• Interview Christoph Maria Herbst: "Stromberg"

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      Pro Sieben, 01.11.2010, 22:10 Uhr - Wiederholung

      Was Christoph Maria Herbst so alles zu "Stromberg" und zu sich selbst einfällt...

      Herbst über die neue Staffel: "Das Thema wird sein, dass der auf den Rücken gefallene Käfer versucht, wieder auf die Beine zu fallen und „Finsterdorf“ irgendwann hinter sich zu lassen. Aber bis dahin muss der gute Bernd noch eine Menge Dreck fressen – nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich einmal mehr wie ein Elefant im Porzellanladen aufführt."

      Herbst
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      Menschen-Darsteller:

      Christoph Maria Herbst

      Herbst
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      Achtung, Ka... Schon

      passiert! Herbst

      Wie würden Sie den Millionen Zuschauern, die „Stromberg“ noch nicht kennen, die Serie schmackhaft machen?
      Leute, die Humor haben, keine eingespielten Lacher brauchen, denen sich Zwischentöne erschließen und die einen Hang haben zum österreichischen oder englischen Humor, die würden sich bei „Stromberg“ sicher zu Hause fühlen. Erwähnen sollte man auch die erfrischende Ästhetik, die in diesem ungewöhnlichen Mocumentary-Stil gipfelt. Und man kann sich phantastische Schauspielerleistungen anschauen. Unser unfassbar homogener Cast ist ja neben den tollen Texten das große Pfund der Serie.

      Jetzt tönen Sie fast wie Stromberg. Passiert Ihnen so etwas auch schon mal im Alltag?
      Nein, ich weiß schon, wo Stromberg anfängt und Christoph Maria Herbst aufhört und umgekehrt. Sonst müsste man mich ja nach jedem Drehtag mit einer Zwangsjacke abführen. Wenn ich im Freundeskreis mal auf Stromberg mache, dann ist das bewusst eingesetzt, um eine Pointe zu landen.

      Wir bleiben bei denen, die „Stromberg“ nicht kennen. Wie würden Sie denen Ihren lieben Bernd beschreiben?
      Das ist ein Arsch wie du und ich, jemand, der die Lebenslüge zur Hauptmaxime seines Lebens erhoben hat und als Great Pretender durchs Leben stiefelt, der dazu neigt, Unangenehmes zu verdrängen oder sich schön zu reden, doppelzüngig zu sein. Es ist also für jeden etwas dabei. Es werden einem genügend Spiegel vorgehalten. Das gilt es, auszuhalten. Darin liegt das Geheimnis unseres speziellen Erfolgs. Wir haben deutlich mehr Fans, als wir Zuschauer haben. Das hängt mit dem Phänomen Fremdschämen zusammen: ich weiß von Menschen, die sich eine komplette Folge nicht antun mögen, weil sie wissen, am nächsten Tag erwartet sie ein ähnlicher Alltag.

      Die Serie funktioniert hochgradig interaktiv. Wie baut man über Wochen eine Spannung zwischen sich und den Kollegen auf?
      Es ist eine Spannung, die wir nie künstlich herstellen müssen. Sie ist in dem Moment da, wenn wir wie eine alte Familie wieder aufeinander losgelassen werden. Die Spannung, die es braucht für so eine Sitcom, generieren wir aus der unbändigen Freude, wieder in unsere Charaktere schlüpfen zu dürfen. Spätestens da setzt dann unser professionelles Rüstzeug an: dazu gehört, dass wir uns so komplett auf die geschriebenen Situationen einlassen, dass wir in den Momenten in den Situationen auch voll drin sind. Deshalb ist für mich so ein Drehtag, an dem ich ja am meisten am Labern bin und die Szenen zu führen habe, so unfassbar anstrengend. Es setzt schon ein hohes Maß an mentaler Disziplin voraus. Ich bin nach jedem Drehtag auf Null gepegelt.

