Die Hinterbliebenen erben die durch eine "Schrott-Immobilie" entstandenen Schulden. Für die Heldin von "Über den Tod hinaus" heißt es: entweder untergehen oder kämpfen. Sie entscheidet sich fürs Kämpfen. Wirkungsvoll von Andreas Senn inszenierte Erin-
Brockovich-Mär, die nicht den Boden des weitgehend realistischen Szenarios verlässt.
Elke ist Hausfrau, ihr Mann Harald ist Busfahrer. Gemeinsam leben sie mit Elkes Mutter und zwei Kindern im eigenen Häuschen am Stadtrand von Berlin. Durch den Selbstmord der Schwester werden sie aus ihrem Familienalltag jäh herausgerissen. Nur die Mutter wusste von deren Problemen mit einer völlig überteuerten Eigentumswohnung, mit der sich die allein stehende Tochter finanziell übernommen hatte. Der Anwalt rät, das Erbe auszuschlagen. Das aber ist ausgeschlossen. Grund: die Mutter hat in den Kaufvertrag der Schwester eine Bürgschaft auf ihr eigenes Haus einschreiben lassen. Im Klartext: die 150.000 Euro Schulden gehen auf die Hinterbliebenen über. Können sie nicht zahlen, ist ihr Haus weg.
„Über den Tod hinaus“ schafft klare Verhältnisse: Entweder kämpfen oder untergehen. Elke entscheidet sich fürs Kämpfen, auch wenn der Anwalt weiß: „Das ist ein Kampf gegen Windmühlen – den können sie nicht gewinnen.“ So häufig diese David-gegen-Goliath-Dramaturgie auch schon benutzt wurde und so sehr der Film vom bewährten Erin-Brocko-vich-Touch lebt – dramaturgisch ist alles äußerst clever gemacht in diesem Drama, das auf Krimisohlen hoch spannend daher geschlichen kommt. Da wird nichts ausgelassen, um den Affekthaushalt des Zuschauers zu beleben. Dabei wird der Boden des weitgehend realistischen Szenarios nicht verlassen.
Das Thema „Schrott-Immobilien“, das in den neuen Ländern Mitte der 90er Jahre übel Furore machte, wird hier sehr wirkungsvoll in eine Fernsehfilmgeschichte verpackt. Da gibt es den charismatischen „Oberscheißkerl“, nonchalant und mit allerhand Grautönen von Thomas Sarbacher gespielt, und es gibt die armen Schweine: die, denen eine vermeintliche Geldanlage ihr Leben zerstört hat, und die, die sich mit windigen Geschäften aus der finanziellen Misere heraustricksen wollen, wie jener von Jürgen Tonkel großartig verkörperte Schuppeck. Elke, von Silke Bodenbender bodenständig gespielt, macht es anders: Sie bricht aus der Masse der gesichtslosen Opfer aus. Sie begibt sich hinein in das betrügerische System, das eine Immobilienfirma mit Hilfe einer Bank ausgeklügelt hat, um es von innen zu bekämpfen und es mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Sie sucht Geschädigte und macht sich selbst als Immobilien-„Drücker“ an die Arbeit.
„Über den Tod hinaus“ ist ein Film, an dem es wenig auszusetzen gibt: ein guter Stoff, eine klare, aber nie simple Dramaturgie, eine Hauptfigur, die einen mitnimmt in eine aufregende Geschichte und eine bis in die kleinsten Nebenrollen überzeugende Besetzung. Aber auch die Regie ist es, die den kleinen Unterschied ausmacht zu anderen Filmen, die nicht so sorgfältig gearbeitet sind: Auch wenn Andreas Senn in diesem Krimidrama im Gegensatz zu „Lilys Geheimnis“ oder „Willkommen zuhause“ ästhetisch einen Gang zurückschaltet und dem Film eher eine Spur Alltäglichkeit verleiht, so findet er im Detail immer wieder optische Lösungen, die dem Film eine stimmige Oberflächendichte geben. Dem lockeren Familienalltag im ersten Bild folgt im zweiten der morgendliche Fertigmachstress: die noch zugezogenen Vorhänge machen die Szene seltsam düster. Im dritten Bild wird das visuell Vorweggenommene von der Handlung eingeholt. Die Schwester liegt auf dem Bett, der Bildausschnitt zeigt nur die Beine, auf dem Boden liegen Tabletten. Ein einziges Bild. Das ist eine Inszenierungskunst, die seltener wird im deutschen Fernsehen.