Barbara Auer wollte zwei, drei Episoden spielen. Jetzt sind es schon sechs und die 50-Jährige macht gerne weiter. Der vierte Film, "Wir sind die Polizei", ist äußerst launig geworden. Im Interview spricht sie über ihre Polizeipsychologin und die Besonderheiten der "Nachtschicht", über Lars Becker, über aktuelle Rollenangebote und die Gelassenheit des Alters.
„Wir sind die Polizei“ kommt überraschend ironisch daher…
… und besitzt eine ungewöhnliche Leichtigkeit. Es ist eine Leichtigkeit, die deutsche Filme nur selten haben, eine Leichtigkeit, die man aber auch im wirklichen Leben oft vermisst. Das gefällt mir sehr gut, aber das wird nicht so bleiben, weil Lars Becker von „Nachtschicht“ zu „Nachtschicht“ die Genres wechselt.
Ihre Polizeipsychologin wirkte bisher sehr streng. Kein einziges Lächeln. Wird sich das ändern?
Nicht dass ich wüsste. Es hat sich in den Fällen zuvor so ergeben. Es lag an den Geschichten, dass ich wenig Grund zum Lächeln bekam. Es gibt auf jeden Fall kein Lächelverbot für mich in der „Nachtschicht“.
Oder muss Ihre Lisa Brenner weicher werden, weil die beiden anderen im Team gerne die harte Tour fahren?
Es steckt nicht wirklich eine Absicht dahinter. Auch in den nächsten Fällen habe ich nichts zu lachen. Der Geist ist wieder ganz anders. Die Geschichten sind sehr viel härter, sehr viel ernster. In der letzten, die wir gedreht haben, kommt eine weitere Psychologin ins Spiel, Lisa Brenners beste Freundin. Das gibt ihr eine andere psychologische Tiefe, weil sie persönlich betroffen ist.
Mit Waffen hat sie es nicht so?
Ich habe immer ein bisschen Scheu davor. Ich weiß noch, als ich meine erste „Nachtschicht“ drehte, da sollte ich in einer dramatischen Szene eine Waffe in der Hand haben. Ich bestand aber darauf, es nicht zu tun. Ich wollte es nicht, weil ich das nicht richtig fand für die Figur. In der gerade erwähnten Episode wird sich das aber ändern.
Wäre eine andere Kommissarin mit Knarre und Handschellen für Sie denkbar?
Ich wollte nie unbedingt eine Kommissarin spielen. Weil ich sie nur aus dem Fernsehen kannte und nie genau wusste, ob das nicht alles Abziehbilder sind. Inzwischen habe ich einen Freund bei der Mordkommission, bei dem ich nachfragen kann. Er hat mich auch mal einen Tag mitgenommen, damit ich mir die Abläufe besser vorstellen kann und etwas Futter für die eigene Fantasie bekomme.
Ein Begriff, der im Zusammenhang mit „Nachtschicht“ immer wieder fällt, ist Realismus. Ist „Wir sind die Polizei“ tatsächlich der Wirklichkeit auf der Spur?
Ich glaube schon. Es ist einerseits immer eine Überhöhung. Man bekommt es mit Charakteren zu tun, die zum Teil sehr schräg, nicht korrekt sind, und man beginnt sogar, mit den Bösewichtern zu sympathisieren. Lars Becker mischt immer die Seiten auf. Es wird nicht alles in Schwarzweiß und Gut-Böse aufgeteilt. Und gleichzeitig wird immer eine soziale Wirklichkeit abgebildet. Wir haben für „Wir sind die Polizei“ eine Woche in einem Sozialwohnblock gedreht. Der ist nicht leer, da leben Menschen, die es nicht nur freut, dass da gedreht wird. Man bekommt also sehr wohl etwas von deutscher Realität mit. Lars Becker ist außerdem nicht weltfremd. Er lebt selbst in einem sehr lebendigen Viertel, ist ein sehr politisch und sozial denkender Mensch.
Lisa Brenner ist nicht gerade eine Hauptrolle. Fühlen Sie sich nicht unterfordert?
Es stimmt, die Hauptfiguren sind schon immer die Gast-Rollen. Wenn ich nur „Nachtschicht“ machen würde, würde mir die Vielfalt fehlen. Ich bin auch froh, dass wir nicht so viele „Nachtschichten“ drehen und ich nichts anderes mehr machen könnte. Das war anfangs meine Sorge. Die Reihe kommt mir darin sehr entgegen: ich liebe es, in Hamburg zu drehen, ich mag es mit Lars zu arbeiten, ich fühle mich sehr Zuhause.
