In "Durch diese Nacht" verarbeitet Rolf Silber die eigenen Erfahrungen nach einer Gehirn-
blutung. Katharina Böhm spielt die Frau, die mit der Krankheit des Ehemanns umgehen muss. Im Interview spricht sie auch über ihre berühmten Eltern, ihren Beruf im Allgemeinen und ihren Karriereweg von "Guldenburgs" bis "Nachtschicht" im Besonderen.
Bei „Durch diese Nacht“ sollen Sie an den Schlaganfall Ihrer Mutter erinnert worden sein. Sind solche Andogg-Momente ans eigene Leben hilfreich für eine Rolle?
Eigentlich nicht zwingend. Es kann auch das Gegenteil der Fall sein. Der Gehirnschlag meiner Mutter verlief im Übrigen völlig anders. Meine Verbindung zum Drehbuch war viel eher Rolf Silbers Schicksal selber. Hilfreich für mich waren vor allem die Gespräche mit seiner Frau.
Ihre Figur lässt sich auf eine Reise ein. In einer Gesellschaft, in denen Beziehungen an seidenen Fäden hängen, Krankheit und Tod ausgeblendet werden, ist das nicht selbstverständlich.
Das stimmt leider. Die Krankenschwester, die Rolf Silber während seiner Krankheit betreut hat, war unsere Beraterin am Set. Sie sagte, es sei unglaublich, wie wenig Menschen zu den Kranken ins Krankenhaus kommen, wenn sie nicht direkt ansprechbar sind. Tod, Krankheit, da will niemand mehr hingucken. So wie Karla ist, das sollte das Normale sein. Eine Frau, die hinguckt und den ‚Kontakt’ zu ihrem Mann sucht.
Wo sehen Sie noch „Wertvolles“ in Ihrer Figur?
Ich konnte mich noch nie gut selbst charakterisieren. Und diese Karla ist ein Teil von mir geworden. Also trifft das auch auf sie zu. Man lebt ja. Während ich lebe, charakterisiere ich mich ja nicht selber. Genau so ist das, wenn ich eine Rolle spiele. Ich bin kein Kopfschauspieler. Was ich spiele, das kommt aus dem Bauch – allerdings schon vor dem Drehen. Das ist nicht nur situationsabhängig. Ich lese ein Buch so oft, bis es in mir drin ist. Und dann – über die Gespräche mit der Regie – entwickelt sich meine Figur. Erstaunliches passiert dann oft noch in der Szene, im Spiel mit dem Partner.
Inwieweit bietet der Schauspielerberuf eine Möglichkeit, bewusster an sein eigenes Leben zu gehen?
Ich habe die Möglichkeit, in verschiedene Situationen zu schlüpfen, in die ich privat nie kommen würde. Der Beruf gibt einem schon viel Futter. Ich hoffe, diese Möglichkeit auch für mich zu nutzen. Allein diese drei Monate, in denen ich mich mit einem Film beschäftige, die werden ja ein Teil von mir. Da bleibt schon Vieles hängen.
Kann man sagen, der Schauspielerberuf ersetzt die Therapie?
Würde ich so nicht unterschreiben. Denn es besteht auch die große Gefahr, dass man sich hinter den Rollen versteckt. Dass man sich mit dem eigenen Ich gar nicht mehr so viel auseinandersetzt. Ich merke, wenn ich zu viel arbeite, bleibe ich auf der Strecke.
Was konnten Sie aus „Durch diese Nacht“ mitnehmen?
Lebe jetzt – und verschiebe nichts auf Morgen!
Andere Filme, die etwas angestubst haben in Ihnen?
Rolf Silber legte mir mal ein anderes Projekt auf den Tisch: „Arbeitszeit ist Lebenszeit“. In diesem Sinne ist es oft mehr das, was hinter der Kamera passiert, was zwischenmenschlich passiert, wenn 30 Menschen sehr intim miteinander arbeiten, was deinen eigenen Erfahrungsschatz bereichert. Man muss sich da oft seelisch nackt ausziehen. Man arbeitet mit Menschen zusammen – und da nimmt man immer was mit.
Kamen Sie bei den Szenen mit Oliver Stokowski nicht in Versuchung, für ihn mitzuspielen, die unerträgliche Leere zu füllen?
