• Fernsehfilm „Ein Dorf schweigt“

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      Foto: SWR / Felix Cramer

      Ein extrem guter Fiktion-Monat. Mai-Highlights auf einen Blick

      3sat, 19.11.2009, 20:15 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 4,0 von 6

      Vertriebenendrama: Die Denunzianten sind unter uns und Katharina Böhm glänzt!

      Rainer Tittelbach
      Die Integration von acht Millionen Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kommend, in den drei Westzonen eine neue Heimat fanden, war bislang selten Thema in Fernsehfilmen. "Ein Dorf schweigt" reflektiert das kollektive Bewusstsein Deutschlands zur „Stunde Null“. Die Historie generiert sich hier ganz aus dem Alltag der Menschen.

      Von Flucht und Vertreibung wurde oft berichtet, in den letzten Jahren auch immer wieder in fiktionaler Form erzählt. Die Integration von acht Millionen Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kommend, in den drei Westzonen eine neue Heimat fanden, war bislang selten Thema in Fernsehfilmen. Zwischen 1945 und 1950 galt es, 13,7 Mio. Haushalte auf 8,2 Mio. Wohnungen zu verteilen. Kein leichtes Unterfangen, da die Menschen, die von einem auf den anderen Tag ihre Heimat und all ihr Hab und Gut verloren hatten, nicht gerade herzlich im neuen Deutschland begrüßt wurden. Insbesondere die Landbevölkerung, die am wenigsten unter dem Krieg leiden musste, wollte nicht teilen.

      „Ein Dorf schweigt“ handelt von einer solchen Vertriebenen-Geschichte. Frühjahr 1945, die aus Schlesien geflohene Johanna (Katharina Böhm) strandet mit ihren beiden Kindern und dem elternlosen Heinz (Frederick Lau) in einem hessischen Dorf. Eigentlich sollen sie beim Pfarrer (Uwe Kockisch) eine Heimstatt finden, doch der weist sie ab. Erst später versteht man, warum. Der Bürgermeister bringt die vier vorübergehend bei seiner Schwester Gisela (Inka Friedrich) unter, die gerade ihren Sohn durch einen Blindgänger verloren hat. Nur zaghaft kommen sich die beiden Frauen näher. Als dann Giselas Ehemann (Stephan Kampwirth) überraschend aus dem Krieg heimkehrt, hängt der Haussegen sofort wieder völlig schief, da sich die (Nach-)Kriegsleid erfahrene Johanna mit ihm besser versteht als die eigene Frau, die seit Jahren nicht aus ihrem Dorf herausgekommen ist. Gisela denunziert ihre Mitbewohnerin. Jetzt nimmt sie der Pfarrer mit offenen Armen auf…

      Was anfangs fast wie ein erzählter Erfahrungsbericht wirkt, mündet nach und nach in ein klug konstruiertes Drama, dessen Geschehen bis in die letzten Kriegstage zurückreicht. Es ist ein Film über die so genannte „Stunde Null“, die alles andere als eine Stunde Null war. Die nationalsozialistische Vergangenheit ließ sich nicht mit einem Schlag wegwischen. „Die Mörder sind unter uns“, hieß nicht ohne Grund der erste deutsche Nachkriegsfilm. Dass Täter und Opfer Haustür an Haustür wohnten und dass auch das von den Nazis kultivierte Denunziantentum und der Fremdenhass fröhlich nach Kriegsende weiterlebten – das muss auch die Heldin von „Ein Dorf schweigt“ feststellen.

      Dem Film gelingt es, anhand exemplarischer Einzelschicksale den historischen Horizont jener Wochen und Monate zu erhellen. Henriette Piper und Martin Enlen zeigen eine politische Situation anhand eines überschaubaren Mikrokosmos', ohne dabei den historischen Tatbestand nur zu bebildern. Die Geschichte stimmt in ihren Details, sie generiert sich aus dem Alltäglichen, sie beobachtet, anstatt zu erklären. Nach und nach schälen sich die historischen Geheimnisse aus der Struktur der Geschichte. Kein allwissender Erzähler erhebt hier den Zeigefinger, das kollektive Nachkriegsbewusstsein, das in überragenden Darstellern (allen voran Katharina Böhm als pragmatische „Macherin“ und Inka Friedrich als das personifizierte schlechte Gewissen der schuldigen Nation) ihren Ausdruck findet, legt sich quasi selbst auf die Couch. Eine Geschichtsstunde ohne das falsche Pathos eines Event-Movies, wie man sie sich öfters wünschen würde.


      „Ein Dorf schweigt“
      ZDF / Fernsehfilm / Zeitgeschichtliches Drama
      EA: 9.4.2009, 21 Uhr
      Mit Katharina Böhm, Uwe Kockisch, Inka Friedrich, Frederick Lau und Stephan Kampwirth
      Drehbuch: Henriette Piper
      Regie: Martin Enlen
      Produktionsfirma: MedienKontor
      Quote: 4,10 Mio. Zuschauer




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