• Interview Andrea Stoll: "Pizza und Marmelade"

      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.) Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar Foto anklicken, bei amazon kaufen & tittelbach.tv unterstützen Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick
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      TV60 – Alexandra Neldel in "Rache der Wanderhure" (Sat 1, 28.2.)

      Auf einen Blick: Kinokultfilme & Filmgeschichte im Februar

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      Über 30 Fiktion-Premieren. Februar-Highlights auf einen Blick

      ARD, 06.01.2012, 23:30 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 5,0 von 6

      "Wenn diese Riesenblase platzt, wenn diese Pumpgesellschaft in sich zusammenfällt."

      Die Autorin Andrea Stoll ist Bachmann- und Celan-Expertin, schrieb aber auch das Drehbuch zum Schmachtfetzen "Mein Herz in Chile". Mit der Tragikomödie "Pizza und Marmelade" ist ihr die Vorlage zu einem sozialkritischen, märchenhaften München-Film über gestrandete Existenzen gelungen, zu dem Oliver Dieckmann wunderbare Bilder gefunden hat.

      Frau Stoll, wie kamen Sie und Oliver Dieckmann zusammen?
      Ich habe vor Jahren, damals war ich noch als Dramaturgin tätig, Oliver Dieckmanns „Geliebter Alltag“ gesehen. Ich fand diesen Kurzfilm so hinreißend, dass ich seitdem die Idee eines gemeinsamen Projekts hatte. Jetzt, wo ich vornehmlich als Autorin arbeite, haben sich unsere Wege wieder gekreuzt, er erzählte mir von den Plänen für seinen ersten Langfilm, und es war schnell klar, dass ich die Geschichte schreiben sollte. Grundlage waren eigene Erfahrungen. Er hat als junger Student in einem solchen Haus gelebt, er hat gesehen, wie da die unterschiedlichsten Schicksale aufeinanderprallen, und er hegte schon immer den Wunsch, das in einem Film zu verarbeiten.

      Und wie lief dann die Zusammenarbeit im Einzelnen?
      Die Geschichte sollte aus den Menschen heraus erzählt werden. Wir haben deshalb anfangs viel über die Figuren gesprochen, darüber, was sie verkörpern sollten. Erst nach einem Jahr habe ich mich an den Computer gesetzt. Zwischen den verschiedenen Fassungen haben wir uns dann immer wieder ausgetauscht. Unsere Zusammenarbeit war ein Dialog, entstanden aus einer wirklichen, sensiblen Partnerschaft heraus.

      Was war für Sie der springende Punkt an diesem Stoff?
      Wir wollten zeigen, was passiert, wenn diese Riesenblase platzt, wenn diese Pumpgesellschaft in sich zusammenfällt. Wir wollten erzählen, wie jemand von einem Tag auf den anderen aus der Gesellschaft herausfliegt. Es sollte ein Mensch sein, der noch mit dem Erbe der Nachkriegsgeneration ausgestattet ist, der das Höher, Schneller, Weiter der eigenen Eltern übernommen hat und der auch unter dem Druck steht, das für sich beweisen zu wollen. Was wir vor drei Jahren als Einzelschicksal im Sinn hatten, trifft heute plötzlich eine ganze Generation. Wir sind damals seismographisch schon nah an dem dran gewesen, was sich unter der Oberfläche der Gesellschaft verbirgt. Daran kann man sehen: eine intensive Entwicklungsarbeit zahlt sich schon aus.

      Der Film zeigt ein weitgehend unbekanntes Bild von München. Ist das alles Fiktion oder gibt es diese „andere Seite“ auch in der saubersten Großstadt Deutschlands?
      Ich recherchiere immer akribisch, bevor ich in die Fiktion gehe. BND, Verfassungsschutz, Arbeitslosengeld II, Hartz IV – das musste alles äußerst genau recherchiert werden. Drehbuchschreiben ist aber auch genaue Lebensbeobachtung. Jeder hat auch Erfahrungen mit solchen Häusern, solchen kleinen Hasenkästen, wo man nur Einzelzimmer mietet und wo sich die Schicksale auf engstem Raum mischen. Da findet man jemanden, der sich sozial völlig zurückgezogen hat, genau so wie einen jungen Studenten oder Berufsanfänger, der noch alle Hoffnungen und Träume hat, da findet man auch die unterschiedlichsten Nationalitäten und Kulturen.

