Drei Kinder allein zu Hause, von der Mutter im Stich gelassen, die lieber bei ihrem neuen Freund einzieht. „Der große Tom“ entstand nach einem realen Fall. Niki Stein schrieb das Drehbuch und führte Regie. Der „Tatort“-Macher im Gespräch auch über seine häufige Doppelfunktion, die Krimi-Inflation und über die Lust, mal ein Melodram zu machen.
Foto: HR / MüllerWolf-Niklas Schykowski spielt Tom. Aglaia Szyszkowitz & Lotte Becker (re.)
„Der große Tom“ hätte ein Betroffenheitsstück in höchster Potenz werden können…
Ich wollte aber nicht, dass der Zuschauer nur sagt: „die armen Kinder!“ Ich wollte auch den Mut, die Tatkraft und die Entschlossenheit dieses Jungen zeigen. Es war von vornherein geplant, aus der Perspektive der Kinder zu erzählen und der Geschichte so etwas leicht Märchenhaftes zu geben. Und durch die Einführung der Nachbarin, mit der sich Tom anfreundet, kamen auch aufhellende, komische Momente ins Spiel.
Die Kinder reden sich die Situation schön, haben Hoffnung. Ist das realistisch?
Dieses Verhalten, diese grenzenlose Loyalität, dieser Überlebenswille, ist sehr typisch. Dieses Phänomen kennt man ja auch von Kindern, deren Eltern in Scheidung leben.
Die Mutter wird nicht dämonisiert. Welche Überlegungen hatten Sie bei der Zeichnung dieser Figur?
Ich wollte keinen Film machen, der einseitig anklagt. Tatsache ist: 10 Prozent der Kinder in Deutschland leben unter der Armutsgrenze und ein Drittel dieser Kinder sind Kinder allein erziehender Mütter. Die Situation für allein erziehende Mütter ist schwer. Das wollte ich auf jeden Fall im Hinterkopf behalten. Auch Aglaia Szyskowitz, die Darstellerin der Mutter, hat sehr stark auf diesem Konflikt gedrungen.
Das Milieu ist ja auch kein klassisches Unterschicht-Milieu…
Wir wollten das Problem nicht gettoisieren, wollten keine randständigen Eltern zeigen. Denn so könnte man das Thema nur allzu leicht von sich wegschieben. Die Realität hat mir da auch Recht gegeben. Der Berliner Fall ist ja in einem ähnlichen Milieu angesiedelt: bürgerliche Wohngegend, Mutter etwas freakig, aber kein Subproletariat.
Was muss man beachten, wenn man einen so jungen Hauptdarsteller hat?
Es ist extrem wichtig, bei Filmen mit Kindern, dass die Kinderrollen auch kindgerecht geschrieben sind. Man muss wissen: Wie reagieren Kinder? Was ist das dem Alter adäquate Verhalten? Und was sind sie überhaupt in der Lage darzustellen? Da sehe ich oft Überforderung. Kinder kommen dann oft rüber wie kleine Erwachsene.
Und wie kriegen Kinder die Gefühle hin?
Wenn das Buch kindgerecht ist, geht es oft besser als gedacht. Kinder sind extrem gut in der Lage, Emotionen wie Enttäuschung, Hoffnung, Liebe schnell zu begreifen und anzunehmen. Auch das Switchen zwischen den Gefühlslagen können Kinder gut. Die Mutter kommt zurück und plötzlich ist wieder alles gut und alles andere vergessen.
„Der große Tom“ erzählt einen Stoff, den man heute fast nur noch in Krimis sieht.
Ich habe das ja selbst in dem „Tatort: Martinsfeuer“ versucht. Dennoch bleibt ein Riesenbereich für den Ermittlungsweg und die Kommissare und man verlässt immer wieder die Kinderperspektive. In einem Einzelstück kann man viel konsequenter sein.
Wie lernt man als Krimiautor eigentlich das „Milieu“, den Polizeialltag, die Abläufe, die Handgriffe?
