„Der Seewolf“ von 1971 ist legendär. Die Neuverfilmung des Romans von Jack London ist ein anderes Kaliber. Ein Stück Weltliteratur auf dem Bildschirm. Und dafür ist Sebastian Koch genau der Richtige. Für den preisgekrönten Schauspieler ist es "ein faustischer Stoff".
Was haben Sie gedacht, als Ihnen die Rolle des „Seewolfs“ angeboten wurde?
Ich habe schon ein wenig gestutzt. Wenn man an den Seewolf denkt, kommt man ja nicht zwangsläufig auf mich. Aber intuitiv wusste ich: „diesen Wolf Larsen will ich spielen“.
Hatten Sie diesen Fernsehmythos noch parat?
Klar, der gehört ja zur Fernsehgeschichte meiner Generation. Ich erinnere mich, dass mich der Film sehr fasziniert hat. Es muss allerdings eine Wiederholung gewesen sein, die ich gesehen habe. 1971 war ich ja erst neun Jahre alt und wir hatten zuhause noch keinen Fernseher.
Wann haben Sie den „Seewolf“ gelesen?
Zum ersten Mal mit 15 oder 16. Und jetzt noch einmal. Allein das war schon ein großes Erlebnis nach so langer Zeit, weil ich jetzt sehr viel mehr in ihm gesehen habe als einen Abenteuerroman. Das ist große Weltliteratur. Ich war begeistert davon, was da an philosophischem Gehalt drin steckt. Auch wenn ein Film es nicht leisten kann, diese ganzen wunderbaren Diskurse umzusetzen, so hat doch das Drehbuch diese Gedankenwelt in ihren Grundzügen weitgehend sehr stimmig adaptiert. Ich habe den Roman jetzt auch noch als Hörbuch aufgenommen. So schloss sich der Kreis.
Wie würden Sie diesen Wolf Larsen charakterisieren?
Er ist ein absoluter Instinktmensch, der besessen ist von seinen Visionen. Einer, der lieber in der Hölle der Boss ist als an der Himmelstafel der zweite Mann. Diese hohe Energie, die dieser Mensch ausstrahlt, dieser Freiheitsdrang, der Wille, niemanden über sich zu haben – das macht ihn zu einem Freigeist. Sein Wesen hat durchaus etwas Faszinierendes, denn Wolf Larsen verkörpert eine Haltung, die fehlt in unserer Gesellschaft: die Haltung, ohne Rücksicht auf die Folgen zu sagen, was man denkt.
Gab es etwas, was Sie Ihrem „Seewolf“ unbedingt mitgeben wollten?
Wenn jemand eine solche Energie hat, dann hat das ja eine Wurzel. Sie zu finden, hat mich interessiert. Da ist eine große Sehnsucht, auch wenn ihm das selbst nicht bewusst ist. Wenn man auf seine Biographie schaut, erkennt man: Wolf Larsen ist ohne Liebe aufgewachsen und er kann Liebe deshalb auch nicht zulassen. Alles Schöne, alles Glück, alles, was dem Leben einen Sinn geben könnte, muss er zerschlagen, muss er kaputt hauen. In dieser tiefen Sehnsucht liegt die Kraft dieses Mannes. Und Wolf Larsen kann sich nicht öffnen. Das ist das, was mich an dieser Figur berührt.
„Der Seewolf“ steht und fällt mit der Ambivalenz Ihrer Figur und mit der Art und Weise, wie Sie sie ausfüllen. Diese Ambivalenz steckt natürlich in der Vorlage, den Dialogen, den Situationen. Reicht das? Oder mussten Sie sich beim Spielen diese Ambivalenz immer wieder bewusst machen?
Ich glaube, wenn man die Biographie seiner Figur kennt, dann stellt sich das richtige Verhalten ein, denn man handelt als Schauspieler aus dieser Biographie heraus. Wolf Larsen weiß nicht, dass er Sehnsucht hat. Aber ich muss es als Schauspieler wissen. Es war mir ein Anliegen, ihn als Grenzgänger zu zeigen: es gibt Situationen, in denen man sich mit Ekel von ihm abwendet, aber dann fängt einen diese Figur doch wieder ein. Das ist das, was dem Zuschauer passiert: mal ist er fasziniert, mal abgestoßen.
Haben Sie auch eine psychologische Erklärung, wie „Der Seewolf“ als Film funktioniert?
Ich würde sagen, „Der Seewolf“ ist ein faustischer Stoff. Und beim „Faust“ ist ja auch der Mephisto die spannendere Figur. Der Faust ist der Suchende und Mephisto ist der, der sich alles traut, was wir mit unseren gesellschaftlichen Regeln und Normen nicht dürfen. Diese Freiheit ist immer faszinierender. Aber der „Seewolf“ ist auch eine Parabel.
Ist dieses Parabelhafte in Verbindung mit dem Genre nicht auch ein Grund dafür, dass man als Zuschauer überhaupt bereit ist, diesem ambivalenten Charakter zu folgen, während man in einem „realistischen“ Film stärker nach Sympathie geht?
