Wie vor 16 Jahren hat Max Färberbock die Romanfigur Bella Block noch einmal neu erfunden. "Sie ist ins Leben zurückgekehrt. Sie hat alle Katastrophen abgeschaltet und es geht ihr überraschenderweise unglaublich gut. Ich hoffe, dass sie dieses positive Grundgefühl beibehält und weiterhin eine so lockere Figur macht", sagt der Autor-Regisseur im Interview. "Vorsehung" ist allerdings alles andere als ein lockerer Samstagskrimi im ZDF.
Herr Färberböck, was war für Sie der Reiz, sich nach so langer Zeit noch einmal mit „Bella Block“ zu befassen?
Bella Blocks Eintritt ins Privatleben – eine völlig neue Atmosphäre. Hinzu kam, dass Fabian Thaesler und ich völlige Freiheit hatten beim Entwickeln der Geschichte. Und so haben wir uns für einen Thriller entschieden. Wäre es um einen klassischen Ermittlungsfilm gegangen – ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte.
Welche Vorteile für die Geschichte haben Sie aus Blocks Ruhestand gezogen?
Die große Spannung war, dass sie als Privatmensch ohne polizeiliche Hilfe arbeiten muss. Ihr fehlen die Möglichkeiten, auf normale Weise zu ermitteln. Mein erster Gedanke war: wenn Bella mit ihrem Berufsleben aufhört, dann muss es ihr erst einmal richtig gut gehen. Sie wird nichts vermissen. Sie braucht weder Männer, noch muss sie sich den Kopf zermartern über ihre Fälle. Und dann wird sie in einen „Nicht-Fall“ hineingezogen, in eine Situation, die keinerlei Sicherheiten mehr bietet. Sie ist in einer Nullsituation, ohne jegliche Befugnisse!
Bei einer anderen TV-Legende, Schimanski, ging das Ausscheiden aus dem Polizeidienst mit Popularitätseinbußen einher. Wird Bella Block das nicht passieren?
Ich kann mir vorstellen, dass die Ausstrahlung dieser Figur, das, was sie in den Menschen bewegt, über das Ende einer Polizeiarbeit und über die engen Grenzen des Genres hinausreichen müsste. Sie ist ja ein sehr komplexer Mensch geworden. Und diese Mischung aus Wärme und Distanz, Zynismus und tougher Art kommt im Fernsehen nicht allzu häufig vor. Bella Block ist ein Unikat. Und das auch ohne Dienstmarke.
Der Film bewegt sich weg vom ritualisierten Fernsehkrimi-Realismus hin zu einem geradezu philosophischen Krim, der die Grundbedingungen des Genres in ein neues Licht rückt. Im Zentrum steht die Black Box Mensch, gegenüber der das Gesetz machtlos ist. Ist das mehr als eine ganz persönliche Lesart?
Das hat sehr viel mit den strukturellen Überlegungen zu dieser Folge zu tun. Die Grundidee fiel zusammen mit dem Höhepunkt der Finanzkrise. Man war einer weltweit agierenden Kriminalität ausgeliefert und diese Ohnmacht, die man da spürte, hat sicher – unbewusst – etwas mit unserer Themenwahl zu tun. Der Film arbeitet mit der Atmosphäre des Kriminellen. Und immer, wenn ein Mensch von etwas Kriminellem getroffen wird, ist er fassungslos und es herrscht eine Mischung aus Ohnmacht und Angst. Diese Atmosphäre hat die Sprache des Films, sein physisches Erleben, geprägt.
Apropos Filmsprache. Mein Eindruck ist, dass „Vorsehung“ erzählt und wenig erklärt?
Denken Sie an das ganze Profiler-Wesen. Da wurde ja massiv mythologisiert in den letzten Jahren. Immer wieder wurden neue Lösungen und Wahrheiten interpretiert und jetzt ist der neueste Stand dieses ganzen Profiler-Wesens: dass es keine letztendlichen Erklärungen gibt und dass die so genannte „Sprache des Verbrechens“ doch viel widersprüchlicher ist, als man es kriminologisch gerne hätte. Dennoch enthält der Film einen Hinweis. Dieser Mann ist zutiefst davon überzeugt, dass das Aufeinandertreffen zwischen seinem Opfer und ihm Vorsehung ist. Die Frau ist dazu geboren, ihn zu treffen. Das hat nichts mit herkömmlicher Liebe zu tun, sondern mit einer obsessiven Bindung. Diese Erklärung liefert der Film beiläufig mit, sie wird aber nicht wie in anderen Krimis vom Kommissar aufbereitet.
