Ein ewiges Muttersöhnchen sucht die Liebe zwischen Mann und Frau. „Die zweite Frau“ erhielt im April den Adolf-Grimme-Preis. Noch einmal ist die kürzlich verstorbene Monica Bleibtreu zu sehen. Matthias Brandt gibt den Zuspätgekommenen. Im Interview gibt er Auskunft über seine "Methode" und seinen besonders kritischen Blick auf seine Arbeit.
Foto: WDR / Kerstin StelterLange sieht Erwin nur die Schönheit der Fische, doch dann erwacht er... Popistasu
Text-Stand: Mai 2009
Erwin Kobarek ist ein ungewöhnlicher Mensch…
Es ist ein Mann um die 40, der noch mit seiner Mutter zusammenlebt und für den sich darüber hinausgehende Kontakte mit Frauen nicht ergeben haben. Er lebt abgeschieden auf dem Land, führt ein isoliertes Leben, und er ist ein Mensch, der nicht besonders geschickt ist in der Kommunikation.
Müssen Sie einen wie Erwin psychologisch verstehen, um ihn spielen zu können?
So eine Figur muss man sich erarbeiten. Je psychologisch stimmiger sie geschrieben ist, desto leichter fällt einem das und desto mehr Fantasie entwickelt man dazu. Danach baut man sich eine Biografie und versucht, sich die Welt der Figur zu erobern.
Wie haben Sie sich diesem seltsamen Menschen genähert?
Diese Figur führt ein Leben, das sich sehr von meinem unterscheidet. Ich habe die Dinge, die Erwin mit 40 noch lernen muss, wie die meisten Menschen zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt erledigt. Doch Lebenswege sind verschieden, Menschen unterschiedlich. Ich wollte mich über Erwin auf keinen Fall lustig machen. Man kann über ihn lachen – das ist auch beabsichtigt, aber ich habe nie auf ihn herabgesehen.
Verläuft diese Annäherung über den Kopf oder eher sinnlich?
Sowohl als auch. Diese sinnliche Erfahrung suche ich im Übrigen ständig. Ich beobachte gerne Menschen. Es ist ein professionell geleiteter Blick aufs Leben. Ich speichere meine Wahrnehmung ständig ab. So habe ich mir einen emotionalen Fundus zugelegt, aus dem ich mich für meine Filme bediene. Im Falle von Erwin Kobarek, der ein Spätpubertierender ist, habe ich eine zeitlang beobachtet, wie sich Jungs verhalten, wie sie sich in der Gruppe geben, oder wie sie Probleme haben, sich zu artikulieren.
Wie wichtig sind bei einem Film über Liebe Sympathie und erotische Anziehung?
Egal, ob es um Liebe geht, natürlich habe ich es lieber, dass ich mein Gegenüber mag. Es ist immer angenehmer, es mit Menschen zu tun zu haben, mit denen man etwas anfangen kann. Wenn man darzustellen hat, dass man von einer Frau angezogen ist, dann ist es schon besser, wenn es eine attraktive Kollegin wie Maria Popistasu ist.
Ist der Grimme-Preis für den Film ein Zeichen?
Es ist momentan ja nicht so leicht für anspruchsvolle, schwierigere Produktionen. Die Öffent-lich-Rechtlichen haben aber eine Verpflichtung zu solchen Filmen und – so simpel es ist – ein solcher Preis ist in dem Sinne eine gute Argumentationshilfe.
Können Sie eigentlich Ihr eigenes Spiel objektiv beurteilen?
Nicht so richtig. Ich mag „Die zweite Frau“ sehr. Ich habe auch das Empfinden, ich bin in dem Film weiter gekommen als in anderen – aber ich habe prinzipiell schon einen sehr kritischen Blick auf die eigene Arbeit. Ich bezweifle, dass ich noch einmal in den Zustand des Genusses kommen werde beim Betrachten meiner eigenen Filme.