Unter welcher Maßgabe und mit welcher Erwartung sind Sie in die Reihe eingestiegen?
Ich habe gedacht, zwei oder drei Folgen. Weil „Nachtschicht“ damals nicht als länger laufende Reihe konzipiert war. Ich wollte nie eine Figur über Jahre spielen. Doch mittlerweile finde ich es so, wie es jetzt ist, ideal. Ein Mal im Jahr „Nachtschicht“, ein Mal im Jahr mit Lars Becker drehen, ein Mal im Jahr schlecht schlafen – wunderbar!
Wie halten Sie sich beim Dreh wach und fit?
Es ist wichtig, nicht zu viel zu essen, das macht noch müder, zwischendurch zu entspannen, ohne einzuschlafen, dann der obligatorische Espresso zum richtigen Zeitpunkt und dann gucken, dass man möglichst viel Schlaf am Tag bekommt.
Spielt man die nächtliche Erschöpfung oder ist sie automatisch im Spiel?
Man kann das benutzen, aber natürlich muss man die Grade der Müdigkeit und Erschöpfung als Bestandteil der Rolle spielen. Und weil wir nicht chronologisch drehen, muss man sich immer wieder zwischendurch fragen: „Wie spät ist es jetzt im Film?“
In unserem letzten Interview sprachen Sie über das, was man „Becker-Familie“ nennt. Können Sie mittlerweile auch eine „Becker-Methode“ feststellen?
Zur „Becker-Methode“ gehört, dass Lars Becker die Drehbücher selbst schreibt und dass er sehr gut schreibt. Man bekommt in den Büchern sehr anschaulich die Fülle der Geschichten und Situationen vermittelt. Ein weiteres Plus: Becker ist offen, neue Ideen aufzunehmen, und besetzt perfekt. Und trotz des Nachtdrehs, der die Abläufe, was die Energien aller Beteiligten anbelangt, nicht unbedingt schneller macht, findet er immer noch die Zeit, genau zu arbeiten und immer noch andere Varianten auszuprobieren.
Man sah Sie die letzten Jahre wieder häufiger. Sind die Angebote besser geworden?
Der Beruf ist zyklisch. Man hat mal ein gutes Jahr und mal nicht. Dann kommt nach Jahren mal wieder eine ganz tolle Rolle und dann hat man zwei Jahre, in denen man ordentliche Rollen spielt. Die Figuren verändern sich aber auch durch das Lebensalter. Ich werde dieses Jahr 51, da gibt es bald wieder einen Umbruch im Rollenfach.
Spürt man die Reife in Form von größerer Tiefe auch in den Rollen?
Man kann schon sagen, dass sie mit dem Alter vielschichtiger werden, wegen der zunehmenden Erfahrung tiefer, spannender, weil in ihnen mehr gelebtes Leben steckt. Was allerdings nicht heißt, dass die Rollen größer werden. So wie in „Die Wölfe“. Das waren nicht mehr als acht Drehtage, aber eine ganz tolle, hoch spannende Rolle.
Hat das Feuer, das Brennen für ein Projekt, mit den Jahren doch ein bisschen nachgelassen?
Wenn etwas Aufregendes kommt, dann nicht. Man muss den Beruf ernst nehmen, jede Figur – und doch gibt es eine Art von Professionalität, manche Dinge nicht mehr so hoch zu hängen. Vielleicht ist mein Ehrgeiz noch ein bisschen weniger geworden. Es gibt auch eine andere Art von Gelassenheit, die einen im wirklichen Leben auch begleitet.
Zur Person:
Barbara Auer, 1959 in Konstanz geboren, gehört seit ihrem Durchbruch mit „Der Boss aus dem Westen“ (1988) zu den nachhaltigsten Schauspielerinnen hierzulande. Sie brillierte in „Nikolaikirche“ (1995), „Die andere Frau“ (2004) oder zuletzt in „Die Wölfe“. Seit 2005 spielt sie eine Polizeipsychologin in "Nachtschicht". Auer lebt hat zwei Söhne und lebt mit Kameramann Martin Langer in Hamburg.