Das macht man als Zuschauer hier auch – aber man ändert seine Einstellung zu Wolf Larsen ständig. Gerade hat er ein paar Sympathiepunkte gesammelt und im nächsten Moment macht er etwas völlig Widerliches. Wir sind es gewohnt, mit Regeln zu leben, würden zum Teil auch gerne ausbrechen, aber es wird immer schwieriger. Und hier haben wir einen Helden, der uns das vorlebt mit letzter Konsequenz. Das ist auch das, was für mich als Jugendlicher spannend war. In der Zeit, in der man versucht, die eigenen Grenzen auszuloten, ist so eine Figur extrem spannend und willkommen.
Haben Sie den „Seewolf“-Konkurrenz-Zweiteiler mit Thomas Kretschmann gesehen?
In Ausschnitten. Zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben. Ich hatte keine Zeit gehabt. Damals war ich ja selbst noch mitten in der Arbeit.
Fanden Sie es nicht seltsam, dass es zwei neue „Seewölfe“ gibt?
Da haben sich zwei Produzenten einfach nicht klar genug abgesprochen. Ich wusste nicht, dass das andere Projekt existiert, als ich zugesagt habe. Wir haben auf Englisch gedreht für den internationalen Markt – es waren also ganz andere Voraussetzungen. Deshalb habe ich mich auch nicht irritieren lassen.
Sie haben sehr viel auf See gedreht, anstatt alles im Studio zu machen.
Wir haben auch fast alles ohne Computeranimation gemacht. Es waren zwei Monate, die wir auf dem offenen Meer gedreht haben. Das Besondere dabei: wegen des raschen Wetterwechsels auf See und weil wir so nah an der Realität wie möglich bleiben wollten, wurden die Szenen mehrfach komplett durchgedreht – aus verschiedenen Blickwinkeln. Eine 2,5-Minuten-Szene am Stück zu drehen, in einer fremden Sprache, das Boot auf Kurs zu halten, dabei immer die richtigen Kommandos zu geben, und das alles bei vier Grad Celsius und Windstärke um die neun – das war schon was.
Können Sie diesen angestrebten „Realismus“ noch etwas näher beschreiben?
Bei diesen Drehbedingungen kann es schon mal passieren, dass überraschend eine Welle kommt und einen umhaut. In solchen Situationen haben wir weitergespielt und die Natur in die Szene eingebaut. Dadurch wirkt alles viel authentischer. Das Schiff kränkt ja zum Teil, dass man kaum drauf laufen kann. Wir nehmen diesen Effekt mit – fast dokumentarisch. Wir sind ganz nah dran an der physischen Realität. Es war allerdings auch nicht ganz ungefährlich, was wir da gemacht haben: mit einem so großen Team auf See, mit zwei schweren Kameras und der ständigen Gefahr, über Bord zu gehen. Es war schon ein immenser Aufwand, aber ich denke, man sieht es dem Film an. Die Bilder haben etwas Elegantes. Der Kameramann Richard Greatrex, der übrigens „Shakespeare in Love“ gedreht hat, ist wirklich ein Könner seines Fachs.
Welche Überlegungen haben Sie zum Äußeren von Wolf Larsen angestellt?
Das war ein längerer Prozess. Obwohl Larsen im Roman ohne Bart beschrieben wird, wusste ich, dass er einen Bart haben musste. Von der Kurzhaarfrisur kam ich relativ schnell ab. Sie sieht zu ordentlich aus. Außerdem kann man bei langen Haaren den Wind besser sehen. Eine Maske wollte ich nicht haben. Das passt auch besser zum „realistischen“ Look des Films. Ein bisschen Dreck an die Hände geschmiert – und los ging’s.
Sie haben in den letzten Jahren neben einigen literarischen Figuren auch viele reale Personen gespielt. Was ist das Besondere an solchen menschlichen „Vorlagen“?
Es nimmt sich nichts, ob man eine Figur selbst entwickelt oder ob es schon eine fertige Biographie gibt, die man recherchieren muss, oder eine literarische Vorlage. Recherche ist es in jedem Fall. Man muss sich mit der Figur auseinandersetzen und versuchen, sie zu verstehen. Der einzige Unterschied: bei autobiographischen Stoffen ist die Verantwortung größer und andere können das Gespielte vermeintlich nachprüfen.
Und wie haben Sie beim „Seewolf“ recherchiert?
Ich habe sehr viel über Jack London gelesen. Dabei habe ich erkannt, wie biographisch „Der Seewolf“ ist. Eben diese zwei Seelen in seiner Brust.
Zur Person:
Sebastian Koch, 1962 in Karlsruhe geboren, gehört seit Mitte der 1990er Jahre zu den großen deutschen Charakterdarstellern in Film und Fernsehen. Aufsehen erregten die Rollen, in denen er Personen der (Zeit-)Geschichte verkörperte wie Klaus Mann, Albert Speer, Andreas Baader, Richard Oetker oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Auch international aufmerksam auf sich machte der vielfach preisgekrönte Schauspieler zuletzt durch den Oscar-gekrönten Kinofilm „Das Leben der Anderen“.