      Fallen Sie in den Pausen am Set aus der Rolle oder bleiben Sie bewusst in der Rolle?
      Ich falle bewusst aus der Rolle und handhabe es so, dass ich mich in der Mittagspause zurückziehe und ein zehn bis zwanzigminütiges Power-Napping mache. Die Kollegen wundern sich immer, wo ich am Nachmittag, wo die anderen alle im Verdauungskoma vegetieren, meine Energie herhole. Dass ist dem Umstand geschuldet, dass ich vier, fünf kleinere Portionen über den Tag verteilt esse und diese Viertelstunde penne.

      Herbst
      Foto: Pro Sieben

      Na, Kollegen. Nicht mit mir gerechnet? Der gute Bernd kommt immer zurück. Herbst

      Es gab zwar Ekel Alfred. Dennoch ist es schwierig, einen Unsympathen zur Hauptfigur zu machen. Wie schafft man es, ohne ihn völlig lächerlich zu machen?
      Es war mir immer ein Anliegen, meinen Stromberg dialektisch anzugehen. Ich weiß vom Theater, dass es völlig unspannend ist, einen, der schon als Arsch geschrieben ist, auch noch als solchen zu spielen. Man muss ihm auch andere Seiten abgewinnen. Die Autoren sehen das ähnlich, sonst könnten sie Jennifer nicht Sätze in den Mund legen wie „Der tut doch nur so, wenn er da so rumgockelt, das ist doch alles nur Unsicherheit“.

      Kann man diese „Vernettung“ prinzipiell auch gegen das Drehbuch anstellen?
      Das geht schon. Man kann Dinge abschwächen. Da setzt dann unser kreativer Anteil an der Arbeit ein. Die Bücher geben schon klare Situationen vor, in der einen oder anderen Regieanweisung steht dann schon, wie der Autor das realisiert sehen möchte, aber letztlich passiert alles nach Maßgabe desjenigen, der inszeniert, und das wiederum geht Hand in Hand mit unserer Phantasie. Und da haben wir aus guten Büchern oft noch mehr herausholen können, weil wir es eben nicht 1:1 umgesetzt haben.

      Würden Sie sagen, dass die vierte „Stromberg“-Staffel, vielleicht auch in Hinblick auf die Zuschauerzahlen und Pro Sieben, ein bisschen (menschen)freundlicher gestaltet ist? Husmanns Humor war ja bei „Der kleine Mann“ auch schon weniger ätzend.
      Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich könnte mir eher vorstellen, dass die ProSieben-Redakteure sich gewünscht haben, dass Stromberg in Staffel 4 mindestens so sarkastisch ist wie in Staffel 3 und dass eher der Wunsch bestanden hat, die Schraube noch ein wenig fester zu ziehen. Schließlich geht es um den Fan – und den würde man verschrecken in dem Moment, wenn man Stromberg weichspülen würde. Ich glaube, dass Stromberg aus dieser Verbitterung heraus, in diese sich wie Osten anfühlende Außenstelle versetzt worden zu sein, umso mehr in ein Hauen und Stechen verfällt – und da gewohnt heftig über die Stränge schlägt. Schon in der ersten Folge gibt es eine Szene, in der man Stromberg auf eine bisher nie dagewesene Weise aggressiv erlebt: da schlägt er in seinem Büro mit dem Golfschläger um sich wie ein Wahnsinniger.

      Wird Stromberg mit seiner „Erdmännchen“-Taktik völlig Baden gehen, wie es sich in den ersten beiden Folgen abzeichnet?
      Die ersten zwei Folgen kann man schon als Exposition bezeichnen. Stromberg sitzt jetzt in Finsdorf – und das Thema der vierten Staffel wird sein, dass der auf den Rücken gefallene Käfer versucht, wieder auf die Beine zu fallen und „Finsterdorf“, wie er es nennt, irgendwann hinter sich zu lassen. Aber bis dahin muss der gute Bernd noch eine Menge Dreck fressen – nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich in den sozialen Strukturen dieses Dorfes einmal mehr wie ein Elefant im Porzellanladen aufführt.