      Und wie sehr ist das gezeigte Bild der Stadt das reale München?
      München, das ist Oliver Dieckmanns Stadt. Er kennt die Topographie sehr genau – und er kam sehr früh auf die Idee, dass die Handlung nahe Bogenhausen spielen müsse, in einem Stadtteil, wo mitunter die soziale Grenze von einer auf die andere Straßenseite überspringt. In diesem Bild und nachher auch in den Motiven des Films spiegelt sich das, was wir seelisch und real in unserer Hauptfigur angelegt haben. Ein Augenblick, das Überqueren einer Straße – und schon ist man in einem anderen Leben.
      Von daher ist unser Thema auch sehr bewusst als Münchnerisches umgesetzt worden. Denn München ist die Stadt, in der die schöne Fassade am eifrigsten geputzt, gehegt und gepflegt wird, und wo auch der soziale Druck, nach außen erfolgreich erscheinen zu müssen, eine ganz andere Virulenz hat als beispielsweise in Berlin, wo alles etwas lässiger daherkommt und wo auch die Besserverdienenden nicht mit Riesenwohnungen protzen müssen.

      Mich würden noch die Hintergründe der Produktion interessieren.
      Oliver Dieckmann ist ja als Produzent in der Bavaria tätig. Von daher lag es nahe, den Stoff in der Bavaria anzubieten. Uschi Reich fand den Stoff von Anfang an hoch spannend. Auch die BR-Redakteurinnen kannten uns aus den verschiedensten Zusammenhängen und sie erhofften sich einiges von dieser „Mischung“. Und so zogen wir bald alle an einem Strang. Wir redeten uns die Köpfe heiß und alle waren Feuer und Flamme für das Projekt. Der Film war übrigens nicht als klassische Primetime-Produktion angedacht, sondern war eine Mischung zwischen Kino-Koproduktion und Debüt. Dass er nun in der ARD um 20.15 Uhr gesendet wird, spricht für diesen jungen eigenwilligen Regisseur, der ganz genaue Vorstellungen hat, spricht aber auch für die vorbildliche Zusammenarbeit zwischen Regie, Buch, Produktion und Redaktion.

      Hatten Sie sich über das Wie auch schon früh verständigt? Die Umsetzung ist ja sehr ungewöhnlich fürs Fernsehen – sprich: sehr visuell.
      Wir haben – wie gesagt – intensiv die Figuren nachgezeichnet. Und je genauer man um die Vielschichtigkeit einer Figur weiß, umso weniger Dialoge muss man schreiben. Da genügen oft Gesten, man kann Worte in Handlung auflösen. Das ist etwas, was heute – vor allem in klassischen Auftragsproduktionen, die sehr schnell entwickelt werden – oft fehlt. Wir haben aber auch sehr früh über die ästhetische Umsetzung gesprochen, also diese sehr visuelle Umsetzung. So kam das Eine zum Anderen.

      Was sind Ihre nächsten Projekte?
      Ich habe zuletzt ein Drehbuch geschrieben zu einem ARD-Film, produziert von teamWorx, über einen autistischen Jungen in den 60er Jahren. Arbeitstitel: „Der kalte Himmel“. Jetzt gerade bin ich dabei, für das ZDF das Drehbuch für einen Film zu schreiben über die Heimerziehung, auch angesiedelt in den 60ern. Wieder ein fiktionaler, recherche-intensiver Stoff. Nebenher veröffentliche ich auch Bücher im literarischen, biographischen und gesellschaftspolitischen Bereich – was mir sehr wichtig ist.

      Aber Ingeborg Bachmann, Reinhard Mohn oder Paul Celan, historisch kritisch herausgegeben – das klingt schon sehr anders als „Mein Herz in Chile“.
      Ich bin jemand, der neugierig ist. Ich gönne mir den Luxus, die Dinge zu machen, die mir wichtig sind. „Mein Herz in Chile“ – muss ich sagen – war auch sehr ambitioniert angelegt: ich bin durch Chile gereist, habe mit vielen Journalisten gesprochen und habe das Ganze viel tiefer verankert – auch was die Aufarbeitung des Putsches angeht. Nur die Redaktion wollte die Geschichte am Ende sehr viel unterhaltsamer haben.

      Erschwert Ihre wissenschaftliche Kompetenz nicht die erzählerische Arbeit?
      Das ist sicher die Ursache dafür, dass ich so lange gebraucht habe, das Erzählen zuzulassen, weil man da eben immer die Schere im Kopf hat. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich diese mehreren Schichten in mir selber realisieren kann. Es gibt eine Phase der Vorbereitung, der Recherche, die – wenn Sie so wollen – auch vom wissenschaftlichen Gewissen begleitet wird, und dann gibt es den Moment, wo man diese Schublade schließt, wo man das Wissen sacken lässt und wo es ans wirkliche Erzählen geht.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Andrea Stoll: "Pizza und Marmelade"
      BR / Interview / Tragikomödie
      EA: 30.12.2009, 20.15 Uhr (ARD)
      Mit Max von Thun, Stefanie Stappenbeck, Helmfried von Lüttichau, Clelia Sarto, Michael Hanemann und Meral Perin
      Drehbuch: Andrea Stoll
      Regie: Oliver Dieckmann
      Produktionsfirma: Bavaria Filmproduktion



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