Was sind die hervorstechenden Merkmale, die sich Bella Block über die Jahre bewahrt hat?
Sie ist mit großem Abstand die humanste Kommissarin im deutschen Fernsehen. Bei der Buch-Entwicklung wurde über die Jahre hin großer Wert auf den „menschlichen Faktor“ gelegt. „Bella Block – Die Kommissarin“, also der erste Film der Reihe, war für mich eine Art griechische Tragödie und „Liebestod“, der zweite, war ein Melodram. Und dieses Mal ist es ein Thriller. Aber egal, welches Genre, bei allen drei Filmen liegen die psychologischen und existenziellen Spannungen im Vordergrund. Schon mir ging es bei den ersten beiden Filmen darum, einen ganzen Menschen zu schaffen und nicht eine Fernsehkommissarin. Ich wollte eine Figur, die stärker ist als die Plots. Jetzt als Privatperson geht das sogar noch einen Schritt weiter in diese Richtung.
Inwiefern hat sie sich verändert nach Ihrem Polizeidienst?
Bella Block ist ins Leben zurückgekehrt. Sie will nichts mehr von ihrem früheren Leben wissen. Sie hat alle Katastrophen abgeschaltet und es geht ihr überraschenderweise unglaublich gut. Ich hoffe, dass sie dieses positive Grundgefühl beibehält und weiterhin eine so lockere Figur macht.
Dass Sie mit der Geschichte den Wegsperr-Hardlinern Vorschub leisten, glauben Sie nicht?
Vor solchen Menschen ist man nie sicher, aber ich glaube, dass der Film einen kleinen Beitrag zu dieser Diskussion leistet. Der Mörder ist am Ende nicht mehr der, der er war. Block, die sagt, „dieser Mann wird sich nicht ändern“, hat also nicht Recht.
In den Romanen von Doris Gercke ist die Figur noch ein bisschen spröder und ihr Verhältnis zu Männern ist noch ein bisschen spezieller. Haben Sie damals die Figur bewusst konsens- und fernsehtauglicher gemacht oder machen müssen?
Ich hatte damals alle Romane von Doris Gercke gelesen, auch gern gelesen, aber ich habe gemerkt, dass ich diese Geschichten nicht verfilmen kann. Ich wollte den Auftrag schon zurückgeben. Daraufhin ließ mir Katharina Trebitsch völlig freie Hand. Und so gibt es in „Bella Block – Die Kommissarin“ keine Plot-Idee und nicht einen Satz aus den Romanen. Eigentlich war es ein reales Bild, das mir die Initialzündung gab: in einem Park sah ich eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen, beide unterhielten sich sehr intensiv. Ich habe mich gefragt, über was die wohl reden, und ich dachte: das ist ein schönes Schlussbild. Von diesem Bild aus habe ich dann die ganze Story von hinten nach vorne entwickelt.
Gab es auch bei „Vorsehung“ ein Bild?
Ich gehe meistens von Bildern aus. In diesem Fall war es allerdings eine szenische Vorstellung. Ich sah eine Bella Block, der es gut geht: Kunst, Oper, Blumen. Und dann stellte ich mit vor, dass sie in eine Ausstellung geht und etwas sieht, das sie erschreckt.
„Bella Block“ hat Vieles bewegt im deutschen Fernsehen – in punkto Krimipsychodrama, aber auch in Sachen Genre-Erzählen. Dieses Übersetzen von Innenwelten in Atmosphäre: psychisch sensible Storys physisch inszenieren. War das damals Ihre Absicht?
Ich bin bei der ersten Block nicht angetreten, das Genre zu verändern. Es war ganz allein die Geschichte, die ein solches Erzählen erfordert hat. Es gab ja zunächst gar keinen Fall. Die Ermittlungen, die Bella Block anzustellen hatte, begannen nach 45 Minuten. Sie hatte Ferien und hat einer Familie zugeguckt. Befreundete Autoren, die sich besser in dem Genre auskannten als ich, waren alle davon überzeugt, dass dieser Film nicht funktionieren konnte. „Die sieht nur zu, wo soll denn da die Spannung her kommen?!“, fragten sich alle. Ich glaube: Wenn man es schafft, die Spannung der Emotionen zu übertragen, dann kann man zwischen privaten Tragödien und Polizeifilm hin und her springen.
Spielte es eine Rolle, dass Bella Block eine Frau ist?
