• Interview Anna Maria Sturm: Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung

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      ARD, 21.08.2011, 20:15 Uhr
      Eins Festival, 21.08.2011, 21:45 Uhr / Eins Festival, 21.08.2011, 23:45 Uhr
      Bewertung: 5,5 von 6

      Vom Land in die Stadt. Vom Theatertraum zum Film. Anna Maria Sturm, weiß was sie tut. "Mir reicht es nicht, wenn ich mich in dieser Mundart-Sparte etablieren würde!"

      Anna Maria Sturm hat lange überlegt, ob sie die Rolle der ehemaligen Dorfpolizistin Anna Burnhauser im Münchner "Polizeiruf 110" annehmen soll. Denn ihr Bayern-Image, in das sie besonders durch ihre beiden Kinofilme von Marcus H. Rosenmüller, "Beste Zeit" und "Beste Gegend", gerutscht ist, möchte sie nicht weiterhin forcieren. Einen Krimi ohne Fall, den Kommissaren beim Alltag ohne Mord auf die Finger zu schauen – das fände sie "richtig geil". Sturm spielt eine Kommissarin in der Ausbildung, die den neuen Chef, einen Preußen in die bayerischen Gebräuche einführen muss. "Und sie selbst bringt eine frische Note, geradezu etwas Wildes, Unorthodoxes in den Krimi ein", so die 1982 geborene Schauspielerin.

      Sturm & Brandt
      Foto: BR / Claussen+Wöbke+Pütz

      Anna Maria Sturm weiß, was sie tut. Szene aus ihrem zweiten "Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun" (mit Matthias Brandt). Eine Bombe ging hoch. "Ein Schreckensszenario. Ich habe solche Ausnahmesituationen noch nie selbst erlebt. Ich war wie paralysiert. So habe ich dann auch gespielt", betont die Schauspielerin.

      Frau Sturm, mich würde interessieren, wo es Parallelen gibt, zwischen Burnhauser/von Meuffels und Sturm/Brandt? Wo berühren sich Privatpersonen und Figuren?
      Spürbar war schon, dass hier ein Stadtmensch auf einen Menschen trifft, der auf dem Land aufgewachsen ist. Außerdem gibt es einen großen Alters- und diesen Nord-Süd-Unterschied. Anna ist extrovertierter, spontaner, direkter. Der Kommissar ist dagegen sehr konzentriert und kontrolliert. Aber er hat eben auch einen besonderen Humor. Einiges davon gilt auch für Matthias Brandt. Der erste Eindruck ist ähnlich. Auch er ist ein feiner, einfühlsamer Mensch.

      Noch mal genauer auf die Figuren geschaut: Was bringt Ihre Figur mit, was ihrem Chef abgeht und umgekehrt?
      Von Meuffels ist Profi, er weiß, wie die Polizeiarbeit funktioniert, während sich Anna noch in der Ausbildung befindet. Dafür hat er von der Münchner Lebensart keinen Schimmer und sie scheint ihn auch nicht zu interessieren. Anna muss diesen Preußen ein bisschen an die Hand nehmen und ihn in die heimischen Gebräuche einführen. Und sie selbst bringt eine frische Note, geradezu etwas Wildes, Unorthodoxes in den Krimi ein. Alles ist natürlich eine filmische Setzung. Im realen Polizeialltag würde dieser Gegensatz wahrscheinlich gar nicht funktionieren.

      Welche Möglichkeiten sehen Sie für sich im „Polizeiruf 110“?
      Ich finde es spannend, eine Figur in ihrer Entwicklung zu spielen. Ich habe das ja auch schon in meinen ersten Filmen „Beste Gegend“ und „Beste Zeiten“ gemacht. Bei Anna Burnhauser ist der besondere Reiz, dass sie sich noch in der Ausbildung befindet und verschiedene Lernphasen durchmacht. Ich habe den „Polizeiruf 110“ vor allem auch zugesagt, weil die Redakteurin Cornelia Ackers sehr offen ist für ausgefallene Stoffideen und weil man bei ihr spürt, dass es ihr in erster Linie um die Geschichten geht. Einen erfahrenen und anspruchsvollen Kollegen wie Matthias Brandt an seiner Seite zu haben, ist natürlich auch etwas Besonderes.

