Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
"Annika Kuhl ist nicht nur die Frau an der Seite von Leander Haußmann, sondern auch selbst ausgesprochen talentiert", mit solchen Sätzen wird sie gerne mal anmoderiert. Es geht auch anders. Man kann auch ein Interview mit der 1975 in Wuppertal geborenen Schauspielerin führen, ohne den populären Partner ins Spiel zu bringen. Denn Annika Kuhl ist die Frau, die bodenständig und gewitzt in der zweiten Reihe Komödien ("Dr. Psycho") spielte, bevor sie mit dem "Tatort: Der Schrei", dem Arthaus-Film "Glückliche Fügung" und dem NDR-Drama "Der Mauerschütze" mit Benno Fürmann in dramatischen Hauptrollen überzeugen konnte.
Foto: NDR / Sandra HoeverAnnika Kuhl (geb. 28.8.1975) wird gerne für bodenständige Rollen besetzt. Umso spannender, wenn hinter der vermeintlich unkomplizierten Figur ein Trauma lauert.
Wie gefällt Ihnen der Ansatz des Films, nicht Mauerschützen zu zeigen, die verdrängen, sondern einen, der Farbe bekennt?
Dieser menschliche Aspekt des Themas hat mir an der Geschichte am besten gefallen. Zentral ist, wie man mit der Schuldfrage umgeht. Unabhängig von der politischen Situation geht es in dem Film um eine moralische Frage, eine menschlich nachvollziehbare Frage. Und das ist auch das, was für einen Schauspieler letztlich spielbar ist.
Ein gutes Stichwort. Ich habe mich gefragt, wie kann man so eine Situation wie die nach der Beichte des Mauerschützen überhaupt spielen in ihrer Dramatik? Dieser Konflikt, in dem Silke steckt, ist eigentlich realistisch-filmisch gar nicht spielbar.
Wir haben uns vorab mit einer Psychoanalytikerin getroffen, die uns diese hochtraumatischen Erfahrungen, die beide Figuren gemacht haben, ein wenig aufgedröselt hat. Meine Figur erfährt ja eine doppelte Traumatisierung – damals, der Tod des Mannes, und heute noch einmal, der Liebesverrat des „Mörders“. Wir sind zu dem Schluss gekommen, Silke ist auch traumatisiert, aber nicht so schlimm wie er. Das hat mich zunächst gewundert, weil ich dachte, wenn man beim Sterben des Mannes dabei ist, könne man das nie im Leben verwinden. Die Begründung: ihr Mann hat sie gerettet, sich vor sie geschmissen bei der Flucht – und damit hatte sein Tod letztlich einen „Sinn“. Das könne man leichter verarbeiten, als das, was der Mauerschütze erlebt hat. Für ihn gab es keine Möglichkeit, die Situation zu verarbeiten.
Und wie spielt man dann diese Szene nach der Beichte? Was geht da psychologisch in Ihrer Figur vor? Wie drückt man das aus? Ist das nicht eher ein klassischer Tragödien-, vielleicht sogar Bühnen-Konflikt als ein realistisch psychologischer?
Nach dem Tod des Mannes hat Silke keinen näheren Kontakt mehr zu anderen Menschen außer ihrer Tochter zugelassen. Sie hat sich durch die Traumatisierung vom Leben fern gehalten. Jetzt begibt sie sich das erste Mal wieder in eine ernsthafte Liebesbeziehung und sie verliebt sich ausgerechnet in den, der ihren Mann getötet hat… Es ist schon schwer realistisch spielbar. Im ersten Moment reagiert Silke wortlos. Sie muss es wie einen Todesstoß empfinden. Das war meine Überlegung. Aber wie spielt man diesen gefühlten Todesstoß? Das ist tatsächlich fast schon ein Theaterstoff.
Foto: NDR / Sandra HoeverEine Szene, die realisch-psychologisch kaum spielbar ist. Am Ende hat man dann doch die dramaturgisch-medialen Bedenken vergessen. Spricht für Kuhl & Fürmann
Es wird sicher Zuschauer geben, die sich so eine Geschichte realistisch im Sinne von faktengenau wünschen, anstatt eine moralische Utopie präsentiert zu bekommen.
Ich glaube, die Fakten sind schon gut recherchiert. Ob so eine Begegnung nicht vielleicht doch zustande gekommen ist, weiß man ja nicht. Mitgekriegt hat man, dass die Mauerschützen öffentlich wenig Verantwortung übernommen haben. In unserem Film zeigen wir aber eine private Auseinandersetzung mit dem Thema. Der männliche Held ist ja auch nicht belangt worden – vor Gericht. Nur, er hat über die Jahre gemerkt, dass sein Leben nicht mehr funktioniert. Ich könnte mir vorstellen, dass es im privaten Bereich doch auch einige ehemalige Grenzsoldaten emotional betroffen hat.
Dem Produzenten Hermann Kirchmann geht um „die fiktionalen Möglichkeiten des Wirklichen“. Vielen Zuschauern und Kritikern geht es aber meist um die „realistische“ Abbildung der Tatsachen.
Dafür sind doch Dokumentationen da. Spielfilme sind eher Gedankenspiele. Was wäre wenn? Diese Frage finde ich interessanter für einen Fernsehfilm. Da bleibt man im Bereich der Fiktion. Das ist Geschichte – aber immer auch eine erzählte Geschichte.
Gab es etwas, was Ihnen an Ihrer Figur oder an den Interaktionen besonders wichtig war, etwas, was Sie zeigen wollten?
