• Interview Markus Imboden: "Mörder auf Amrum"

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      ZDF neo, 14.09.2010, 21:00 Uhr - Wiederholung
      ZDF neo, 15.09.2010, 03:20 Uhr

      Regisseur Markus Imboden: "Man kann nicht immer nur Filme machen über kokainsüchtige Architekten, die mit dem Maserati durch die Großstadt rasen."

      Der neue Film von Markus Imboden bedient das Dorfkrimi-Genre auf ungewöhnliche Weise, spielt mit Gewalt, Humor und ist deutlich inspiriert von den Filmen der Coen-Brüder. Im Interview verrät der Schweizer Regisseur, was die Nordsee und das Berner Oberland gemeinsam haben, was an seinem neuen Film "Anti-Genre" ist, warum die Musik anders klingt, als in anderen Fernsehfilmen, wie er den Dreh mit der todkranken Barbara Rudnik empfunden hat oder was er mit ein, zwei Drehtagen mehr hätte besser machen können.

      Was hat Ihnen an der Geschichte und am Drehbuch von Holger Karsten Schmidt imponiert?
      Für einen Fernsehfilm ist alles ziemlich ungewöhnlich. Die Erzählelemente sind bewusst disparat. Mich hat besonders diese Nähe von Brutalität und Komik angesprochen. Holger Karsten Schmidt, mit dem ich bereits zum vierten Mal zusammengearbeitet habe, hat das richtig gut geschrieben. Ohne alles mit Regieanweisungen zuzukleistern. So, dass sich für mich Freiräume öffnen. Er setzt bei mir Phantasie frei.

      Produzenten sprechen häufig von diesem berühmten einen Satz, auf den sie einen Genre-Film gerne bringen. Fällt Ihnen so ein Satz zu „Mörder auf Amrum“ ein?
      Ich möchte eigentlich keine Genrefilme machen. Ein Genre ist für mich immer eine Art Märchen. Mich interessiert aber mehr eine gewisse Unmittelbarkeit des Lebens, die mir entgegenschlägt, oder mich faszinieren Figuren, die so sind, wie sie sind. Ich will wissen, wie die Welt funktioniert. Das waren schon immer die Gründe, weshalb ich mich für Geschichten und Filme interessiert habe. Es geht immer auch um vorgelebtes Leben. Genrefilme sind mir da zu begrenzt, taugen mir nicht zur Reflexion der Welt. Von daher möchte ich mich um diesen „berühmten einen Satz“ lieber drücken.

      Aber die Coen-Brüder beziehen sich doch auch auf den Genre-Regelkanon. Sie brechen ihn allerdings. Daraus können doch durchaus vielschichtige, wahre Filme entstehen.
      Aber sie machen eben keine eindeutigen Genrefilme. Bei ihnen gibt es immer diese Brüche. Und ich denke, der Reiz auch unseres Films resultiert zum Großteil aus dem expliziten Regelbruch.

      Wo überall bricht denn der Film mit dem Krimi-Thriller-Konzept?
      Es fängt bei der Hauptfigur an, die kein Held ist, sondern vielmehr genötigt wird, ein Held zu sein. Mir gefällt diese Polizistenrolle unglaublich gut. Helge Vogt ist einer, der sich nicht verrät, der nicht besser ist, als er ist. Er mutiert nicht zum Supermann. Das ist schon Anti-Genre. Genau so wie diese einsamen Existenzen, die diesen Film bevölkern, aber viel mehr sind als nur funktionale Staffage für eine Heldengeschichte.
      Dass eine der vermeintlichen Hauptrollen, Polizist Koops, schon nach zehn Minuten erschossen wird, damit rechnet sicher auch kein Zuschauer. Schon gar nicht, wenn diese Figur von einem Thomas Thieme gespielt wird. Wir haben den Film in Hamburg zwei Mal im Kino gezeigt. Jedesmal ging bei den Todesschüssen ein Raunen durch den Saal. „Mörder auf Amrum“ unterläuft schon massiv die Sehgewohnheiten.

      Wie sieht die Zusammenarbeit mit Holger Karsten Schmidt aus?
      Es ist eine sehr enge Zusammenarbeit, die manchmal schon beim Exposé beginnt. Wir besprechen uns dann nach jeder Drehbuchfassung. Es macht großen Spaß mit ihm, weil er sehr gut Geschichten plotten kann. Weil er möglichen Einwänden nachgeht und eine Lösung sucht, die immer auch seine ist.

