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Unlängst bekam ihr Geschichtsdrama „Die Wölfe“ den US-Fernsehpreis Emmy. Ihr „Polizeiruf“-Auftakt wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. Nun ist Stefanie Stappenbeck mit dem außergewöhnlichen Film über Liebe und sozialen Absturz, „Pizza und Marmelade“, zu sehen. Im Interview äußert sie sich zu ihrem Image als "die Süße" und als das "Glückskind", über die Branchenkrise und den Tod von Kollege Jörg Hube.
Foto: BRStefanie Stappenbeck & Jörg Hube: "Polizeiruf 110 – Klick gemacht"
Foto: BRStefanie Stappenbeck in "Pizza und Marmelade"
Frau Stappenbeck, darf ich Ihnen zum Grimme-Preis 2010 gratulieren?
Wie? Was? Nicht, dass ich wüsste?!
Man sah Sie gerade in einem der besten Krimis in diesem Jahr, jetzt noch dieser außergewöhnliche Liebesfilm…
Das wäre ja schön! Es sind tatsächlich zwei sehr gute Film – und ich bin froh, dass ich dabei sein durfte.
Wie kam es dazu? War da auch ein bisschen Glück im Spiel. Beides sind ja Produktionen vom Bayerischen Rundfunk?
Es waren zwar verschiedene Redaktionen. Aber es war wohl schon so, dass man nach dem Casting für den „Polizeiruf“ auf mich aufmerksam geworden war – und ich so quasi von einem zum anderen Casting rübergehüpft bin.
Wann wussten Sie, dass es sich bei „Pizza und Marmelade“ um etwas Besonderes handeln könnte?
Das war mir ziemlich schnell klar. Und als ich dann beim Casting Oliver Dieckmann kennenlernte, spürte ich, dass hier ein Regisseur mit viel Herzblut und Engagement bei der Sache ist und für seine Figuren kämpft und eintritt. Ich finde nur den Titel nicht passend für den Film. Das klingt zu harmlos und fast ein bisschen zu sehr nach Komödie.
Der Film erzählt sehr visuell. Es gibt wenig Dialog.
Gerade das fand ich besonders reizvoll. Es ist schon eine große Herausforderung, eine Figur mit so wenig Mitteln zu erzählen. Ob es mir gelungen ist, kann ich nicht so genau sagen, denn ich bin schon extrem streng mit mir und denke immer: ich hätte alles noch sehr viel besser machen können.
Ich habe den Eindruck, dass Sie eine Schauspielerin sind, die gern auf zu viel Text verzichtet.
Stimmt. Eine meiner tollsten Rollen auf der Bühne, die behinderte Anita in Tankred Dorsts „Herr Paul“, war völlig ohne Text. Auch und gerade beim Film habe ich nichts dagegen, wenn der Regisseur beim Dialog den Rotstift ansetzt. Ich finde unmotivier-tes Gequatsche einfach nur nervig.
Was heißt das für die Vorbereitung? Ist eine weitgehend stumme Figur nicht schwerer zu erarbeiten als eine, die sich verbal erklärt?
Man kann natürlich auch ohne Text eine emotionale Grundsituation einer Figur erfor-schen. Dann müssen aber alle anderen Informationen umso klarer sein. Ein Beispiel: In „Pizza und Marmelade“ gibt es eine AB-Nachricht für Lucia von ihrem Mann. Diesen Text finde ich entscheidend für meine Figur, weil er etwas Wesentliches über ihre Vorgeschichte aussagt. Doch dummerweise stand dieser Text bis zum Ende nicht fest.
Finden Sie auch: dieser Film zeigt einmal mehr, dass das WIE das Entscheidende ist!
Unbedingt. Das hat man auch schon beim Drehen gemerkt. Der Kameramann hat mit solchen anamorphischen Objektiven gearbeitet. Die sind riesengroß und erzeugen ein spezielles Breitwandbild. Drei dieser Bilder werden dann auf ein normales Filmbild gelegt – oder so ähnlich (lacht). Wir hatten auf jeden Fall die fettesten Objektive am Start. Man hat einfach immer gespürt, dass hier einer was richtig Gutes machen möchte. Ich finde auch, dass der fertige Film nicht aussieht wie normales Fernsehen.
Wie würden Sie Ihre Lucia charakterisieren?
Sie ist eine Frau, die einen Schicksalsschlag erlitten hat, nicht an ihm zerbrechen will und deshalb versucht, sich dem Leben und den Menschen langsam wieder zu öffnen.
Der Film hat etwas Realistisch-Tragisches und zugleich etwas Hoffnungsvolles.
Das finde ich auch. Der Film erzählt unheimlich warmherzig – und er zeigt, dass im Aufeinanderzugehen die Chance liegt: Jeder Einzelne hat Unsicherheiten, Kummer und Dramen und fühlt sich oft verloren und einsam, aber wenn wir einander mit offenem Herzen begegnen, wird es uns leichter fallen, über all das hinwegzukommen. Das klingt vielleicht etwas abgedroschen. Diese „Botschaft“ trifft auch auf viele Kitschfilme zu – aber da zeigt es sich dann eben auch wieder: auf das WIE kommt es an!