Was meine Figur betrifft, hat mich vor allem die Frage beschäftigt: Wie lebt so ein traumatisierter Mensch? Was für Mechanismen baut er sich auf, um zu überleben und seelisch einigermaßen über die Runden zu kommen? Silke verschließt sich, öffnet sich und wird dann wieder verletzt. Dieser Aspekt der doppelten Bestrafung, der doppelten Traumatisierung, das war für mich der Kern der Figur und meiner Rollenarbeit.
Welche Rolle, welche Funktion übernimmt im Film eigentlich die Tochter?
In dieser Figur spiegelt sich Silkes Schuld. Denn auch sie ist schuldig geworden: an der Tochter. Ihre Angst und ihre Traumatisierung hat sie teilweise auf ihre Tochter übertragen, indem sie sie fernhält von der Welt, indem sie in diesem Kaff als Fischerin lebt und der Tochter das Leben auf der für sie so öden Insel aufgezwungen hat.
Foto: SWRErste populäre Hauptrolle in einen dramatischen Krimi: "Tatort – Der Schrei" (2010)
Sie haben viel Komödie gemacht. „Der Mauerschütze“ ist nach dem „Tatort: Der Schrei“ und dem Arthaus-Film „Glückliche Fügung“ ein Schritt in Richtung Drama. Soll es in diese Richtung weitergehen?
Jetzt habe ich drei, vier dramatische Stoffe gemacht und hätte mal wieder Lust, ein bisschen Komödie zu machen. Sie ist leichter vom Lebensgefühl her, nicht leichter zu spielen. Man muss nicht in diese Seelentiefe eintauchen, die einen selbst oft ein bisschen mit runterzieht. Ich merke jedenfalls, wenn ich eine Komödie drehe, dass ich in dieser Zeit im wahren Leben besser gelaunt bin. Prinzipiell würde ich mich gern in alle Richtungen weiter ausprobieren. Es gibt hierzulande allerdings wenig gute Komödienstoffe. Insofern geht es für mich jetzt wohl tatsächlich stärker ins Dramatische.
Ich denke, da man Sie bislang in eher komischen Rollen kennt, in bodenständigen und eher nicht übermäßig komplizierten Charakteren, bietet im Moment für Sie das Drama eine besondere Möglichkeit. Auch, weil Ihnen das Schwere nicht aus den Augen blitzt. So besitzt die Tiefe Ihrer Silke oder der traumatisierten Mutter im „Tatort: Der Schrei“ immer etwas Überraschendes und auch nicht diese urdeutsche Schwere.
Vielleicht ist es eine gute Voraussetzung, dass man sich im Drama nicht zu wohl fühlt, sich nicht zu breit einrichtet. Die Lust an der Komödie nimmt einem das so ein bisschen. Sie ermöglicht, dass man immer noch leicht Distanz hält. Wenn man zu sehr „reingeht“ und sich selbst zu sehr bemitleidet, dann wird die Schwere noch gedoppelt.
Worin unterscheiden sich Drama und Komödie für den Schauspieler?
Bei der Komödie ist das Schwierige die Schnelligkeit, die man die ganze Zeit im Kopf haben muss, diese wahnsinnig hohe Konzentration. Man kann nicht auf ein Gefühl gehen. Man muss wahnsinnig lebendig bleiben. Das ist oft geradezu körperlich anstrengend. Beim Drama muss man auch konzentriert sein, aber man hat mehr Zeit.
Wie kamen Sie eigentlich zur Schauspielerei? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Eigentlich nicht. Ich hatte mit acht, neun Jahren die Angst, dass es mit dem Spielen irgendwann aufhört, mit den Puppen, den Barbies. Und irgendwie entstand dann der Gedanke, dass man als Schauspieler ja ein Leben lang weiterspielen könne. Seitdem war für mich völlig klar, dass ich Schauspieler werden würde. Nach dem Abitur habe ich mich an der Schauspielschule beworben. Da wurde es dann plötzlich ernst. Ich hatte ziemlichen Bammel, weil ich mir keine berufliche Alternative überlegt hatte. Dann hat es zum Glück aber geklappt. In Bochum. Danach gab es ein Vorsprechen am Bochumer Schauspielhaus. Ich wurde genommen und konnte mir weitere Vorsprechen ersparen. Für mich ein Glück, ich hasse heute noch Vorsprechen und Castings. In Bochum war ich vier Jahre. Danach bin ich nach Berlin gezogen und habe frei gearbeitet an der Volksbühne, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble. Dann habe ich meine erste Tochter bekommen. Und danach hatte ich Lust auf Drehen.
Foto: NDR / Sandra HoeverAnnika Kuhl steht schon mal im Schatten eines Mannes. Hier ist es Benno Fürmann in "Der Mauerschütze". TV-Porträt. "Es geht jetzt stärker ins Dramatische." Trailer
Haben Sie eine Ahnung, weshalb die Presse bisher so wenig Notiz von Ihnen genommen hat?
Nö. Ich bin sicherlich niemand, der so gerne auf Veranstaltungen geht und sich öffentlich zeigt. Ich arbeite lieber.
Sind Sie ein eher zurückhaltender Mensch?
Ja schon, ich bin auch schüchtern. Als ich klein war, haben immer alle gesagt: „Du willst Schauspielerin werden?!“. Bei der Arbeit geht bei mir allerdings die Schüchternheit schell verloren, weil ich etwas habe, womit ich mich beschäftige und darüber dann die Schüchternheit vergesse. Hilfreich ist außerdem, dass man eine Rolle spielt.
Gibt es Vorteile, wenn man als Schauspieler in der „zweiten Reihe“ steht?
Stehe ich da? Sagen wir es lieber anders: das Star-Sein interessiert mich nicht. Mich interessieren gute Charaktere. Ich habe sehr viele unterschiedliche Rollen gespielt. Ein Image, was ja einen Star weitgehend ausmacht, würde ich eher als hinderlich sehen.