Alles neu beim „Tatort“. Kommissar Cenk Batu, der Neue aus Hamburg, kommt stilvoll und cool daher. Er operiert als verdeckter Ermittler, der Alleingänge liebt und dabei nicht selten selbst in Gefahr gerät. „Auf der Sonnenseite“ ist ein Einstand nach Maß. Hauptdarsteller Mehmet Kurtulus äußert sich im Interview auch über das ungewöhnliche visuelle Konzept und das Medien-Bohai um den ersten türkischstämmigen "Tatort"-Kommissar.
Foto: NDR / Georges PaulySeine Deckung ist aufgeflogen. Ein neuer Auftrag wartet... Kurtulus und Jordan
Ihr „Tatort“ geht neue Wege. Auf was muss sich der Zuschauer heute Abend gefasst machen?
Wir haben den „Tatort“ sicher nicht neu erfunden, aber wir haben versucht, das Format politisch und ästhetisch weiterzuentwickeln. Unser „Tatort ist dort, wo der Kommissar ist. Die Geschichten werden aus seiner Sicht erzählt, es gibt keine Parallelstränge. Außerdem wird mein verdeckter Ermittler wohl nie ein Polizeirevier von innen sehen.
Wie haben Sie auf das Angebot reagiert?
Für mich war klar: „Ich mach’ das!“ Ich sah die Chance, mich einmal in einer anderen Disziplin des Schauspiels auszuprobieren, und nach den ersten Gesprächen erkannte ich gleichzeitig die Möglichkeit, mit dem Dampfer „Tatort’ so umzugehen, als sei es ein Motorboot.
Die Presse hat bisher vor allem ihre türkische Abstammung hervorgehoben. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin verblüfft, dass es so ein Ereignis ist, wenn ein neuer „Tatort“-Kommissar türkischer Herkunft ist. Das zeigt mir, dass wir noch nicht sehr weit sind in diesem Land. Wenn wir in den Köpfen weiter wären, würde das wahrscheinlich gar nicht diese Rolle spielen. Ich hätte mir beim Presseecho gewünscht, dass der neue Hamburger „Tatort“-Kommissar begrüßt wird und nicht nur „der erste Türke“. Eine französische Tageszeitung hat sogar berichtet unter der Überschrift „das Flaggschiff des deutschen Fernsehens bekommt einen türkischen Kapitän“.
Foto: NDR / Georges PaulyUndercover-Ermittler Batu muss sich das Vertrauen erschleichen. Mehmet Kurtulus
Wie vertraut ist ihnen die türkische Kultur?
Ich lebe beide Kulturen. Die türkische sowie die deutsche. Mich überraschen solche Fragen immer wieder. Meiner Meinung nach kann man Kunst und Kultur nicht trennen. Kunst impliziert Kultur.
Welche Rolle wird ihre Herkunft im „Tatort“ spielen? Keine Angst vor plumper political correctness?
Von Seiten der Redaktion bestand der Anspruch, den neuen Kommissar mit einer gewissen Eleganz einzuführen. Die Eleganz bestand vor allem darin, eine authentische Figur zu zeigen, die all ihre ‚Talente’, Sprache und Kultur inbegriffen, optional zur Verfügung hat, eine Figur, die aber nicht aufgesetzt wirken soll und sich deshalb nicht ausschließlich im türkischen Milieu ergehen wird.
Was verbinden Sie mit dem „Tatort“? Gibt es ein Team, das sie besonders mögen?
Ich muss Sie enttäuschen. Ich schaue eher selten Fern und dementsprechend selten „Tatort“. Das ist vielleicht in mancher Hinsicht ein Nachteil, erleichtert es aber auf jeden Fall, unserem Anspruch gerecht zu werden, einen ungewöhnlichen „Tatort“ zu machen. Ich musste mich so gar nicht erst von Konventionen befreien.
Was ist Ihr Cenk Batu eigentlich für einer?
Er ist ein Chamäleon. Er kann in seiner Umgebung verschwinden und sich unauffällig in unterschiedlichsten Kreisen bewegen. Diese Fähigkeit zur Mimikry ist seine Lebensversicherung. Darüber hinaus hat er eine gewisse Sensibilität für Menschen, eine gewisse emotionale Intelligenz und situative Auffassungsgabe. Diese Begabungen braucht er, denn als verdeckter Ermittler steht er ständig unter Druck und muss sich vor Entdeckung schützen.
Wer gerne beruflich abtaucht, muss dafür Gründe haben…
Sicher, aber von der Back-Story möchte ich nichts verraten. Im ersten Film ist von ihr auch noch nicht viel zu sehen. Ich finde, der Zuschauer sollte gespannt darauf bleiben, ob sich Batu künftig in die die Seele schauen lässt oder nicht.
Ist es nicht unrealistisch, dass ein verdeckter Ermittler nur in einer Stadt operiert?
Cenk Batu wird sicher nicht die nächsten 30 Jahre nur in Hamburg ermitteln (lacht).
Foto: NDR / Georges PaulyMit seinem "Chef" ist Cenk Batu nicht immer einer Meinung... Kurtulus und Jordan
Bei „Auf der Sonnenseite“ funktioniert die Spannung anders als bei anderen „Tatorten“…
Die Perspektive des verdeckten Ermittlers ist etwas Neues für den „Tatort“. Das erfordert teilweise eine andere Dramaturgie, die stärker in die Nähe des Thrillers rückt. Hier weiß der Zuschauer nicht nur genauso viel wie der Held selbst, sondern er ist unmittelbar bei den entscheidenden Momenten Augenzeuge. Die Möglichkeit zur Identifikation ist dadurch größer.
Es gibt in dem Film nur eine einzige Szene ohne Sie und etliche Szenen, in denen Sie ganz alleine agieren. Ist das nicht schwierig zu spielen?
So wie Cenk Batu angelegt ist, das entspricht vollkommen meinem Filmverständnis. Im Englischen heißt es ‚show don’t tell’. Da wir also nicht in der Situation sind, unseren Helden Selbstgespräche führen zu lassen, versuchen wir die Geschichte über Bilder und deren Atmosphäre zu transportieren. Ich finde grundsätzlich, dass in deutschen Filmen viel zuviel geredet wird. Statt auf Stimmungen setzt man auf Information.
Ich vermute mal: viel zu lachen wird man mit Batu wohl nicht bekommen - oder?
Das will ich nicht sagen. Ansatzweise erinnert mich das Verhältniss zwischen ihm und seinem Chef an "Ein seltsames Paar" mit Jack Lemmon und Walter Matthau. Der eine organisiert, der andere liebt das Risiko. Und zwischen beiden schleicht sich zusätzlich ein feiner Humor ein.
Zur Person:
Mehmet Kurtulus, am 27. April 1972 in der Türkei geboren und mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen, studierte in Hamburg Schauspiel, bevor er mit Fatih Akins preisgekrönter Gangsterballade “Kurz und schmerzlos” bekannt wurde. Es folgten weitere Kinofilme und TV-Movies wie “Der Tunnel” oder “Eine Liebe in Saigon”. Kurtulus lebt mit der Schauspielerin Désirée Nosbusch zusammen.