Väter – Denn sie wissen nicht, was sich tut
    • Fernsehfilm „Väter – Denn sie wissen nicht, was sich tut“

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      ARD, 18.06.2010, 23:25 Uhr - Wiederholung

      Der Kopf-Schauspieler und die Rampensau: Edgar Selge und Armin Rohde

      Rainer Tittelbach
      Der eine verkauft Stoffe mit Leib und Seele. Der andere muss im Park den Müll aufsammeln. Beide waren mal Freunde und beide haben Probleme. Das größte heißt Anton und ist der 19-jährige Sohn des einen, der einst von seiner Frau verlassen wurde, um sich mit dem anderen ins Abenteuer zu stürzen. Kluge Unterhaltung mit Zeitgeist-Bezug & 1-A-Mimen

      Der eine verkauft Stoffe mit Leib und Seele. Der andere muss vorübergehend im Park den Müll aufsammeln. Beide waren mal Freunde und haben Probleme. Das größte heißt Anton und ist der 19-jährige leibliche Sohn von Ingo, dem Feingeist, der einst von seiner Frau verlassen wurde, weil sie sich lieber mit dem gemeinsamen Freund Walter ins Abenteuer stürzen wollte. Mittlerweile ist auch diese Beziehung gescheitert, die von allen begehrte Frau über alle Berge und Ingo und Walter müssen ihren Kontakt wieder aufnehmen. Zum Wohle von Anton. Denn der junge Mann gibt Vater wie Stiefvater Anlass zur Sorge. Tagelang verlässt er sein Schlafgemach mit freiem Blick auf den Fernseher nur für den Pizza-Boten und den Gang zur Toilette. Nur die hübsche Nachbarin holt ihn für Minuten aus der Lethargie (Filmausschnitt).

      Erziehungsmaßnahmen also sind gefragt. Über deren Durchschlagskraft gibt der Titel Auskunft: „Väter – denn sie wissen nicht, was sich tut“. Ob psychologisch motivierender Schmusekurs oder rabiat fordernder Dauerdruck – Anton lässt sich durch nichts aus der Lethargie reißen. Lieber klopft er sinnige Sprüche über die Unsinnigkeit der Welt und des menschlichen Handelns. Dass er dabei unbewusst seinen beiden „Erziehern“ den Spiegel vorhält, bemerken die sich redlich Mühenden die ganzen 90 Filmminuten nicht. Und das ist durchaus zum Wohle des Zuschauers. Selten sah man zuletzt im Fernsehen zwei so stimmige, schräge Figuren, die in keine Schublade zu stecken sind und immer wieder aus der Rolle fallen. Da ist der durch die enttäuschte Liebe sexuell völlig verkorkste Ingo, ein ewiger Problematisierer, der sein Glück bei gepflegten Single-Treffs sucht, bis er eines Tages entscheidet: „Das Frauenthema ist für mich abgehakt.“ Ihm gegenüber steht Walter, der geborene Bagatellisierer, der mit Krawatte zum Hilfsjob im Stadtpark antritt, um sich einen Rest Würde zu bewahren und der das Gute will, aber das Falsche tut. Das ungleiche Paar eignet sich bestens zur Lachnummer, in Sachen Erziehung ist es ein inkompetentes Team.

      Der große Unterhaltungswert dieser TV-Satire hat viele Väter. Starke Charaktere, Ironie und geistreiche Dialoge, das steuerten die Autoren Volker Einrauch und Lothar Kurzawa bei. Hermine Huntgeburth stellt einmal mehr unter Beweis, dass sie eine der besten Schauspieler-Regisseure hierzulande ist. Und die Schauspieler danken es ihr. Edgar Selge, dem breiten Publikum bekannt durch seinen eigenwilligen TV-Kommissar Tauber, macht seinem Ruf alle Ehre: ein komplizierter Mensch, der am besten ist, wenn er komplizierte Menschen darstellt. „Angst ist ein Gefühl, das ich ganz gut abrufen kann“, sagt der Schauspieler, der zwei Jahre hintereinander den Grimme-Preis gewann. In „Väter“ darf er es immer wieder tun, auch wenn sich die Seelenpein mitunter in eine komische Miniatur von fast Loriotscher Sprachakrobatik ausläuft. Über seine Generation sagt der 59-Jährige: „Sie hat sich die Ehrlichkeit als Dogma erwählt.“ Sein Ingo ist da keine Ausnahme. Die autistische Verweigerung von Kommunikation, wie ihn dessen Sohn praktiziert, macht ihm Angst.

      Gegenstück zu dem intellektuellen Kopf-Schauspieler Selge ist sein Filmpartner Armin Rohde: die vom Bauch und der clownesken Darstellung gesteuerte Rampensau. „Ich habe höllischen Spaß daran, die Leute zu unterhalten“, betont Rhode, der endlich mal wieder in einer nicht ganz so versöhnlichen Komödie wie zuletzt in „Vater Undercover“ dem Affen Zucker geben darf. Sein Walter bringt den etwas derberen Witz in die wunderbar leichtfüßige Satire und kurbelt die Situationskomik an. Viel vererbtes Talent gibt es bei Anton-Darsteller Robert Gwisdek (23) zu entdecken: der Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek spielt den gelangweilten Couch-Potatoe mit provozierender Trockenheit, die sich ideal einpasst in den lakonischen Stil dieses intelligent unterhaltenden TV-Vergnügens. (Text-Stand: 8.6.2007)

      Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr


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      „Väter – Denn sie wissen nicht, was sich tut“
      NDR, Arte / Fernsehfilm / Komödie
      EA: 8.6.2007, 21 Uhr (Arte)
      Mit Edgar Selge, Armin Rohde, Robert Gwisdek und Sidonie von Krosigk, Ulrike Krumbiegel und Barbara Nüsse
      Drehbuch: Volker Einrauch, Lothar Kurzawa
      Regie: Hermine Huntgeburth
      Produktionsfirma: Josefine Filmproduktion


      Bewertung: 5,0 von 6


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