Edgar Selge zum letzten Mal als Kommissar Tauber. Der Schauspieler über Psychologie im Fernsehen, über gute Komödien, seinen „Polizeiruf“-Ausstand und die Angst als Triebkraft des Schauspielers. "Der ganze Beruf hat mit Angst zu tun, mit Lampenfieber, mit Selbstentblößung, mit Angst vor Peinlichkeit, mit der Angst, dass alles, was man sagt, von anderen als komisch, merkwürdig empfunden wird", sagt der Ausnahmeschauspieler.
Foto: BR / Kerstin StelterWehmütiger Abgesang, tragischer Abgang: Edgar Selge als der einarmige Tauber
20 „Polizeirufe“, einige tolle Filme – schwingt da noch Wehmut mit?
Nein, keine Wehmut. Ich verabschiede mich nicht so leicht von Cornelia Ackers, der Redak-teurin, und Michaela May. Die Zusammenarbeit mit den beiden war sehr intensiv. Aber es war eine Entscheidung, die 2005 getroffen wurde. Ich glaube, jetzt ist es gut. Für einen Schauspieler wie mich, der gerne gegensätzliche Rollen spielt, sind zehn Jahre schon eine lange Zeit.
Was waren damals überhaupt die Gründe für Sie, die Tauber-Rolle anzunehmen und sich in eine Reihe zu begeben?
Zunächst hatte ich schon Zweifel, ob ein Kommissar schauspielerisch interessant genug ist. Dass ich die Rolle angenommen habe, das hing damit zusammen, dass Tauber zunächst eine sehr problematische Figur war, dass er diese Verletzung hat und dass er mit dieser Verletzung so unsentimental umgeht. Dann war es auch die Möglichkeit, zwei mal im Jahr eine Charakterrolle im Fernsehen zu spielen.
Welche Rolle spielte für Sie als Schauspieler Taubers Versehrtheit? Das war doch sicher mehr als nur ein äußeres Zeichen?
Dass kann man sich ja vorstellen. Menschen mit Behinderung sind sich dieser bewusst. Und das macht sie auch besonders empfindlich. Soweit ich das erfahren habe – auch von Menschen mit Behinderung, die auf meine Rolle reagiert haben – sind sie froh, wenn jemand nicht sentimental mit seiner Behinderung umgeht, sondern sagt: „Ich bin genauso wie alle andere auch und ich möchte genau so behandelt werden und möchte auch andere genau so behandeln können.“ Das Verhalten ist oft ein bisschen schroffer als bei anderen, weil eine Verletztheit zugrunde liegt.
Haben Sie sich mehr oder weniger ein Mal in das Phänomen psychologisch vertieft und dann diese Erfahrung immer wieder aktualisiert? Oder gab es Bücher, durch die sie gezwungen waren, ein neues Licht auf die Behinderung der Figur zu werfen?
Das eigentlich nicht. Die Behinderung ist quasi zur zweiten Natur geworden. Die Figur selber hat sich aber immer wieder geändert. So kann Tauber bei „Wie ist die Welt so stille“ kein Blut mehr sehen. Er ist nicht mehr in der Lage einen Fall zu bearbeiten, weil er die Fotos nicht angucken kann. Oder bei „Taubers Angst“, wo der Kommissar, der doch eine Schutzfunktion hat für uns alle, neben seiner Einarmigkeit noch extrem ängstlich ist.
Gab es eine von der Redaktion geplante Psycho-Logik der letzten „Polizeirufe“? Mir schien „Wie ist die Welt so stille“ schon ein erster Abgesang auf Tauber zu sein.
Das sah ich auch so. Aber das ist einfach so gekommen. Wir haben dann selbst gedacht: „hoppla, jetzt müssen wir aber aufpassen, dass wir für die beiden letzten Filme noch etwas ganz anderes finden“. Das ist uns dann aber auch gelungen mit „Rosis Baby“ und jetzt mit „Endspiel“, wo wir dachten, es müsse zum Schluss mal eine echte Männerfreundschaft her, durch die Tauber noch mal richtig jung wird. Wir haben also bewusst dagegen gearbeitet, gegen einen verfrühten Abgesang.
Was ist es, was Tauber im „Endspiel“ begegnet. Die Begegnung mit sich selbst, mit der Art, wie er selbst einmal war?
Ich denke, es ist die Sehnsucht nach seiner eigenen Jugend, auch nach Menschen, auch nach Männern. Die nicht auszuhaltende Einsamkeit schlägt um dahingehend, dass er diesem jungen Mann total erliegt.
Ist das auch ein erotischer Reiz?
Ja, auch. Von der Umwelt wird daraus eine homosexuelle Geschichte gemacht. Das ist es in dieser Geschichte nicht. Aber es ist bestimmt eine erotische Geschichte. Und die Polizei selber, dieses Institut, zeigt sich als eine sehr grobe Gemeinschaft, in der ein Minderheitenvertreter durch seine Verletzung sehr schnell gemobbt wird.
Wie haben sie sich aus der Psychologie der Figur den Abgang Taubers erklärt?
Es ist schon furchtbar, was er macht: Er verrät seinen Freund. „Ich bin kein guter Freund“ ist nicht umsonst sein letzter Satz. Ich glaube, der Selbsthass dieser Figur ist sehr stark geworden in den letzten Folgen. Und jemand, der sich selbst hasst, geht auch nicht bei jemand anders auf die Weihnachtsfeier. Ich glaube, der Selbsthass ist das, was den Mann wegtreibt.
Sie haben „Angsthasen“ gemacht, „Taubers Angst“, und sagen in Interviews, dass Angst hinderlich, aber auch ein wichtiger Antrieb ist.
