Stasi, Liebe, realer Sozialismus, Familienserie – wie kann das zusammen gehen? Für Florian Lukas, der in "Weißensee" eine preisverdächtige Leistung hinlegt, kein Problem. "Solange es glaubwürdig ist und so lange man keine groben inhaltlichen Fehler macht, können zeitgeschichtliche Filme ein Denkanstoß sein, um eigene Erinnerungen mit anderen Menschen auszutauschen oder seine eigenen Erfahrungen zu erzählen. Ich sehe in einer Serie wie „Weißensee“ mehr einen Gesprächsanlass als ein historisches verbürgtes Dokument."
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Die Serie versucht, DDR-Geschichte wahrhaftig zu erzählen und zugleich eine reinrassige Familienserie zu sein. Ist das auf den ersten Blick nicht ein Ritt über den – Weißensee?
Wenn man sagt, das ist eine allgemeingültige DDR-Serie, die die größtmögliche Wahrheit über diesen Staat erzählen will, dann begibt man sich tatsächlich auf einen vereisten Weißensee. Ich würde deshalb relativieren wollen. Die Serie ist erst einmal ein Produkt der Unterhaltung mit einem gut recherchierten historischen Background, ohne dabei die Historie als Tapete zu benutzen für eine beliebige Liebesgeschichte. Die Geschichte hat eine ganze Reihe von universellen klassischen Themen und Erzählmustern, aber auch etwas Spezielles, was sie von herkömmlichen Familienserien unterscheidet: das Eindringen des Staates in das Privatleben der Menschen.
Was hat Ihnen an dem Projekt zugesagt? Gab es Bedenken?
Ich bin gelassen und vorurteilsfrei an das Buch der ersten Folge gegangen – und war sofort begeistert. Die Konflikte sind einerseits klassisch erzählt, andererseits sind die Figuren, die Familienkonstellationen und Liebesbeziehungen fein austariert. Außerdem fiel mir auf, dass die Bücher bis ins geografische Detail gut recherchiert sind. Es gab nur Kleinigkeiten, die mir fehlten und die ich später in Gesprächen mit einem ehemaligen Volkspolizisten nachrecherchiert habe. Und mit Friedemann Fromm hat man Regisseur, der genau auch auf das hört, was andere sagen und sehr subtil und sensibel arbeitet. Das reichte aus, um mit einem guten Gefühl zum Casting zu gehen.
Was nahm Sie für die Rolle Ihres Volkspolizisten Martin Kupfer ein?
Es ist ein Mensch, der sich mit einer Reihe von Kompromissen durchs Leben schlagen muss. Dieser Martin ist ein ganz „normaler“ Mensch, der sein Leben leben und ansonsten in Ruhe gelassen werden will. Und er ist ein Mensch, der privat mehr und mehr Verantwortung übernimmt, der sein Weltbild überdenken muss und der eine Entscheidung trifft für eine Frau und für eine Liebe, notfalls gegen seine Familie.
Ein Wort zum Serien-Format…
Ich bin ein großer Serienfan geworden. Ich bin begeistert von den neuen US-Serien, die ja wesentlich komplexer sind. Aber ich gucke Serien nicht nur gern, ich muss auch sagen, „Weißensee“ zu drehen, dreieinhalb Monate am Stück, das war toll. So lange habe ich noch keine Rolle gespielt. Das dann auch noch im historischen Rahmen zu machen, das ist der größte Kick. Ich hatte auch das Gefühl, ich mache keine Serie, sondern einen einzigen Film. Ich denke, wir haben fast unter Kino-Verhältnissen gearbeitet und mussten nicht wie so oft alles wegsparen, was im Drehbuch steht.
Ich würde mal als Laie behaupten: eine Serie wie „Weißensee“ psychologisch stimmig zu drehen, dürfte mit das Schwierigste für einen Schauspieler sein. Die Anzahl der Beziehungen sind überschaubar. Das bringt mit sich, dass der Zuschauer jeden emotionalen „Fehler“ merken würde. Andererseits muss der Schauspieler ständig beachten, wo er und das Gegenüber sich momentan in der Geschichte emotional befinden. Ich stelle mir die Arbeit sehr viel schwerer vor als bei einem Einzelstück.
Das auf jeden Fall. Ich musste mir Diagramme zeichnen, ich musste mir aufmalen, wer in welchen Beziehungen steht. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich einzufinden. Wir haben auch eine Zeitlang mit Leseproben verbracht. Aber dadurch, dass Jahreszeiten vergehen innerhalb der sechs Folgen, haben wir verhältnismäßig chronologisch drehen können. Das hat die Sache etwas einfacher gemacht. Nach zwei, drei Wochen war ich eingespielt und dann lebte ich plötzlich in der Rolle und hatte auch die Entwicklung der Figur und die Konstellationen genau im Kopf. Außerdem war da auch immer noch Friedemann Fromm, ein Regisseur, der immer die Ruhe bewahrt.
Es heißt immer: die Verantwortung bei historischen Filmen sei größer als bei einer Fiktion aus der Gegenwart. Sehen Sie das für „Weißensee“ auch so?
Ja, weil die Mehrheit der Zuschauer nichts von dem, was wir in der Serie zeigen, aus der persönlichen Erfahrung oder eigenen Erinnerung kennen. Deshalb auch meine Gespräche mit einem ehemaligen Volkspolizisten. Da gibt es schon so etwas wie Verantwortung dem Berufsstand gegenüber.
Aber auch ein historischer Film bleibt Fiktion?
Klar, auch deshalb, weil Vergangenheit immer erinnerte Vergangenheit ist. In der Erinnerung verflüchtigt sich Vieles oder wird angereichert mit nachträglichem Wissen. Und genau das passiert auch bei einer Serie wie „Weißensee“. Aber viele Zuschauer vergessen schnell, dass es ein fiktionaler Stoff ist, sie wollen ihn als den wahren Film über die DDR sehen. Ich bin immer vorsichtig, wenn man eine Filmgeschichte als Schulwissen verkaufen will. Solange es glaubwürdig ist und so lange man keine groben inhaltlichen Fehler macht, können zeitgeschichtliche Filme ein Denkanstoß sein, um eigene Erinnerungen mit anderen Menschen auszutauschen oder seine eigenen Erfahrungen zu erzählen. Ich sehe in einer Serie wie „Weißensee“ mehr einen Gesprächsanlass als ein historisches verbürgtes Dokument.
Wird man Sie jetzt nach „Weißensee“ öfters im Hauptabendprogramm sehen, als Gast-Rolle im „Tatort“ oder „Polizeiruf“?
Die Angebote gibt es und gab es schon immer, aber solche Rolle sind in der Regel für mich nicht attraktiv. Eine Klasse-Rolle habe ich gleich zweimal in Lars Beckers „Nachtschicht“ gespielt. Das Krimi-Genre an sich steht bei mir nicht so weit oben. Ich gucke und lese auch selber keine Krimis. Dieses Rätselraten liegt mir nicht. Ich mache auch keine Kreuzworträtsel. Ich verstehe diesen Krimi-Boom auch nicht so ganz.
Herr Lukas, verraten Sie mir doch bitte zum Schluss das Geheimnis Ihrer makellosen Filmographie?
Ich mag mich nicht gerne langweilen. Das ist der Antrieb für die Auswahl meiner Rollen. Ich schäme mich am meisten dafür, wenn ich das Gefühl habe, ich langweile die Leute mit einem Film oder einer Szene. Außerdem fällt es mir leicht, nein zu sagen. Das ist aber auch fast die einzige Möglichkeit, die ein Schauspieler als Einflussnahme besitzt.