      Worin lag für Sie der ästhetische Reiz der Insel?
      Für die Geschichte ist ganz wesentlich, dass der Ort abgeschlossen ist. Daneben generiert die Insel bestimmte Menschentypen, die mir als Schweizer, der in den Bergen aufgewachsen ist, sehr nahe sind. Diese Form von ausgesetzt sein, dem Wetter, dem Wind, der Landschaft, macht die Menschen wortkarger und ein bisschen gottesfürchtiger und ein bisschen fatalistischer. Dem Leben gegenüber gibt es eine andere Form von Demut und auch Sturheit. Ich habe den Eindruck, dass ich auf der Insel genau solche Menschen treffe. Man steht dort in einem anderen Dialog mit der Landschaft.

      Also kein Kulturschock?
      Es gibt auch in der Schweiz eine Tradition von Komödien, die wortkarg sind und einen trockenen Humor haben. Das ist nicht katholisch bayrisch, sondern es ist eher ein bisschen verhalten. Menschen aus meiner Heimat, dem Berner Oberland, würden sich auf einer deutschen Nordseeinsel wohl fühlen, viel mehr als in einer Stadt. Und sie würden die Inselbewohner verstehen. Die sind nämlich wie sie.

      Hinnerk Schönemann
      Foto: ZDF

      Hauptdarsteller

      Hinnerk Schönemann

      Hinnerk Schönemann
      Foto: ZDF

      Regisseur

      Markus Imboden

      Was bedeutet so ein Inseldreh logistisch?
      Der Vorteil ist, dass die Locations eng beieinander liegen und man schnell reagieren kann. In Berlin sind die Anfahrwege sehr viel länger. Schwierig war nur, dass wir manchmal vom Festland abgeschlossen waren und es nicht möglich war, wann immer wir wollten, Schauspieler auf die Insel zu holen.

      Der Film gehört zum Genre Dorfkrimi. Die Filme sind im ZDF sehr erfolgreich. Was sind die Gründe?
      Es gibt viele Zuschauer, die auf dem Land wohnen. Und als Zuschauer findet man sich gern wieder in einer gewohnten Umgebung. Dahinter steckt auch der Wunsch, Menschen zu sehen, die geerdet sind, und die eine Herkunft haben, die nachvollziehbar ist. Man kann nicht immer nur Filme machen über kokainsüchtige Architekten, die mit dem Maserati durch die Großstadt rasen. Diese Dorfkrimis fallen vielleicht stärker auf, sie machen aber einen sehr viel geringeren Anteil aus als diese Yuppie-Filme.

      Der Genre-Gehalt des Films ist ungleich höher als der Realismus-Gehalt. „High Noon“, „Rio Bravo“, „Fargo“, die Referenzspuren reichen weit zurück.
      Für mich spielte dieser Aspekt ehrlich gesagt keine große Rolle. Natürlich mag ich die Filme der Coen-Brüder. Es war für mich aber keine bewusste Reminiszenz, schon gar kein Versuch, etwas zu kopieren.

      Warum Hinnerk Schönemann in der Hauptrolle?
      Hinnerk Schönemann ist ja von seiner Körperlichkeit einer, der auch ein klassischer Held sein kann. So ein tougher Held wie Bruce Willis. Aber er kann auch sehr weich sein, etwas vertrottelt und sehr komisch. Diese Mischung fand ich hier besonders interessant. Man glaubt ihm den kleinen Polizisten, der nicht so genau weiß, wie er aus dieser Nummer rauskommen wird.

      War die Krankheit von Barbara Rudnik auch Thema oder war sie tabu?
      Die Krankheit war kein Tabu. Barbara Rudnik sagte mir im Februar, dass sie gerne noch kleine Rollen spielen würde. Es war – glaube ich – auch für sie eine wichtige Arbeit, weil sie sich sehr aufgehoben gefühlt hat. Es war fast so ein bisschen wie im Film: diese Strammkneipe mit diesen gestandenen Schauspielern, mit Thomas Thieme, mit Hermann Beyer. Da sprudelten am Abend nur so die Geschichten. Wir haben auch viel über das Spielen geredet. Dabei stand ihre Krankheit auch immer offen im Raum. Sie hat gesagt, dass sie sterben wird, weil ihr Krebs nicht heilbar ist. Was etwas unschön war: wie sich die Presse auf das Thema gestürzt hat und versucht hat, unsere Drehbarbeiten zu stören.