Ich wundere mich manchmal, wie wenig in Deutschland recherchiert wird. Die Zweifel, ob man das Recherchierte auch tatsächlich immer 1:1 umsetzen kann, entbindet den Autor nicht von der Recherche. Die groben Abläufe müssen – finde ich – einfach stimmen. Ich bin deshalb teilweise mit den Kollegen der Polizei mitgegangen. Sie erleben da ja nicht nur den Alltag, sondern Sie hören auch spannende Geschichten.
Haben Sie eine Faustregel für Vita und Psychologie von Reihen-Kommissaren?
Eine Faustregel habe ich nicht. Ich habe zwei „Tatorte“ konzipiert. Und ich schwanke gelegentlich in der Einschätzung. So frage ich mich, ob das Frankfurter „Tatort“-Modell mit einer filigranen Persönlichkeitsstruktur der Kommissarin nicht doch zu viel persönliches Gepäck mitschleppt. Damit macht man es den Autoren schwer. Das Kölner Konzept ist einfacher angelegt: da ist Schenk, der biedere Familienvater, der nie so richtig Rock & Roll haben konnte und der dem einsamen Max Ballauf, der sich vielleicht heimlich nach Frau und Familie sehnt, seine Unabhängigkeit neidet. Der Konflikt ist in Ansätzen noch da, wurde aber ein bisschen auf die Buddy-Ebene geschoben.
Finden Sie nicht auch, dass es langsam zu viel wird mit Mord und Totschlag?
Für „Tatort“ stimmt das sicher. Die Quoten gehen ja auch etwas runter. Da wird zu viel gemacht: zu viele Kommissare, zu viele Schauplätze, zu viele Wiederholungen. Prinzipiell spiegelt sich in der Krimiinflation die Verzweiflung der Programmmacher.
Foto: HR / MüllerGroße Leistungen: Wolf-Niklas Schykowski, Lotte Becker und Elisa Schlott
Wird so Töten nicht zur Selbstverständlichkeit?
Das mediale Morden stumpft schon ab … Ich denke, das Problem mit der Gewalt im Fernsehen ist weniger die Darstellung der Gewalt, sondern die Frage, ob und wie ich sie bewerte. Damit wird teilweise sehr fahrlässig umgegangen. Gezeigt wird viel zu selten die Auswirkung von Gewalt, das Leid, die Opfer.
Warum schreiben Sie in letzter Zeit wieder öfters auch die Bücher zu Ihren Filmen?
Es ist ein Irrglaube, ein Regisseur würde ein Autorenscript 1:1 umsetzen. Man muss als Regisseur immens in eine Geschichte eingreifen, um sie gangbar zu machen. Das sind oft frustrierende Prozesse für Autoren, Regisseure, aber auch für die Produzenten. Dem können Produzenten entgehen, indem sie schreibende Regisseure anheuern.
Wie wäre es, wenn Sie nach dem „Tatort“ mal das ganz leichte Fach handwerklich auf Vordermann bringen würden?
Ein schönes Melodram könnt ich mir schon vorstellen. Ich liebe großen Kitsch. „Pretty Woman“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Ich habe auch nicht mal etwas gegen Pilcher. Man kann die Sachen ja auch gut machen. Wenn Sie mich fragen, „haben Sie mal Lust, so einen Pilcher richtig gut zu machen?“, dann würde ich glatt „ja“ sagen.
Zur Person:
Niki Stein, am 25.1. 1961 in Essen geboren, konzipierte den Kölner und den Frankfurter „Tatort“, schrieb für die ARD-Krimireihe zahlreiche Drehbücher und führte Regie. Außerdem machte er mit herausragenden Sozialdramen wie „Der Mann im Strom“ oder dem Echtzeit-Kammerspiel „Die Konferenz“ bei Publikum und Kritik von sich reden. Stein lebt in Frankfurt.