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Der neue Film von Matti Geschonneck ist auf den ersten Blick ein Thriller in der "Frau-in-Angst"-Tradition. Doch Hitchcock steht nur sehr indirekt Pate für diesen flirrend atmosphärischen Bilderbogen aus dem etwas anderen Afrika. "So ein Thriller ist ein Jonglieren mit Befindlichkeiten und Vermutungen, ein Gedankenspiel. Bis die Geschichte sich entblättert, immer noch eine Wendung erfährt bis zum Ende, wo ein kleines Fragezeichen bleibt."
Foto: ZDFMit kühlem Blick:
Christiane Paul
Mit Weit-Blick:
Matti Geschonneck
Was hat Sie an der Geschichte gereizt. Solche Bedrohungs-Verschwörungsthriller können ja schnell allzu tricky werden!
Es fängt ja anders an, als man für gewöhnlich einen Film beginnt. Nach einigen Minuten beginnt ein Gespräch, das uns per Rückblende in die nahe Vergangenheit führt, bis wir kurz vor dem Ende wieder gänzlich in die Jetztebene springen. Bei einer solchen Erzählform stellt sich für mich als Regisseur die Frage: Muss ich formale Tricks anwenden, um dem Zuschauer eine Gebrauchsanweisung in die Hand zu geben? Ich habe im Laufe des Drehens immer mehr auf Mittel wie Blenden oder Farbveränderungen, die emotionale Befindlichkeiten spiegeln können, verzichtet. Ich habe mich dafür entschieden, die Szenen und Zeitebenen so miteinander zu verweben, dass man nah bei den Figuren bleibt. Also keine Tricks. Das war für mich die Herausforderung bei diesem geradezu archaischen Verwirrspiel.
Welche Haltung haben Sie dem Stoff und dem Genre gegenüber gefunden?
Ich habe mich gefragt, was mich reizen würde bei so einer Geschichte. Reicht es zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmt? Was hat es mit dem Tod des Ehemanns auf sich? Was steckt hinter dem Überfall? So ein Thriller ist ein Jonglieren mit Befindlichkeiten und Vermutungen, ein Gedankenspiel. Bis die Geschichte sich entblättert, immer noch eine Wendung erfährt bis zum Ende, wo ein kleines Fragezeichen bleibt.
Ist denn die Geschichte überhaupt logisch?
Ich glaube, dass ich jede Frage, die Logik der Geschichte betreffend, beantworten kann. Ich musste die Handlung, die Psychologie, alles genau aufdröseln. Was mich in erster Linie gereizt hat: mit diesen Rätseln und Irritationen zu jonglieren. Aber auch die bedrohte Frau, die Frau in Angst, das ist als Spannungsboden sehr reizvoll. Darüber lässt sich noch viel mehr erzählen: beispielsweise über moderne Beziehungen. Es geht um Gewohnheit, Verantwortungsgefühl, um Sicherheiten, Feigheiten, Ängste.
Also ist „Der Verdacht“ ein Thriller, der in Wahrheit ein Beziehungsfilm ist?
Auf jeden Fall. Für mich ist jeder Film eine Beziehungsgeschichte. Wenn man es auf eine Sinnfrage bringen will, könnte man sagen: Warum trennt man sich nicht einfach, wenn man sich trennen will? Es ist diese Unmöglichkeit zu gehen. Die Menschen müssen – oft – aus verschiedenen Gründen beieinander bleiben, sich quälen und betrügen.
Foto: ZDF / Sandra HoeverWar es Selbstmord oder hat Maja das Auto ihres Mannes manipuliert? Weisse, Paul
Sind Sie ein Freund dieser Klassiker des Genres wie „Mitternachtsspitzen“, „Warte bis es dunkel wird“ oder „Verdacht“ von Hitchcock?