Ihre Stärke liegt im Nonverbalen, in Pausen, in Blicken, in Akzentuierung statt Dramatisierung. Fernsehfilm-Drehbücher sind aber oft wortlastig, erklärend…
Das stimmt. Es wird tendenziell zu viel geredet im deutschen Fernsehen. Es wird zu viel verbalisiert. Ich nehme die Welt anders wahr. Ich finde, dass Menschen Dinge nicht immer ausformulieren, alles drei- oder viermal sagen, was in ihnen vorgeht. Und sie sagen es nicht immer sofort. Das ist das, worum es mir geht und das ist das, wofür ich eine adäquate Umsetzung suche: Wie zeigt man das Unausgesprochene?
Herr Brandt, warum drehen Sie eigentlich so viel?
Ich habe mir meinen Beruf immer erobert durch Machen. Ich habe Theater spielen auch so gelernt. Da ich nah an der Vorruhestandsgrenze zum Fernseh- und Filmschauspieler geworden bin, habe ich eine Zeitlang mit Genuss sehr viel gearbeitet. Aber mir macht es tatsächlich Spaß. Ich arbeite gerne, ich bin verspielt.
Gibt es denn überhaupt genügend gute Geschichten?
Es gibt Drehbücher, bei denen ist schon erkennbar, dass daraus nichts werden kann. Diese Projekte macht man tunlichst nicht. Es gibt Bücher, die haben so ein Potenzial, da will man unbedingt dabei sein. Zwischen diesen beiden Polen liegt eine große Grauzone, bei der es in die eine oder andere Richtung gehen kann. Das ist nicht immer so kalkulierbar. Ich mag das ganz gern. Das hat viel mit Chemie zu tun.
Wenn Sie mal nicht drehen, wie verbringen Sie dann Ihre Freizeit?
Ich habe ein ganz normales Alltagsleben mit Frau und Kind. Das ist mir wichtig, da der Schauspielerberuf zur Abgehobenheit provoziert. Das ist gut für mein Wohlbefinden, es tut aber auch dem Beruf gut. Ich nehme mir meine Anregungen für meine Rollen lieber aus dem Leben als aus der Filmwelt als Kopie einer anderen Darstellung.
Sie lieben Fußball, sind Werder-Bremen-Fan. Wie wird man das als Wahlberliner?
Werder-Fan bin ich schon lange. Ich habe mal in Bremen Theater gespielt. In dieser Zeit habe ich mich in diese Mannschaft „verliebt“. Warum, das kann ich nicht erklären. So ist das mit der Liebe. Ich fahre noch heute öfters nach Bremen ins Stadion.
Foto: WDR / Kerstin StelterDer Alltag der Mutter und die Lebenslust der "zweiten Frau" sind nicht kompatibel. Matthias Brandt bekam 2009 für die Darstellung seines Erwin den Grimme-Preis.
Erkennt man Sie da?
Ja, schon. Aber die Leute sind durchgehend nett zu mir. Ich glaube, ich kann vermitteln, dass ich nicht Besonderes bin, nur weil ich ab und zu im Fernsehen zu sehen bin.
Politik scheint nicht so Ihre Sache zu sein. Diesbezüglich sollen Sie Ihrem Vater „eine ziemliche Enttäuschung“ gewesen sein. Ist das Journalisten-Kolportage?
Das ist so ein typisches Stille-Post-Zitat. Ich bin ein sehr politischer Mensch, gerade weil ich in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen bin. Ich habe nur für mich sehr früh entschieden, dass ich mich nicht öffentlich politisch äußern möchte. Denn eine politische Äußerung von mir würde immer nur in einen – ich sag mal – dynastischen familiären Zusammenhang gebracht.
Zur Person:
Matthias Brandt, 1961 als Sohn von Willy und Rut Brandt in Berlin geboren und in Bonn ausgewachsen, spielte sich seit Mitte der 80er Jahre durch die deutsche Theaterlandschaft. Mit seiner Rolle als DDR-Spion Günter Guillaume in „Schatten der Macht“, dem Zweiteiler über seinen Vater, gelang ihm der Durchbruch im Fernsehen. Seitdem gehört der zweifache Grimme-Preisträger zu den präsentesten Schauspielern hierzulande.