Natürlich interessiert mich die Beschäftigung mit der Angst – sonst würde dieser Aspekt nicht so sehr im Zentrum meiner Figuren stehen. Der ganze Beruf hat mit Angst zu tun, mit Lampenfieber, mit Selbstentblößung, mit Angst vor Peinlichkeit, mit der Angst, dass alles, was man sagt, von anderen als komisch, merkwürdig empfunden wird. Angst ist bei mir vielleicht die Kehrseite zur Spontaneität und zum Übermut.
Gibt es Parallelen zwischen dem gespielten Umgang mit der Angst und dem Reden über die Angst? Kann das spielerische Handeln des Schauspielers Angst abbauen?
Es ist schwierig, wenn ein Schauspieler alles das, was er als Mensch bearbeiten müsste, nur in seinen Rollen bearbeiten würde. Denn er muss ja immer wieder ins Leben zurück. Und es ist schon ein Unterschied, ob man etwas in einer Rolle ausagiert oder ob man im Leben damit therapeutisch umgeht. Man kann unter Umständen manchmal sehr authentisch wirken im Spielen, aber ob das fürs Leben etwas bringt – da bin ich skeptisch.
Foto: BR"Angsthasen" – eine Komödie der Extraklasse. Selge: "Der Beruf hat mit Angst zu tun, mit Lampenfieber, mit Selbstentblößung, mit Angst vor Peinlichkeit, mit der Angst, dass alles, was man sagt, von anderen als merkwürdig empfunden wird."
Haben Sie eine Erklärung, weshalb das Psychologische und Psychologen eine so geringe Akzeptanz haben in unserer Gesellschaft?
Ich arbeite mit meiner Frau zusammen bei „BASTA“, Bayerische Anti-Stigma-Aktion, ein Verein, der versucht, Menschen zu helfen, die Psychiatrie-erfahren sind und deswegen stigmatisiert werden – in Schulen, am Arbeitsplatz oder im Umgang mit der Polizei. Wir haben offensichtlich Angst davor, von seelischen Krankheiten angesteckt zu werden. Wenn wir wissen, jemand hat eine Grippe, dann wollen wir ihn nicht umarmen. Und wenn wir wissen, jemand ist depressiv, dann werden wir seine Nähe meiden, weil wir Angst haben, dass die Depression auf uns überspringt. Es ist unangenehm, wenn jemand in seiner Depression sich auf uns stürzt und um Hilfe sucht, weil wir aus eigener Erfahrung wissen: das ist ein Fass ohne Boden. Wir haben alle Angst zu taumeln und vor der Bodenlosigkeit unserer eigenen Existenz haben wir genug Angst. Und deshalb flicken wir fleißig und nähen fleißig daran, dass die Wirklichkeit zusammenhält.
Entsprechend schwer hat es die Psychologie auch in Fernsehfilmen. Insofern war Tauber für die kollektive Psychohygiene sicher eine der wichtigsten TV-Figuren in diesem Jahrzehnt – gerade auch, weil er ein „Guter“ war, bei dem seelische Abgründe eine andere Akzeptanz bekommen, als wenn es nur der Mörder ist, der einen „Psycho-Tic“ hat.
Es gefällt mir, wie Sie das ausdrücken – und trotzdem muss man aufpassen, dass so ein „seelischer Tiefgang“ nicht zu programmatisch wird und damit für den Zuschauer vielleicht zu überraschungsarm. Von daher war es wichtig, dass ich Michaela May neben mir hatte und dass der Tauber eine bodenständige Figur wie die Jo Obermaier an die Seite gestellt bekam.
Noch einmal das Stichwort Psychohygiene: Sie haben außer „Polizeiruf“ in den letzten Jahren verstärkt Komödien gespielt. Ist das einfach „gesund“, auch mal hellere Töne anzuschlagen?
Ja, wobei ich Komödie sehr ernsthaft behandle. Komödien sind für mich auch ein Tänzeln über dem Abgrund: das ist bei „Angsthasen“ so, das ist auch bei „Reine Geschmackssache“ so. Wenn Komödien wirklich gut sind, dann stehen sie noch über den Problemfilmen, den Tragödien: Es ist derselbe Abgrund, nur da tänzelt, da spielt noch jemand mit dem Drama. Ich halte Komödien darüber hinaus für die höhere Form des Realismus’. Dass sie in der Regel gut ausgehen, das passt zu denen, die zuschauen. Wir alle haben die Sehnsucht, dass die Dinge gut ausgehen.
Und warum gibt es so wenig gute Komödien?
Weil es schwer ist. Vor allem in Deutschland wird Komödie immer wie mit Ansage gespielt. „Vorsicht, jetzt wird’s komisch!“ Es gibt tolle Komödien, amerikanische. Die letzte der Coen-Brüder. Mir gefällt auch Woody Allen. Diese Komödien sind in dem Maße gut, wie sie die Menschen in ihrer Lächerlichkeit, in ihrer Kläglichkeit zeigen und uns trotzdem die Möglichkeit geben, sich mit ihnen zu identifizieren.
Zur Person:
Edgar Selge, 1948 in Brilon geboren, war in den 1980er Jahren das Gesicht der Münchner Kammerspiele. Auch nach ersten Filmrollen blieb er dem Theater treu. Einem breiten Publikum bekannt wurde der Charakterdarsteller durch die Rolle des einarmigen Kommissars Tauber im „Polizeiruf 110“. Für diese Rolle bekam er zwei Mal den Grimme-Preis. Zuletzt glänzte Selge, der mit Franziska Walser verheiratet ist, in „Angsthasen“ und „Jenseits der Mauer“.