      Was für Fälle, was für Tonlagen würden Sie sich für diese Reihe wünschen?
      Fälle, die Gesellschaftliches spiegeln, die auch das wahre Leben so ein bisschen zeigen. Krimis, die aktuelle Probleme aufnehmen, wie beispielsweise auch unser zweiter Fall „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Ich habe aber auch nichts gegen gut gemachte, spannende Krimis.

      Dieser zweite „Polizeiruf“ ist ein beängstigender, schwerer Film. Viele Tote. Eine als Krimidrama verpackte Sterbebegleitung. Wie war das beim Drehen? Alles Kintopp, alles Illusion?
      Im Gegenteil. Beim Lesen fand ich das Thema spannend. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie das im Film aussehen würde. Dieser Tunnel. Dieses Schreckensszenario. Außerdem hat der Film wenig Dialog. Als ich dann das erste Mal in dieser Location drinstand, überall Schutt, es staubte und Komparsen lagen blutverschmiert herum – da habe ich erst die ganze Tragweite begriffen. Erst als ich es gesehen habe, habe ich es auch gefühlt. Ich wusste ja: das ist nicht echt, ich bin Schauspieler und dennoch – danach hatte ich eine Ahnung davon, wie schrecklich Krieg sein muss oder wie es ist, wenn irgendwo eine Bombe einschlägt. Ich habe solche Ausnahmesituationen noch nie selbst erlebt. Ich war wie paralysiert. So habe ich dann auch gespielt.

      Sturm im "Tatort"
      Foto: BR / Hagen Keller

      Sturm als Vergewaltigungsopfer in dem BR-Ausnahme-"Tatort: Nie wieder frei sein"

      Wäre es für Sie vorstellbar, dass Marcus H. Rosenmüller – so ein bisschen als Gegenfarbe – mal einen „Polizeiruf 110“ drehen würde?
      Ich glaube, der würde das nie machen. Der dreht lieber seine Kinofilme. Der hat seine speziellen Themen und seinen besonderen Geschmack. Prinzipiell hätte ich nichts dagegen, im „Polizeiruf 110“ mal was Witzigeres zu machen. Unser „Polizeiruf“ soll sich – glaube ich – nicht zur Düsterkrimi-Reihe entwickeln. Mein Ding wäre, mal einen Krimi zu machen ohne Fall, der nur zeigt, was zwei Polizisten so machen, wenn kein Mord anliegt. Das fände ich richtig geil.

      Originelle Idee. Wie kamen Sie drauf?
      Ich habe mal ein Praktikum bei der Polizei gemacht und gesehen, dass die da was ganz anderes machen als in den Polizeifilmen.

      Themenwechsel: Ich habe mich über die Fotos auf Ihrer Agenturseite gewundert. Die sehen aus, als wollten Sie sich als Model bewerben. Haben Sie einen Imagewechsel im Sinn?
      Ich habe bewusst nicht meine Blumenbilder auf die Seite gestellt. Ich bin zwar privat ein Naturmensch, aber ich wollte zeigen, dass es auch andere Seiten in mir gibt. Einen drastischen Imagewechsel habe ich nicht im Sinn, aber ich möchte nicht festgelegt werden auf ein bestimmtes Rollenbild, will nicht abonniert sein auf die bodenständige junge Frau vom Lande.

      Kann man aus der Bayern-Nummer überhaupt rauskommen? Es gibt erfahrene Kolleginnen unterschiedlichster Spielkultur, die alle gut gefahren sind mit ihrem Zungenschlag!
      Ich habe das Bayerische bei mir noch nie herausgestellt. Durch einen Zufall bin ich ins Casting für die Rosenmüller-Filme gekommen und wurde genommen. Ob ich aus dieser „Nummer“ rauskomme – das hängt davon ab, ob mich jemand besetzt für andere Rollen. Mir würde es auf jeden Fall nicht reichen, wenn ich mich in dieser Mundart-Sparte etablieren würde. Ich bin nicht Schauspieler geworden, um immer das Gleiche zu spielen. Ich hatte zunächst auch beim „Polizeiruf 110“ Bedenken. Aber diese Konstellation ist einfach zu gut.

      Hilft Ihnen der Dialekt bei der Rollenfindung?
      Bei den Rosenmüller-Filmen natürlich schon. Mit der Sprache schwingt auch ein bestimmtes Gefühl mit. Bei der Anna sicher auch. Die Sprache ist ein Teil ihrer Sozialisation. Wie bei mir. Es hat einen guten Grund, dass diese Figur Dialekt spricht. Ich muss allerdings dazu sagen: in jedem bayerischen Film, in dem ich bisher gespielt habe, komme ich aus Oberbayern, ich bin aber eine gebürtige Oberpfälzerin. Ich musste für „Beste Gegend“ und „Beste Zeit“ den Dialekt tatsächlich lernen. Ich habe noch nie vorher so extremes Bayerisch gesprochen.

