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Über die Rolle ihres Lebens spricht Jessica Schwarz im Interview. Sie übte Romy Schneiders Gesten ein, tauchte in ihre Filme und Bilder ein – und doch war das Ikonografische nur ein Teil der Arbeit. "Ich war schon stärker am Seelenwesen Romy Schneider interessiert."
Die Redaktion spricht davon, dass man mit "Romy" den Mensch hinter dem Mythos zeigen wolle. Geht das denn? War das für Sie auch das Hauptanliegen?
Es ist schon schwierig, wenn man spürt, wie die Figur, die man spielt, mehr oder weniger eine Schau abzieht. Aber natürlich haben wir versucht, etwas über Romy Schneider zu erzählen, über das, was wir über sie in Erfahrung bringen konnten von Menschen, die sie kannten. Wir haben versucht, all ihre Facetten auf den Punkt zu bringen, sie verstehbar, sie nachvollziehbar zu machen in ihrer Widersprüchlichkeit.
Foto: SWRGlamourös:
Jessica Schwarz
als Romy Schneider
Foto: SWRVerzweifelt:
Jessica Schwarz
Der Reiz, das Private zu entdecken, ist sicher für viele Menschen groß. Aber der Film reflektiert doch gerade auch das öffentliche Bild...
Auf jeden Fall. Es ist auch nicht leicht, Material von Romy Schneider zu finden, das nicht öffentlich ist. Es gibt nur eine kurze Filmpassage, wo sie nicht weiß, dass eine Kamera läuft. Wir wollten keinen Mythos enträtseln. Mir war es schon wichtig, den Menschen näher zu bringen, aber vor allem zu zeigen, welche Schwierigkeiten mit diesem Beruf verbunden sind, was es heißt, eine Schauspielerin zu sein. Eine Schauspielerin in der Generation, zu dieser Zeit, in der es großen Mut bedeutete, in ein anderes Land zu gehen. Diese Haltung war schon sehr selbstständig und sehr zukunftsorientiert und für die Frau an sich damals sehr fortschrittlich.
Ich habe den Eindruck, der Film ist lyrischer, visueller, weniger dramatisch als andere Bio-Pics trotz der dramatischen Ereignisse in Romy Schneiders Leben.
Ich denke, dass sich Torsten C. Fischer und Kameramann Holly Fink genau diese Gedanken gemacht haben. Es sollte ein Film sein, der berührt, aber nicht hinter jeder Ecke eine Träne haben muss. Der Zuschauer soll nicht weinen und mit Romy Schneider leiden, sondern er soll ihre Gemütslagen eher dokumentarisch entdecken.
Auch durch die Musik bekommt der Film etwas Leichtes, Schwebendes…
Torsten C. Fischer ist ein großer Musikkenner und er hat eine perfekte Auswahl getroffen und er hat für jeden Ton gekämpft. Ich selbst liebe Musik und ich finde, hier gibt sie den Bildern den richtigen Fluss und sie trifft perfekt die Stimmung der Zeit.
Was heißt es für Sie, wenn Sie mehr mit dem Äußeren, dem Nonverbalen, als mit dem Text arbeiten müssen?
„Romy“ hat zwar relativ wenig Text, aber dafür sind die Szenen extrem lang, manchmal vier bis fünf Minuten. Das hat mir gefallen, weil man da eine andere Spielart entwickeln kann. Wir haben auch nie gestückelt, sondern haben die Szenen immer von vorne bis hinten durchgedreht. Für mich als Schauspieler war das eine großartige Erfahrung: Nehmen wir die Szene mit der Mutter im Hotel. Ich hatte die Möglichkeit, sie an die 20, 25 Mal zu spielen, dabei konnte ich immer wieder Neues an mir entdecken. Dabei sind „Äußerlichkeiten“ wie die Maske, die mitunter zweieinhalb Stunden dauerte, oder bestimmte Gesten genau so wichtig, um in die Rolle zu kommen, wie der Text. Ich habe auch jeden Tag immer weiter Dokumentationen geschaut und Bildbände durchgeblättert. Außerdem hing die Garderobe voller Fotos. Auch im Drehbuch klebten Bilder. Das Optische spielte also schon eine große Rolle.
Und wie haben Sie die seelischen Tiefen ausgelotet?
