierzulande – auch im Fernsehen. Der Schauspieler, der auch schreibt, übersetzt und inszeniert, spielt Polonius Fischer, einen Kommissar, der Mönch war. Im Interview spricht er über den Film, seinen Regisseur Matti Geschonneck, über literarische Vorlagen & erinnert sich an den Neuen Deutschen Film.

      Fischer sagt wenig, spricht in Psalmen, Sentenzen oder ist nonverbal präsent. Entspricht das Ihrer Mentalität?
      Privat bin ich nicht so schweigsam wie Polonius Fischer. Privat besteht eher die Verbindung darüber, dass auch ich mir Gedanken mache, wie man spricht und was man sagt. Und dass man das in gebotener Kürze tun sollte. Bei Polonius Fischer ist es ein abwartendes Schweigen, auch ein herausforderndes Schweigen. Die Anderen durch Schweigen zum Reden bringen. „Ich höre dir zu“: es ist ein Angebot und eine Provokation. Eine priesterliche Technik vielleicht.

      Und wie ist es, so etwas zu spielen?
      Sehr reizvoll. Weil das gestische Potenzial mit zurückgenommenen Dialogen verbunden ist, mit Blicken. Dass nicht alles zugetextet ist, das kann auch für den Zuschauer angenehmer sein als dieses dauernde Reden: Reden über den Fall, die Fahndungsergebnisse, bei dem er sich ja immer nur fragen muss: „Habe ich alles verstanden?“

      Können Sie Polonius Fischer noch etwas weitergehender charakterisieren?
      Er hat einen anderen Hintergrund. Er kommt aus einer anderen Tradition als jeder andere Fahnder. Es ist im Grunde eine doppelte Brechung. Als ehemaliger Mönch kommt er aus einem Milieu, das mit Verbrechensaufklärung nichts zu tun hat. Er ist wieder verweltlicht, trägt aber noch die Spuren seines Rückzugs. Das ist das eine. Und das andere: diese Prägung, die er erfahren hat, ist eine, die ihm vielleicht sogar zum Vorteil gereicht, weil er schweigen und besser zuhören kann.

      Aber sonst ein ganz normaler Ermittler?
      Nicht ganz. Natürlich hat er dasselbe Ziel: das Aufklären einer Tat, das Geständnis des Täters. Doch es bleibt für ihn ein Rest, der in der Frage gipfelt: Was hat die Menschen bewogen, so zu handeln? Diese Frage, wie kommt das Böse in die Welt, wird im Krimi nicht immer ausgelotet.

      "Wie kommt das Böse in die Welt?" Kommen da nicht – wie in fast allen Krimis – die Opfer zu kurz? Für den Hintergrund der Figur Polonius Fischer könnte die Opferperspektive ganz gut passen…
      Sein Mitgefühl und sein Empfinden für die Opfer könnte man in der Tat in den Krimis verstärken. Das liegt aber nicht in meiner Hand… Mir fällt allerdings eine Szene aus dem ersten Film „Todsünde“ ein, in der Fischer den Hinterbliebenen einen Psalm zum Trost vorträgt. Da „kümmert“ sich der Film schon um die Leidtragenden. Das ist eine Art von Empathie mit den Opfern.

      Kannten Sie die Vorlage, die Polonius-Fischer-Krimis von Friedrich Ani?
      Nein, und ich habe die Romane auch erst nach dem Dreh gelesen. Ganz bewusst. Das Drehbuch ist für mich das Relevante. Es kann irritierend sein, wenn man neben dem Drehbuch noch den Roman als Raster im Kopf hat. Da kann man dann schnell zum geheimen Autor werden – und das sollte man als Schauspieler tunlichst vermeiden.