      Sie spielen immer wieder zwischendurch Theater…
      Ich habe mich immer als Theaterschauspielerin verstanden. Ich brauche das Theater. Ich liebe das Proben. Nach einer längeren Drehzeit ist es wie eine Befreiung für mich. Niemand reduziert mich auf eine Rolle oder einen Dialekt. Da geht es ums Spielen. Und eigentlich will ich, dass es immer ums Spielen geht. Es ist ein abstraktes Arbeiten mit dem Stoff. Ein ständiges Ausprobieren. Ich hatte nie gedacht, dass ich mal drehen würde. Der Film kam einfach zu mir.

      Wie fanden Sie überhaupt zur Schauspielerei?
      Auch das war mehr oder weniger Zufall. Mit 17 habe ich bei einer therapeutischen Theateraufführung mitgewirkt. Studenten einer Theatertherapieschule haben in meiner Heimatstadt mit Behinderten den „Sommernachtstraum“ inszeniert. Dafür haben sie nicht behinderte Laien gesucht. Da stand ich dann das erste Mal auf der Bühne. Und ich wusste: das ist es!

      Sturm in "Beste Zeit"
      Foto: BR

      Pumperlg'sund und mit dem Duft von frischen Wiesen. So debütierte Anna Maria Sturm in Rosenmüllers "Beste Zeit". Sie möchte nicht nur die Frau vom Lande sein.

      Ihre Filmografie ist noch nicht lang, liest sich aber gut. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
      Ich gehe viel nach meinem Gefühl, aber als erstes lese ich die Bücher genau und kritisch. Es muss schon alles passen, der Stoff, das Buch, der Regisseur. Ich bin zu fast allen Rollen über ein Casting gekommen. Ich wollte diese Rollen unbedingt spielen. Das ist wichtig. Man muss überzeugt sein von einer Rolle, wenn man zum Casting geht. Nur dann kann man gut sein.

      Was schauen Sie denn selber gern?
      Ich leihe mir meist Kinofilme aus. Ein Film, der mich zuletzt, beim Münchner Filmfest, sehr beeindruckt hat, war „Tabu“ mit Lars Eidinger, die Inzest-Geschichte um Georg Trakl.

      Fernsehen ist nicht so Ihr Ding?
      Besonders viel habe ich nie geschaut. Die ersten Filme, die mich besonders fasziniert haben, waren Kinofilme im Fernsehen: „Tanz der Vampire“ von Roman Polanski und „Der Partyschreck“ mit Peter Sellers. Die habe ich als Kind geliebt. Und ich lieb sie noch immer.

      Zur Person:
      Anna Maria Sturm wurde 1982 in Regensburg (Oberpfalz) geboren. Sie verbrachte ihre Jugend im benachbarten Schwandorf. Ende 2003 begann sie ihr Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg"-Schule in München. Gleich nach dem Diplom 2006 engagierte sie Marcus H. Rosenmüller für seine oberbayerische Coming-of-Age-Komödie "Beste Zeit". Auch in der Fortsetzung "Beste Gegend" spielt Sturm die Hauptrolle. 2010 brillierte sie in dem mehrfach preisgekrönten "Tatort: Nie wieder frei sein" als traumatisiertes Vergewaltigungsopfer. Im Frühjahr 2011 hatte "They shoot horses, don't they" im Werkraum der Münchner Kammerspiele Premiere. Obwohl sich Anna Maria Sturm lange als Theaterschauspielerin sah, übernahm sie 2010 die weibliche Hauptrolle in der Münchner "Polizeiruf 110"-Reihe.

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      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Anna Maria Sturm: Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung
      BR / Interview / Polizei-Thriller
      EA: 21.8.2011, 20.15 Uhr (ARD)
      Mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken, Philipp Moog, Samir Fuchs, Sarah Lavinia Schmidbauer und Doris Kunstmann
      Drehbuch: Günter Schütter
      Regie: Dominik Graf
      Produktionsfirma: Bavaria
      Quote: 7,70 Mio. Zuschauer (25,4% MA)




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