• Interview Ken Duken überzeugt in "Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen"

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      3sat, 22.07.2012, 20:15 Uhr - Wiederholung

      Ken Duken im Interview: „Unglückliche Verkettung bis zum großen Knall“

      2002 erschütterte die Kollision zweier Flugzeuge im Luftraum in der Nähe des Bodensees die Öffentlichkeit. 71 Menschen starben. Eineinhalb Jahre später tötete ein Hinterbliebener den Dienst habenden Fluglotsen. „Flug in die Nacht“ erzählt von dieser doppelten Katastrophe. "Die größte Herausforderung war es, eine Figur zu spielen, die an ihrem Selbstmitleid beinahe zerbricht und mit dieser Schuld-und-Sühne-Situation nicht klar kommt, die aber zugleich für den Zuschauer erträglich bleiben sollte", so Duken über die Rolle des Fluglotsen.

      Duken
      Foto: SWR / Lanz

      Fluglotse Johann Lenders (Ken Duken) kommt aus den Schuldgefühlen nicht raus.

      Was hat Sie an dieser weitgehend authentischen Geschichte besonders interessiert?
      Es ist diese große Emotionalität dieser unglaublichen Geschichte, die mich gepackt hat. Diese doppelte Tragödie, die dazu noch aus zwei Perspektiven erzählt wird. Man sieht, wie die zahllosen Zahnrädchen ineinander greifen, wie sich die Dinge unglücklich verketten – bis zum großen Knall. Es sind so viele tragischen Zufälle im Spiel. Mal zu sehen, was sich hinter so einem Unglück, das viele nur als Mediennachricht wahrgenommen haben, an menschlichem Leid verbirgt, fand ich auch aufschlussreich.

      Und was war spannend an der Rolle?
      Für mich bestand die größte Herausforderung darin, eine Figur zu spielen, die an ihrem Selbstmitleid beinahe zerbricht und mit dieser Schuld-und-Sühne-Situation nicht klar kommt, die aber zugleich für den Zuschauer erträglich bleiben sollte.

      Haben Sie die Befindlichkeiten der Person, der Ihr Johann Lenders nachempfunden wurde, nachrecherchiert?
      Ganz bewusst nicht. Wir können keine 100%igen Fakten in der emotionalen Welt erschaffen. Unter Umständen war Johann Lenders einer, dem keiner ansehen konnte, dass er vielleicht abends hinter verschlossenen Türen Heulkrämpfe bekommen hat. Wie er wirklich war – das hätte ich nie rekonstruieren können. Deshalb bin ich mit einem generellen psychologischen Verständnis an seine Geschichte herangegangen.

      Wissen Sie, wie das Flugzeugunglück und der Mord in den Medien behandelt wurden?
      Das ist in dem Film sehr genau dargestellt. Es gibt ja die eingespielten Nachrichtensendungen und es wurden auch Szenen aus Talkshows oder Magazinen authentisch nachgespielt... Und der Fluglotse wurde auch in Wirklichkeit weitgehend entlastet.

      Welche Moral, welche leise Botschaft hören Sie aus dem Film?
      Der Film zeigt, was passieren kann, wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen, wenn sie die Konsequenzen nicht tragen für ihr Tun. Durch die interkulturelle Verkettung unglück-licher Tatsachen kommt es zur Katastrophe. Sie hätte verhindert werden können, wenn nicht die Geschäftsinteressen Maß aller Dinge gewesen wären. So sehe ich das. Ich glaube, der Film ist aber durchaus offen für andere Lesarten.

      Peren & Duken
      Foto: ZDF

      "kiss and run" (mit Maggie Peren) bescherte Ken Duken den ersten Grimme-Preis.

      Der Film ist keine dezidierte Anklage, eher eine Andacht.
      Der Film setzt nicht auf juristische Fakten, sondern auf die Dramaturgie der griechischen Tragödie. Jeder hat von seiner emotionalen Warte aus Recht und deshalb kommt es zur Katastrophe. Wenn sich Lenders und der Russe zu einem anderen Zeitpunkt getroffen hätten, wäre das Ganze möglicherweise nicht blutig ausgegangen. Das ist das eigentlich Tragische an der Geschichte. Von daher ähnelt die zweite Tragödie der ersten: auch hier bewegen sich zwei Pole, jetzt sind es Menschen, keine Flugzeuge, unaufhaltsam aufeinander zu und crashen.

      Spielte dieser kulturelle Gegensatz auch in Wirklichkeit eine Rolle?
      Dieses Aufeinanderpreschen der zwei Kulturen entspricht absolut den Fakten. Denn sonst hätte der Film sofort gestoppt werden können.

      Welche Haltung haben Sie zu Doku-Dramen?
      Ich finde sie toll, wenn sie nicht versuchen voyeuristisch oder reißerisch Katastrophen darzu-stellen, wenn sie sich ihrem Thema menschlich nähern, offen sind für unterschiedliche Wertungen, gut sind für Diskussionen. Musterbeispiele der letzten Zeit sind für mich „Contergan“ und „Mogadischu“, auch wenn sie eine etwas andere Herangehensweise haben als unser Film, der mehr „die Seele“ hinter dem Fall sucht.