      Es wird bei den zwei Handlungsorten bleiben?
      Ja, das bleibt. Ich hatte anfangs die Befürchtung, dass man die beiden Locations, das Großraumbüro in der angestammten Capitol und Finsdorf, nicht zusammenkriegt, aber der Kitt ist Jennifer, in die sich Stromberg verliebt hat. Allein vor dem Hintergrund ist es glaubhaft, dass Stromberg in der Capitol ständig auf der Matte steht.

      Lässt sich der Absturz Strombergs als Reflex auf die Krise verstehen?
      Das glaube ich weniger. Es ist ein sehr geschickter Schachzug von Husmann, die Figur Stromberg in einer Art Spin-Off in einem kompletten neuen Zusammenhang zu erzählen.

      Ist Comedy oder – altmodisch – das komische Fach so schwierig, weil Lachen heutzutage nicht mehr so universal ist, wie oft angenommen?
      Das mag sein. Ich glaube aber, dass „Stromberg“ immer schon ein Nischenprodukt war. Der breite, gesellschaftsumfassende Lacher wird sich über „Stromberg“ nicht herstellen lassen. Ich denke indes, die gut platzierte Bananenschale wird auch noch in 50 Jahren funktionieren. Die zielsicher geworfene Torte wird auch noch in 50 Jahren Lacher herstellen. Das ist geradezu die Urform, da kann man nichts falsch machen.

      Christoph Maria Herbst
      Foto: Pro Sieben

      Ist doch alles halb so schlimm. Degradierung? Ach, was! Christoph Maria Herbst

      Schauspieler wollen alle Genres spielen, heißt es immer. Ist das wirklich so? Oder ist es nicht die Angst, dass einem die passablen Rollen ausgehen, wenn man sich spezialisiert? Aber bevor man irgendeine Drecksrolle in einem Krimi spielt, ist es da nicht sinnvoller, sich zu entscheiden. In Ihrem Falle zu sagen: das Komische ist meins – und das ziehe ich jetzt durch?
      Das sehe ich ein bisschen differenzierter. Eine Drecksrolle in einem Krimi würde ich tatsächlich nicht annehmen. Und Sie werden lachen: Ich kriege Drecksrollen in Krimis durchaus angeboten. Mir würde es nicht reichen, in so einem Film mitzumachen, nur um es in meine Vita reinzuschreiben. Ich hatte auch zu „Inglorious Bastards“ eine Anfrage, zum Casting zu kommen. Da bin ich nicht hingefahren. Die Rolle, für die ich angefragt war, hatte nicht einmal einen Satz zu sprechen und wäre sofort erschossen worden. Wenn es um Namedropping geht oder darum, dass man aus Proporzgründen eine Nase dabei haben möchte, da ziehe ich mich sofort zurück.

      Höre ich da heraus, dass Sie sich prinzipiell auch in ernsthaften Rollen zuhause sehen?
      Auf jeden Fall. Ich komme vom Theater und ich weiß, dass ich da nicht als der Charakterkomiker oder der Boulevardspieler engagiert wurde. Ich war immer an eher kleineren und mittelgroßen Theatern, an denen man alles spielen musste. Ich habe da auch Tschechow und Tragödien, Stücke, die mit Komödie rein gar nichts zu tun haben, gespielt. Ich bin schon sicher, dass ich noch einige für die Öffentlichkeit unentdeckte Facetten mit mir herumschleppe. Ich würde es Sehnsucht nennen, aber es ist kein Grund, in ein Lamento zu verfallen: „ach, Gott, ich bin für die meisten nur ein Comedian oder ein Komödiant oder Komiker!“ Es ist klasse, so herum anzufangen.