      Was mir bei „Mörder auf Amrum“ auffiel: dass bekannte Songs („I Shot The Sheriff“) fast unmerklich in den Score eingewebt werden. Auch sonst scheint mir die Musik achtsamer, komplexer & dramaturgisch ‚sinnvoller’ eingesetzt zu sein als in vielen anderen Fernsehfilmen.
      Mich ärgert sehr oft die Musik im Film. Ich habe auch immer wieder Auseinandersetzungen mit den Redakteuren. Ich bin schon einer, der gerne auf allzu viel Musik verzichtet. Ich finde, dass die Musik im Fernsehfilm viel zu sehr die Szenen nivelliert. Die Musik macht sie gleichförmig. Wenn ich zwei Figuren, die unterschiedliche Interessen haben, in eine Szene schicke, dann entsteht eine dramatische Szene und ich als Zuschauer habe die Wahl, mich für die Argumente eines der beiden Protagonisten zu entscheiden. So werde ich aktiv – und Teil der Geschichte. Die konventionelle Filmmusik greift meistens erklärend ein und sagt einem, wie man die Szene zu finden habe. Sie drückt einem Gefühle auf, bevormundet einen. Bei „Mörder auf Amrum“ haben wir die Musik vielschichtig eingesetzt – auch ironisch. So gibt es Anleihen bei großen Western-Scores und es gibt eben diesen Hauch „I Shot The Sheriff“.

      Filmmusik soll man ja in der Regel nicht hören. Man tut es bei „Mörder auf Amrum“ auch nicht. Dafür ist der Film auch viel zu spannend. Wenn man sich aber doch auf sie konzentriert, klingt sie etwas fremdartiger als andere TV-Scores.
      Das liegt sicher auch daran, dass Detlef Petersen in Husum lebt. Er kennt das Norddeutsche, er fühlt diese Mentalität. Das ist für Musik ganz wichtig. Sie wird dadurch nicht so leicht austauschbar. Was auch wichtig ist, dass wir ein Instrument gefunden haben, das zu dieser Gegend passt: das Bass-Akkordeon. Es ist ein großes Akkordeon, ein sehr seltenes Bassinstrument, und es erzeugt diesen erdigen und speziellen Klang. Und man hört die Luft, die ist wie der Wind, der vom Meer kommt.

      Sie hatten 24 Drehtage. Was hätte man vielleicht besser machen können mit ein, zwei Tagen mehr?
      Es gab die Überwältigungsszene im Wasser. Die ist nicht so gelungen. Das hatte tatsächlich mit Zeit zu tun. Eigentlich sollte noch die Waffe des Polizisten ins Spiel kommen. Die Szene war teuer wegen der Ausleuchtung, es war wahnsinnig kalt, die Stunt-Leute konnten nicht länger als zwei Sekunden unter Wasser bleiben. Auch der Showdown ist eine relativ komplex choreographierte Gewaltszene – und die mussten wir an nur einem Tag drehen, bei wechselndem Wetter: es hat geregnet, dann schien wieder die Sonne, dann hat es wieder geregnet. Dies bei einer Szene, die kontinuierkich während zwei, drei Minuten stattfindet. Generell kommt man bei Aktionszenen mit Schüssen und Blut sehr schnell an Grenzen. Man weiß ja aus amerikanischen Filmen, wie das aussehen kann. Das schafft man einfach nicht Ein paar Tage mehr würden da mehr Ruhe und Gelassenheit bringen und sicher auch noch für bessere Bilder sorgen.

      Sie machen seit Jahren den Spagat zwischen Einzelstück und Krimi-Reihe.
      Einzelspiele habe ich am liebsten, nur gibt es sie nicht so oft. Mit Leidenschaft mache ich immer wieder „Bella Block“. Eines der schönsten Dinge für mich als Regisseur ist es, mit Hannelore Hoger zu drehen. Sie ist handwerklich unglaublich beeindruckend. Da kann ich viel lernen. Auch die anderen Krimireihen mag ich gern. Ich habe ja persönlich am meisten Spass bei der Arbeit mit Schauspielern und beim Samstagabendkrimi kann man gut besetzen. Und auch der Produzent gibt sich meist noch Mühe und legt Wert auf gutes Handwerk.