Es gab Zeiten, wo ich das Genre sehr mochte. Während meiner Schulzeit und meines Studiums habe ich viele dieser Klassiker gesehen. Es ist bewunderungswürdig, wie Hitchcock damals mit sehr viel einfacheren Mittel den Suspense erzeugt hat, auch natürlich mit Schockmomenten, aber vor allem mit suggestiven, instinktiven Mitteln. Hitchcock war jetzt für unseren „Verdacht“ nicht das Vorbild, aber natürlich schwingt – gerade bei diesem Genre – unbewusst bei jedem Regisseur die filmklassische Vergangenheit mit.
Sehr viele Auflösungsvarianten gibt es bei so einer Geschichte nicht. Was ergab sich daraus für die „Informationspolitik“?
Maja darf sich nicht verraten. Sie darf nicht alles sagen, was sie weiß. Sie darf aber auch nicht lügen. Für Christiane Paul hieß das: aus der jeweiligen Situation heraus zu spielen und nicht anzudeuten, dass ihre Figur Informationen zurückhält.
Was gibt die Rückblenden-Technik der Geschichte?
Das ist eine Entscheidung, die vom Drehbuchautor Bernd Lange getroffen wurde und für mich eine besondere Herausforderung bedeutete. Es ist ein formales, selten gewordenes Mittel, durch das sich die Zeitebenen verschieben, durch das sich neue Fragezeichen ergeben, neue Kombinationsmöglichkeiten, aber auch Irritationen.
Die Rückblende nimmt der Geschichte aber eine mögliche Option: die vom Wahnsinn der Hauptfigur. Ich kenne jedenfalls keine gelogene Rückblenden-Erzählung im deutschen Fernsehen. Und spätestens seit Hitchcock weiß man, dass das nicht funktioniert. Also kann kein Zuschauer annehmen, dass Maja schizophren ist.
Ich weiß nicht, ob man bei einer linearen Erzählweise geglaubt hätte, dass sie unter Verfolgungswahn leidet und sich die Bedrohung nur einbildet. In der Regel ist es in solchen Thrillern kein Verfolgungswahn. Mit dem Glauben und Nichtglauben ist es bei dieser Art Spiel so eine Sache. Es wird bis zum Schluss ein Verwirrspiel bleiben. Als Macher kann man nie genau wissen, wie der Zuschauer den Film wahrnimmt. Ob die Spannung ausreicht. Wie viele Volten die Handlung verträgt. Ich denke, bei einem herkömmlich erzählten Thriller ist das nicht unbedingt immer leichter einzuschätzen.
Foto: ZDF / Sandra HoeverEin Moment der Nähe. Das entkräftete Paar. Christiane Paul, Hans-Jochen Wagner
„Der Verdacht“ ist kein Hochspannungsthriller. Und dennoch fesselt er. Für mich verweilt die Handlung lange in einem flirrenden, atmosphärischen Schwebezustand. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang für Sie der Schauplatz Afrika?
Ein Film braucht Motive. Und die Landschaft Namibias bot Motive, die sehr beeindruckend waren. Es ist Afrika und auch wieder nicht Afrika. Es ist nicht dieses Palmen- und Gepard-auf-dem-Frühstückstisch-Afrika. Namibia ist ein sehr karges, sehr raues und ein gewaltiges Land, gewaltig in seiner Weite und in seiner Leere. Die Landschaft gibt den Beziehungen der Figuren eine Fremdheit. Ich wollte große Bilder, die ich aber nicht zu groß finde für diese Geschichte in ihrer Wechselwirkung zwischendem großen und dem kleinen Kosmos, der Landschaft und dem Menschen, der Weite und der Enge.
Und was haben Sie sich mit Martin Langer visuell ausgedacht?
Wir haben uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Landschaft begeben. Das ästhetische Konzept hat sich nicht sonderlich unterschieden von meinen anderen Filmen: das Spiel mit der Weite und der Nähe, der Kontrast zwischen Innen und Außen – das wirkt nur in Afrika anders. Wenn ich so einen Himmel, so eine Weite sehe und eine Straße, die durch dieses mächtige „Bild“ führt, bietet sich das als Filmbild an – und zieht dann aber genau so auch Naheinstellungen in räumlicher Beengtheit nach sich.