      Es gibt Schauspieler, die argumentieren nur mit ihrer Rolle. Sie haben mal Edgar Selge für Ihre Rolle des Don Quichotte vorgeschlagen. Sie denken projektbezogener?
      Das kann man sagen. Da habe ich mir einen gesunden Altruismus bewahrt. Mich hat es auch nie in die erste Reihe gedrängt. Man denke nur an „Ladykracher“, wo ich mich 2001 bis 2003 wunderbar eingerichtet hatte hinter dem breiten Rücken einer Anke Engelke. Ich habe mich immer eher in der Rolle des Supporting Actor gesehen. Deshalb hatte ich mich auch lange Zeit schwer getan, selbst das Frontschwein zu sein. Und so fallen mir manchmal andere Kollegen ein, die ich viel eher in einer Rolle sehen würde als mich. Das ist keine Koketterie, da fehlt mir hier und da noch ein bisschen das Selbstbewusstsein. Ich will mich aber auch nicht als den abgefuckten Typ sehen – so von wegen: „Leute, ich spiele euch alles – Hauptsache die Kohle stimmt!“

      Sie spielen schon mal in Nachwuchsfilmen, wo’s kein Geld gibt. Die Musikkultur findet im Internet statt, bei YouTube, MySpace oder Indie-Blogs. Journalisten wie ich gründen Webseiten, andere Blogs, um mal wieder das schreiben zu können, was sie schreiben wollen… Ist die klassische Kultur am Arsch?
      Ich würde es nicht negativ sehen. Es ist ja auch ein sehr kulturvoller Vorgang, sich das Internet zunutze zu machen und YouTube für seine Zwecke zu nutzen oder einen Blog zu gründen. Man stellt auf einmal fest, dass man damit viel mehr Leute und vor allem interessierte Leute erreicht als mit den angestammten Blättern, auf die allenfalls am nächsten Tag noch der Fisch wartet. Ich habe da nur einen positiven Blick drauf. Für mich war es eine große Freude, als der BILD-Blog damals anrief und fragte, ob ich Lust hätte, mit Anke Engelke einen Spot zu drehen. Das ging weniger gegen die Bildzeitung als vielmehr für diesen Independent-Blog. Es ist eine gute Entwicklung, dass da subversive Kräfte am Werke sind und ihren Weg finden, die eingestampften Pfade zu verlassen.

      Das bedeutet aber auch wieder Zersplitterung, Nische, Kulturgetto.
      Ja, aber es muss deswegen nicht falsch sein. Und aus mancher Nische ist etwas ganz Großes geworden. Vieles hat ja mal klein angefangen. Die Frage ist aber auch: ob man unbedingt groß werden möchte. Vielleicht liegt der Reiz vieler Nischen-Dinge ja auch darin, dass sie Nische sind. Das Tollste ist natürlich, wenn man sich breitbeinig aufstellen kann, wenn man ein bisschen hier macht und ein bisschen da und für die eigene Hygiene aber auch noch Dinge macht, die man einfach machen muss, weil man sonst vor lauter Dreck, den man da frisst einen toxischen Schock bekommt.

      Da haben Sie mit „Stromberg“ Glück. Sie haben eine Nische, werden bezahlt und bekommen keinen toxischen Schock.
      Stimmt. „Stromberg“ ist beides: Nische, hat aber auch viel mit Hygiene zu tun. Insofern bin ich beschenkt mit so einer Figur. Ich sehe mich aber auch nicht zwingend in jedem zweiten kommerziellen TV-Movie, wo man meine Figur nicht glaubt und die Texte schlecht geschrieben sind. Da wende ich mich lieber ohne Gage mal mit sieben oder zehn Drehtagen einem Kurzfilm- oder Nachwuchsprojekt zu, deren Macher mit einer ganz anderen Leidenschaft an die Arbeit gehen. Das hat mit mir mehr zu tun.

      Da bleibt nur noch die obligatorische letzte Frage: Für Sie wäre eine fünfte Staffel denkbar?
      Absolut.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Christoph Maria Herbst: "Stromberg"
      Pro Sieben / Interview / Sitcom
      EA: 3.11.2009, 22.15 Uhr (Pro Sieben)
      Mit Christoph Maria Herbst, Oliver Wnuk, Bjarne Mädel, Milena Dreißig und Simon Licht
      Drehbuch: Ralf Husmann
      Regie: Arne Feldhusen
      Produktionsfirma: Brainpool




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