      Nach „Willkommen zuhause“, jetzt die nächste erschütternde Psycho-Studie mit Ihnen in der Hauptrolle. War das nicht schwierig?
      Es war sehr schwierig. Ich musste es schaffen, wieder einen gebrochenen Charakter darzu-stellen, aber auf eine komplett andere Art und Weise. Bei „Willkommen zuhause“ war ich ein brodelnder Vulkan, der irgendwann ausbrechen wird, ohne es selbst wahrhaben zu wollen. Bei „Das Unglück von Überlingen“ geht es dagegen um einen Menschen, der die Schuld sucht, sie auf sich nehmen will. Johann Lenders musste ich sehr viel ruhiger, verletzlicher, weicher spielen. Er ist eher der implosive Typ. Bei so authentischen Figuren ist es für mich am bewährtesten, Dinge entstehen zu lassen und nicht zu vorbereitet an eine Geschichte heranzugehen. Sich im Moment des Spiels mehr auf seine Instinkte zu verlassen. Ich mag es, mich wie ein Surfer tragen zu lassen von der Situation. Das wirkt oft am emotionalsten. Bei einer introvertierten Figur wie Lenders ist sowieso eher ein reaktives als ein aktives Spiel angesagt.

      Sind diese Dramen innerer Zerrissenheit nun Ihr neues Steckenpferd?
      Ich habe über 50 Filme in den letzten zehn Jahren gemacht. Da waren schon auch ganz andere Sachen dabei. Beispielsweise drehe ich gerade mit Til Schweiger „Zweiohrküken“. Ich habe in Frankreich „Ali Baba und die 40 Räuber“ gemacht. 70 Prozent meiner Arbeiten gehören schon eher zur Kategorie ernsthaft und anspruchsvoll. Aber ich versuche selbst da, dem Drama noch etwas Erfrischendes und Leichtes zu geben. Man denke nur an preisgekrönte Filme wie „kiss and run“ oder „Eine andere Liga“.

      Duken & Herfurth
      Foto: ZDF / Nicole Manthey

      Der zweite Grimme-Preis folgte sogleich. "Eine andere Liga" mit Karoline Herfurth

      Wie kam es eigentlich zu Ihren vielen internationalen Rollen?
      Ausgangspunkt war die deutsch-italienische Koproduktion „Im Visier des Bösen“, in der ich wie jeder brave deutsche Schauspieler einen Nazi gespielt habe. Daraufhin bekam ich in Italien ein Angebot für „Die Kinder von Nonantola“. Ich spielte einen jüdischen Lehrer, der 50 Kinder vor den Nazis gerettet hat. Der Film war weltweit erfolgreich, hat viele Preise bekommen und er stieß die Tür weiter auf. Ich habe viel in Italien gedreht, in Frankreich und letztes Jahr sogar in Norwegen. Dort hatte „Max Manus“ 1,2 Millionen Zuschauer – nicht schlecht bei 4,8 Millionen Einwohnern.

      Was haben Ihnen die Auslanddrehs gebracht?
      Als junger Schauspieler kann man schon einiges lernen. Die Mentalitäten sind verschieden, dadurch verändert sich auch das eigene Spiel. Mein tragisches Spiel ist sicher geprägt durch die osteuropäischen Kollegen, das komische mehr von den Italienern und Franzosen. Aber es müssen nicht immer internationale Großproduktionen sein. Ich drehe genau so gern deutsche Low-Budget-Filme, wenn das Projekt stimmt.

      Sie haben etliche Musikvideos gedreht. Vorübung für den ersten Spielfilm?
      Das ist der Plan. Ich habe auch schon Kurzfilme gedreht und habe zwei kleine Filme als Produzent und Hauptdarsteller gemacht. Die Schauspielerei wird sicher meine Leidenschaft bleiben. Aber ich bin nicht der Typ, der Däumchen dreht in der Zeit, in der keine guten Projekte reinkommen.

      Ihre Einschätzung, was das deutsche Kino und den deutschen Fernsehfilm angeht?
      Wir sollten nicht klagen. Es gab viele gute deutsche Kinofilme in den letzten Jahren, „Gegen die Wand“, „Sophie Scholl“ oder „Das Leben der Anderen“. Außerdem gibt es bei uns hervorragende Fernsehfilme. Es wird wohl künftig etwas weniger an Masse gedreht, aber der Qualität muss das keinen Abbruch tun. Es wird schwieriger, gute Rollen zu bekommen, aber das macht es zugleich auch unglaublich spannend.

      Spüren Sie denn die viel zitierte Krise?
      Natürlich. Immer mehr Projekte bekommen keine Finanzierung. Dieses Jahr hätte ich schon zwei Filme mehr gemacht, wenn sie nicht weggebrochen wären. Ich habe das Glück, durch meine ausländischen Filme ausreichend zu tun zu haben. Wenn aber doch alles in die Hose gehen würde, dann würde ich wahrscheinlich meinen Lebensstil ändern und auf einer Klein-kunstbühne stehen. Für mich ist das Spielen das Wichtigste. Wenn es anders wäre, würde ich andere Filme drehen und mich mit den Filmen anders präsentieren. Aber das Drumherum, der Showbiz-Kram ist mir nicht wichtig.

      Trailer. "Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen" mit Ken Duken

      Zur Person:
      Ken Duken, 1979 in Heidelberg geboren, hat nie eine Schauspielschule besucht. Der Sohn der Theaterschauspielerin Christina Loeb ist ein Frühstarter. Bereits mit 20 glänzte er als lebensmüder Rollstuhlfahrer in „Gran Paradiso“. Es folgten „Störtebeker, „Willkommen zuhause“ oder die „Nachtschicht“-Reihe. Duken wurde zwei Mal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

      Das Interview führte Rainer Tittelbach


      Ken Duken überzeugt in "Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen"
      SWR / Interview / Drama
      EA: 29.7.2009, 20.15 Uhr
      Mit Ken Duken, Jevgenij Sitochin, Sophie von Kessel und Sabine Timoteo
      Drehbuch: Till Endemann, Don Bohlinger
      Regie: Till Endemann
      Produktionsfirma: C-Films, Maran Film
      Quote: 3,85 Mio. Zuschauer (15,5% MA)




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