      Hatten die beiden bei der Kritik kontrovers diskutierten und vom Publikum eindeutig abgelehnten Filme „Spiele der Macht – 11011 Berlin“ und „Auf immer und ewig und einen Tag“ für Sie spürbare Konsequenzen?
      Das ist natürlich so in der Branche. Wenn man gute Einschaltquoten hat, rufen viele an. Wenn man das nicht hat, rufen weniger an. Aber sie rufen an.

      Wie haben Sie sich den Misserfolg erklärt?
      Wie „Auf immer und ewig und einen Tag“ aufgenommen wurde, das war für mich schon ein Schock. Mir gefällt der Film – wie im Übrigen auch „Spiele der Macht“ – noch immer. Es war allerdings ein Fehler, den Film am 11. September auszustrahlen. Ich hätte es nicht gemacht. Der Film wurde so in ein Verhältnis gesetzt, das nie der Anspruch dieser Geschichte war. Außerdem gab es einen Übersättigungseffekt, weil seit Tagen andere Sendungen und Dokumentationen zum 11. September liefen. Der Film war interessant, was die deutsche Zeitgeschichte angeht, die Zeichnung einer Jugend in den 70er Jahren, auf dem Hintergrund der Manager-Generation dieser Zeit, und wie sie sich fortschreibt in die kommenden Jahrzehnte. Ein Autounfall als Auslöser des Dramas wäre wahrscheinlich die bessere dramaturgische Lösung gewesen.

      Dass Ihre Filme mit „Doktor Martin“, „Ein starkes Team“, „Kommissar Stolberg“ und den Dorfkrimis zuletzt etwas leicht goutierbarer wurden, hat etwas mit Ihnen persönlich zu tun, also mit den beiden anspruchsvollen Flopps? Oder spiegelt sich darin die Entwicklung, die die TV-Fiktion seit Mitte des Jahrzehnts insgesamt nimmt?
      Ich verfolge die Fernsehfilme-Entwicklung nicht so intensiv. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass diese großen Event-Filme immer oberflächlicher werden. Da geht es immer mehr um äußerliche Effekte, um Aufwand, aber diese Filme gehen einen immer weniger an. Weil sie zu kühl und zu kalkuliert sind. Ich denke schon, dass es heute weniger anspruchsvolle Filme gibt als vor zehn Jahren. Wenn ich an „Ich habe nein gesagt“ denke, dieser Film über eine Vergewaltigung in der Ehe, so etwas geht heute nicht mehr. Um solche Dramen zu erzählen, bleibt heute fast nur noch das Krimi-Genre. Und zu meinen Serien und Reihenfilmen kann ich nur sagen: Regie ist immer auch ein Brotverdienen. Und oft gibt es persönliche Verbindungen: so habe ich Kowalski bei „Bella Block“ eingeführt und hatte dann natürlich Lust, mit ihm „Stolberg“ zu machen. Und es ist nicht jeder Film so gewichtig, dass man ihn auf den Grabstein schreiben möchte.

      Sie sind ein ausgesprochener Herbst- und Winter-Regisseur. Liegt das an den Stoffen und Stimmungen, die Sie bevorzugen?
      Im Sommer ist es mir zu heiss, da gehe ich lieber baden. Dann hat es teilweise mit den Drehplänen der Reihen zu tun. Im Sommer wird am meisten gedreht, viel Kino. Die bekannten Schauspieler sind dann schon vergeben, die Techniker schon verpflichtet. Im Herbst, Winter bekommt man Leute, die sonst bevorzugt Kino machen. Ich mag den Herbst, wenn das Licht weich wird und die Farben etwas gedeckter sind – das ist einfach angenehmer.

      Was haben Sie für 2010 geplant?
      Wir, also Holger Karsten Schmidt und ich, werden einen weiteren Dorfkrimi fürs ZDF machen. Im April soll gedreht werden. Außerdem drehe ich einen schweizerischen Kinofilm über sogenannte „Verdingkinder“ in den 50er Jahren, Waisen, die als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Markus Imboden: "Mörder auf Amrum"
      ZDF / Interview / Krimi
      EA: 11.1.2010, 20.15 Uhr (ZDF)
      Mit Hinnerk Schönemann, Irina Potapenko, Hermann Beyer, Roeland Wiesnekker, Barbara Rudnik und Thomas Thieme
      Drehbuch: Holger Karsten Schmidt
      Regie: Markus Imboden
      Produktionsfirma: Bremedia Produktion




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