Wenn ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, Romy Schneider stehe direkt hinter mir und ich könne durch ihre Augen hindurch spielen. Was die Texte angeht: da gab es Passagen im Drehbuch, die irgendwann einfach nicht mehr stimmten, weil wir bei der Arbeit immer tiefer in die Figur eingedrungen sind. Wir sind sehr stark in die Analyse gegangen, haben Nächte durchdiskutiert. Das Ikonografische war also nur ein Teil der Arbeit. Ich war schon stärker am Seelenwesen Romy Schneider interessiert.
Welche Gesten haben Sie sich für den Film abgeguckt?
Was Romy Schneider sehr häufig gemacht hat, war dieses Sich-über-die-Lippen-Lecken. Erst die Oberlippe, denn die Unterlippe und zack die Zunge wieder in den Mund. Oft spielte sie mit ihren Haaren oder einer Zigarette. Romy Schneider wusste früh, wie man mit der Kamera umzugehen hat und wie man mit dem Körper arbeitet. Das hatte mal etwas Nervöses, mal etwas Erotisches, blieb aber trotzdem authentisch.
Foto: SWRJessica Schwarz als Romy Schneider
Foto: SWRJessica Schwarz und Thomas Kretschmann
Wie haben Sie Romy Schneiders Art zu sprechen eingeübt?
Ich habe mir am Anfang besondere Sätze rausgesucht wie „Ich habe mich nicht erkannt, ich habe mich wirklich nicht erkannt“. Über diese besonders prägnanten Sätze habe ich mich weiter vorgetastet in ihre Aussprache, ihre Betonung, ihre Diktion. Ich habe Filme laufen lassen, aber nicht hingeschaut und sie als Hörspiel wahrgenommen und nachgesprochen. Und ich habe diese Sätze an sämtlichen Menschen ausprobiert.
Sie haben ja wie Romy Schneider keine Schauspielschule besucht. Was heißt das für die Aneignung von Rollen?
Wenn Romy Schneider mehr Theater gespielt hätte, dann hätte sie gemerkt, dass ihr etwas fehlt: an Stimmvolumen, an Sprachtraining. Auch ich glaube, ich wäre eine ganz andere Schauspielerin, hätte ich eine Schauspielschule besucht. Wenn es um die Darstellung von Emotionen geht, arbeite ich nicht mit Hilfsmitteln. Ich muss die Gefühle spüren und mich ihnen stellen. Um Gefühle darzustellen, möchte ich mich aber auch in Situationen hineinbegeben, die mir im Leben widerfahren sind, die mich gebeutelt haben, die schmerzhaft waren. Authentisch zu sein kostet mich doppelt Kraft, weil ich dieses technische Gerüst nicht habe, an dem ich mich entlang hangeln kann.
Bei Romy Schneider gingen die Selbstzweifel in Versagensängste über. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin sehr viel geerdeter. Ich habe eine Heimat, aus der ich nicht verstoßen wurde, ich habe viele Menschen, die mich lieben, ich habe auch eine andere Selbstwertschätzung. Sicher suche auch ich wie jeder Schauspieler nach Aufmerksamkeit. Aber ich bin eher bodenständig und sicher ein etwas gröberer Typ Mensch, nicht so sensibel.
War es Ihnen mal ganz Recht, sich hinter einer Figur verstecken zu können?
Ich finde es schon schwieriger, jemanden zu spielen und zu interpretieren, den es gab und den viele Leute kennen. Vor allem nicht nur denen gerecht zu werden, sondern auch einer Romy Schneider auf Augenhöhe begegnen zu können und zu hoffen, dass sie sich nicht im Grabe dreht. Das ist nicht einfach. Das hat nichts mit Verstecken zu tun. Meine Person verschwindet ja nicht – auch nicht das, was ich über Romy Schneider denke. Es ist meine Interpretation. Da steckt viel von mir drin. Ich fand es süß, was Anna Thalbach mir nach der Premiere von „Romy“ gesagt hat: „Das haben Sie wirklich toll gemacht, Frau Schneider, wie Sie die Schwarz interpretiert haben!“
Und „Verstecken“ außerhalb des Films? Wir haben sehr viel über Romy Schneider gesprochen. In anderen Interviews würde man sicher mehr über Sie sprechen.
Über Romy Schneider zu sprechen ist aber auch sehr anstrengend. Es ist schwierig, für eine so wunderbare, so interessante, mutige, ängstliche Frau die richtigen Worte zu finden.