Unbedingt. Für mich war Bella Block vor allem eine Frau. Sie hat eine große Wärme, aber sie ist eine No-Bullshit-Lady – sprich: man kann ihr nicht mit dummen Sprüchen kommen. Sie hat etwas Matriarchalisches an sich. Im ersten Film war sie so etwas wie eine politische Löwin.
Wie finden Sie diese Umsetzung der Frauenquote im Fernsehkrimi?
Anfangs erfrischend. Das Erfrischende lässt allerdings schnell nach, wenn sich die Plots wiederholen und wenn es völlig unwichtig ist, ob eine Frau ermittelt oder nicht. Ich habe einmal zufällig beim Zappen drei weinende Kommissarinnen gesehen. Ich fände es nicht schlecht, wenn die überempfindlichen Ermittlerinnen wieder etwas tougher würden.
Sie haben mit Fabian Thaesler zusammen das Drehbuch geschrieben. Wie darf man sich so eine Zusammenarbeit konkret vorstellen?
Wir haben das Drehbuch völlig gemeinsam entwickelt und geschrieben. Wir haben unsere Ausgangsidee gesucht und gefunden, und wir haben diskutiert, welches dafür das passende Genre wäre. Dann haben wir uns zum Treatment und zum Handlungsablauf weitergehangelt. Nach dem Bau der Story hat sich die Zusammenarbeit bis in die Szenen und sogar bis in die Dialoge fortgesetzt. Das hatten wir so zuerst nicht geplant. Es gibt zu diesem Drehbuch kaum Notizen. Wir haben improvisiert, wir haben uns in unserer Vorstellung direkt in die Szenen hineinbegeben und ausgetauscht. Es war schon ein sehr inspirierendes, freies, aber auch sehr schnelles Arbeiten.
Weshalb haben Sie Wotan Wilke Möhring besetzt? Wollten Sie bewusst sein Image des netten Mannes von nebenan einsetzen?
Es gab nicht viele Alternativen. Ich kannte Möhring gar nicht besonders gut. Das Casting ging los und drei Tage später saß ich mit ihm schon an einem Tisch. Er hat schnell eine sehr starke Intuition für diese Figur gekriegt. Und es ist keine leichte Figur! Diese unglaubliche Ambivalenz: da ist diese schmerzvolle Einsamkeit, die geradezu aus ihm schreit, und diese latente Gewaltbereitschaft, aber auch der Versuch, ein normaler Mensch zu sein. Für diese Ambivalenz muss man ein Gefühl bekommen.
Tanja Schleiff ist große Klasse. Aber hatten Sie nicht bei der Rolle zunächst an Nina Hoss gedacht?
Nina Hoss hätte das spielen können, aber ich hatte bei diesem Film das Gefühl, dass ich mit jemand für mich unbekannten arbeiten müsse. Der Charakter dieser Frau hat etwas Fremdes – und so sollte es auch bleiben.
An was arbeiten Sie zurzeit?
Ich drehe im Moment für den BR einen grotesken Krimi in Niederbayern mit Johanna Bittenbinder. Titel: "Sau Nummer vier. Ein Niederbayernkrimi." Eine wunderbare Geschichte im schärfsten Dialekt. Ich hatte völlig vergessen, wie schön es sein kann, wenn man dort dreht, wo man herkommt.
Verfolgen Sie noch, was im Fernsehfilm passiert?
Dieses Jahr gar nicht. Ich habe einen Film geschrieben, zwei inszeniert. Ich hatte also wahnsinnig wenig Zeit. Ich bin aber auch der Meinung, dass es gut ist, nicht zu viele Bilder in sich aufzunehmen. Das habe ich immer schon so gesehen. Als ich die erste „Bella“ geschrieben habe, hatte ich bis dahin nur drei oder vier „Tatorte“ gesehen. Außer denen von Dominik Graf. Das ist eine ganz eigene Welt.
Zur Person:
Max Färberböck, 1950 im bayerischen Degerndorf geboren, begann als Dramaturg am Theater. Peter Zadek holte ihn ans Hamburger Schauspielhaus. Anfang der 1990er Jahre schaffte Färberböck das hierzulande fast Unmögliche: Er schrieb und inszenierte mit „Schlafende Hunde“ und „Einer zahlt immer“ zwei intelligente Fernsehkomödien. Nachdem er „Bella Block“ auf Erfolgskurs geführt hatte, was ihm Grimme- und andere Fernsehpreise einbrachte, wendete er sich mit „Aimée und Jaguar“ und zuletzt „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ dem Kino zu.
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