Was sagen Sie zum sozialen Absturz, den die männliche Hauptfigur im Film ereilt?
Als der Film entwickelt wurde, gab es natürlich auch schon Probleme mit Arbeitslosigkeit, aber wie der Film jetzt den Nagel auf den Kopf trifft – das ist schon verrückt. Jetzt, wo auf einmal sogar der so sicher geglaubte Arbeitsplatz bei Opel in Gefahr ist. Aber dazu könnten wir ein Extra-Interview machen, zur ganzen Finanzkrise. Ich bin so wütend, was da passiert. Es hat sich überhaupt nichts geändert – und die nächste Blase steht bevor… Kurzum: der richtige Film zur richtigen Zeit.
Dieser soziale Absturz ereilt auch Ihre Branche. Sie sind gut im Geschäft. Kennen Sie Kollegen, denen es nicht so gut geht?
Sicher, natürlich kenn ich die. Es wird einfach weniger gedreht. Man erkennt die Krise in meiner Branche unter anderem daran, dass immer mehr hochkarätige Schauspieler, die man früher nur in Hauptrollen gesehen hat, plötzlich in kleinen Rollen auftauchen. Es geht schon eine gewisse Angst um.
Sie selber kennen diese Angst nicht?
Doch, auch! Aber ich habe in den letzten Jahren immer mehr so eine Art Gottvertrauen entwickelt. Und sollte ich eines Tages keine Filme mehr drehen können, wird irgendetwas anderes auf mich zukommen, das gut ist.
Gute Filme, Arbeit mit herausragenden Regisseuren, mit 11 die erste Hauptrolle – würden Sie sich als Glückskind bezeichnen?
Es kommt immer darauf an, mit wem ich mich vergleiche. Natürlich bin ich privilegiert. Ich kann von meinem Traumberuf leben. Auch wenn es Biographien gibt, bei denen das das Glück noch kräftiger anklopft, bin ich dankbar und freue mich an dem, was ich habe.
Foto: BRÜber München hängt der Himmel voller... Stefanie Stappenbeck, Max von Thun
Hat der Erfolg auch seine Schattenseiten?
Dieses Eintauchen in fremde Rollen, das ist schon extrem anstrengend, emotional aufreibend und oft sehr erschöpfend. Das macht ganz viel mit einem, meistens mehr als man selbst glaubt. Bei meinem letzten „Polizeiruf“ beispielsweise kommt mein Partner auf sehr brutale Art und Weise ums Leben. Es ist wie bei vielen künstlerischen Berufen, dass man die eigene Seele leer saugt. Man muss immer wieder zurück-finden in die eigene Persönlichkeit – das ist nicht leicht. Ich schaffe das aber ganz gut. Ich glaube, ich bin schon sehr bodenständig, bin nicht der Typ für Abstürze.
Zu Ihrer Glückskind-Filmografie kommt Ihre Glückskind-Ausstrahlung. Versuchen Sie, von Ihrem „die Süße“-Image wegzukommen?
Das mache ich jetzt ja gerade mit Rollen wie der im „Polizeiruf“ oder auch in „Pizza und Marmelade“. Ich habe früher unter diesem „jugendlich“ und „süß“ viel mehr gelitten. Es normalisiert sich langsam. Ich glaube, ich werde gut altern und dann immer noch hoffentlich frisch sein und vielleicht auch noch ein bisschen süß, aber auch erwachsen und fraulich.
Nicht ganz so viel Glück hatten Sie nun mit dem „Polizeiruf“ durch den Tod von Jörg Hube. Was sagen Sie dazu, dass Sie nur zwei Solos bekommen?
Das ist für mich total in Ordnung. Mein Ziel ist: mit den besten Leuten die besten Filme und Theaterstücke zu machen. Und mit dem „Polizeiruf“ war diese Möglichkeit gegeben. Diese Konstellation, der erfahrene Kommissar und die junge Soldatin, die gar nicht weiß, dass sie auch eine Frau ist, hatte viel Potenzial. Nach Jörg Hubes Tod war ich wahnsinnig traurig, und ohne ihn fühlte es sich nicht richtig an, weiterzumachen. Nun werden andere interessante Filme kommen und hoffentlich werde ich genauso viel Glück mit meiner Arbeit haben wie bisher.
Zur Person:
Stefanie Stappenbeck, 1974 in Potsdam geboren, wurde bereits mit elf Jahren für „Die Weihnachtsgans Auguste“ entdeckt. Ihr Karriereweg führte sie über namhafte deutsche Bühnen zu Ausnahmerollen in Film und Fernsehen wie „Dunkle Tage“, „Die Manns“ oder „Barfuß“. Zurzeit ermittelt sie für den Münchner „Polizeiruf 110“.