      Sind Drehbücher nach literarischen Vorlagen tiefer?
      In der Regel ja. Ich habe gerade das Buch „Napoleon“ über Stanley Kubricks großes Desaster rezensiert. Es wäre der einzige Film von ihm gewesen, zu dem er keine Romanvorlage hatte. Das könnte mit ein Grund gewesen sein, weshalb das Filmprojekt „Napoleon“ scheiterte. Man merkt dem Drehbuch einfach an: da liegt nichts vor. Ich finde, Hitchcock hat es auf den Punkt gebracht: ein mittelmäßiger Roman ist die beste Vorlage. Auch bei den Figuren ist es in der Regel besser, sie sind schon konzipiert, umrissen, auch wenn es nur ein Scherenschnitt ist.

      Was zeichnet Matti Geschonneck als Regisseur aus?
      Er vertraut sehr auf das Drehbuch. Es gibt auch Regisseure, bei denen man das Misstrauen gegenüber dem Buch spürt. Er ist sehr sicher, in dem, was er will. Das ist für einen Schauspieler eine sehr angenehme Voraussetzung. Er besitzt eine Art entschiedener Behutsamkeit in der Regie. Er erzwingt nicht. Filme machen ist bei ihm ein maieutischer Prozess, eine Art Hebammenprozess.

      Sie sind Cinéast. Beurteilen Sie Fernsehen nach anderen Kriterien als Kino?
      Fernsehen ist auf jeden Fall anders konnotiert. Kino hat eine andere Ästhetik hat, oft auch andere Erzählformen. Und das Kino geht vor allem anders mit Räumen um. Die räumliche Durchdringung einer Wirklichkeit ist nur im Kinofilm gegeben. Die Geschichten, die das Fernsehen erzählt, sind im Format kleiner, sie müssen gängiger sein, sie sind eine schnellere Ware. Das wollen sie sein und das sollen sie auch sein.

      Hat sich durch „München“ etwas bei Ihren Rollenangeboten verändert?
      Es hat sich einiges verbessert. Hauptrollen wie Polonius Fischer oder Barbie in „Hetzjagd“ bieten für mich schon bessere Möglichkeiten als ein Cameo-Auftritt; als der düstere, sinistre Mann, der gleich aus der virtuellen Tapetentür hervortritt.

      Wie beurteilen Sie im Nachhinein Ihren Ausflug ins komische Genre mit „Dr. Psycho“?
      Das habe ich sehr gern gemacht. Es war seit „Kir Royal“ wieder meine erste richtig komische Rolle. Erstens hat man eine solche Rolle von mir nicht erwartet. Und zweitens schreibt Ralf Husmann einfach sehr gut.

      Zum Schluss ein Blick zurück: Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an den Neuen Deutschen Film der 70er Jahre?
      Ich denke mit einem gewissen Bedauern an diese Zeit zurück. Die filmischen Ansätze waren sehr gut, wenn ich da nur an Wenders oder Herzog oder Fassbinder denke, aber es gab keine Industrie, die das aufgefangen hätte. Von den Machern kamen sehr starke Impulse, fast wie in Frankreich, das hat sich damals aber nicht wirklich etabliert. Der Neue Deutsche Film ist in den 80er Jahren langsam wieder verwelkt. Das war ein Fehler auch einer falschen Subventionspolitik, einer falschen Produktionspolitik, einer falschen Verleihpolitik. Es herrschte eine Art von Mutlosigkeit, die nicht dem Mut der Macher entsprach. Da wäre sehr viel mehr drin gewesen in der Entwicklung damals. Ich denke aber, alle haben daraus gelernt und machen es heute besser.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Hanns Zischler: Hinter blinden Fenstern
      ZDF / Interview / Krimi-Drama
      EA: 1.2.2010, 20.15 Uhr (ZDF)
      Mit Hanns Zischler, Maja Maranow, Lisa Maria Potthoff, Sissy Höfferer, Bernadette Heerwagen, Jürgen Tarrach, Johann Adam Oest und Johanna Bittenbinder
      Drehbuch: Hannah Hollinger
      Regie: Matti Geschonneck
      nach dem gleichnamigen Roman von Friedrich Ani
      Produktionsfirma: Network Movie
      Quote: 6,40 Mio. Zuschauer (18,3% MA)



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