Nein, die Aufgabe ist ja gerade, diese Leere hochzuhohlen. Hinzu kam, dass wir und Rolf Silber uns alle schon gut kannten. Dadurch ist dann etwas entstanden, was man – es klingt furchtbar esoterisch – als Gleichklang bezeichnen könnte. Das Grundgefühl hat einfach gestimmt. Es gab also nicht die Versuchung, lauter zu spielen.
Hätten Sie sich den Film nicht auch ein bisschen reduzierter vorstellen können? Weniger Genre, weniger Handlung, mehr Psycho- und mehr Ehedrama?
Das hätte ich mir schon vorstellen können. Aber das wäre für einen Primetime-Fernsehfilm ein extrem schwerer Stoff gewesen. Unsere Tonart hat einen großen Vorteil: Wir können so auch Leute packen, die sonst nie über das Thema nachgedacht hätten. Es geht mir als Schauspieler darum, Leute zu berühren. Mehr Menschen an das Thema des Jetzt-Lebens und des Es-kann-uns-alle-treffen zu führen – das ist ein Gewinn.
War das eine Rolle, die man nach fünf Wochen Drehzeit schwerer ablegt als andere?
Denken Sie an den Leichenschmaus nach einer Beerdigung. Da wird oft viel gelacht. Das macht man aus Schutz für sich selber. Das Leben besteht nicht nur aus Trauer. Ich habe nicht tagelang durchgeweint nach dem Tod meiner Mutter. Ich war verzweifelter denn je in meinem Leben, aber nicht rund um die Uhr. Das hält keine Seele durch. Sonst wird man verrückt. Und das will ich mit dem Beruf doch nicht werden!
Können Sie Ihrem 11-jährigen Sohn vermitteln, dass die Filmwelt nicht nur aus Blitz-lichtgewitter besteht?
Den Teil kennt er gar nicht. Weil ich bei diesen Glamour-Geschichten nicht mitmache. Und er bekommt auch genug von der anderen Seite mit: dass Schauspielerei harte Arbeit ist, ein Ringen mit Rollen. So wie es auch bei mir als Kind war: Ich habe auch erlebt, wie mein Vater komplett abgearbeitet nach Hause kam.
Sie selber sollen – glaubt man den Medien – als Kind unter der Prominenz Ihrer Eltern gelitten haben…
Das wird immer stark überhöht. Meine Mutter hat – was das angeht – immer eine gewisse Normalität angestrebt: normale Schulen, kein Presserummel, ein sehr privates Leben. In der Schule gab es mal kleine Anfeindungen. Das Problem war aber nicht das Prominentsein, sondern dass meine Mutter in anderen Dingen aus der Norm fiel: sie war ein Hippie und wir lebten damals nicht sehr konform mit der Gesellschaft.
War es eigentlich schwierig, von den „Guldenburgs“ zum Qualitätsfilm zu kommen?
Ich bin zunächst den Umweg über das Theater gegangen. Der „Guldenburg“-Produzent hat mich ans Theater geschubst. Die Serie war für mich aber auch schauspielerisch sehr wichtig, weil ich eine Christiane Hörbiger hatte, die mir mit Rat und Kritik zur Seite stand. Das war eine gute Schule. Auch so lange am Stück an einer Rolle zu arbeiten... Ich glaube, so ist das im Leben. Man wächst. Ich habe mich nie wirklich bemühen müssen um den nächsten Schritt. Der kommt – man muss nur offen sein.
Gab es eine Initialzündung?
Der Film, bei dem ich für mich gemerkt habe, dass ich auch anders arbeiten kann, war „Die Nacht der Engel“ von Michael Rowitz. Danach ist dann auch prompt Lars Becker zu mir gekommen. Er hat mir dabei geholfen, mein Spiel zu reduzieren. Ab da drehte sich alles. In dem Moment, wo Becker mich besetzte, öffneten sich neue Türen.
Zur Person:
Katharina Böhm, 1964 in Sorengo / Schweiz geboren, stand bereits mit 12 vor der Kamera. Bekannt wurde sie durch „Das Erbe der Guldenburgs“. Nach Jahren am Theater und durchschnittlichen Filmen war es Lars Becker („Nachtschicht“), der ihr als erster das Charakterfach zutraute.