Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
„Wer liebt, lässt los“ erzählt von einem Ski-Unglück, welches das Leben mehrerer Menschen entscheidend verändert. Es ist nicht leicht, eine Nahtod-Erfahrung sichtbar zu machen, wenn man religiösen Kitsch oder filmische Klischees vermeiden will. Regisseurin Judith Kennel, bekannt durch die ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“, verlässt sich auf die Kraft der Dialoge, aber auch auf das beredte Schweigen der verunglückten Snowboarderin, die der Held zur Lichtgestalt stilisiert. Stimmiges Buch, glaubwürdige Schauspieler, tiefe Gefühle!
Foto: ZDF / Maria KrumwiedeNach dem Skiunfall ist nichts mehr, wie es war... Pasquale Aleardi & Ursula Karven.
Ob in Innen- oder Außenszenen – "Wer liebt, lässt los" sucht über die Präzision, die sich durch alle Gewerke zieht, nach einer Klarheit der Gefühle. Die Geschichte ist sehr viel "aufgeklärter" und eigensinniger als andere Filme des Genres, die nicht aus dem Gefängnis der Hollywood-Liebesmythologie ausbrechen – und so oft kitschig geraten. Dieses ZDF-Melodram dagegen entlässt die Liebe in höhere Sphären... tit.
Die Handlung klingt nach einem (Kitsch-)Melodram erster Güte, aber Drehbuch und Regie sind ausgesprochen behutsam mit dem Stoff umgegangen. Auch die Schauspieler haben einen großen Anteil daran, dass die Geschichte zwar berührt, aber nie penetrant auf die Tränendrüse drückt. Dabei lässt schon der Titel das Schlimmste erwarten. „Wer liebt, lässt los“: Das klingt nach Abschied für immer. Aber es kommt ganz anders in diesem ZDF-Sonntagsfilm.
Der Film beginnt mit einer familiären Idylle: Sportjournalist Stephan (Pasquale Aleardi) und Lichtdesignerin Luise (Ursula Karven) führen eine vorbildliche Ehe. Anstrengend ist allein der pubertierende Sohn, Johnny (Markus Quentin), ansonsten aber ist am Vorabend von Stephans alljährlichem Skiausflug mit seinen Freunden alles in bester Ordnung. Als Stephan in den Schweizer Bergen einer verunglückten Snowboarderin zu Hilfe kommen will, ändert sich sein Leben schlagartig: Er stürzt ab und fällt ins Koma. Als er endlich wieder erwacht, ist er ein Anderer geworden. Auch wenn er und die Frau nur wenige Momente gemeinsam verbracht haben: Dieses extreme Erlebnis war von einer derartigen Intensität, dass es die beiden Menschen stärker zusammengeschweißt hat als die 14 Jahre Ehe mit Luise.
Foto: ZDF / Maria KrumwiedeDie Nahtod-Erfahrung hat ein neues Paar erschaffen. Aleardi, Hecke & Karven.
Die Suche nach der verlorenen Zeit. Kein Bild ist zufällig, kein Blick, keine Träne nur vordergründig von Bedeutung. Die stillen Momentaufnahmen der Beziehung werden auf die Bildebene verlängert und geben diesem Film einen Atem, der tiefer geht als die klassische (Spannungs-)Dramaturgie, die nur fragt: Kriegt sie ihn wieder oder nicht? Auch die Musik stört in "Wer liebt, lässt los" nicht im Gegensatz zu anderen Gefühls(melo)dramen. Sie untermalt den Fluss der seelischen Stimmunglagen... tit.
Es ist nicht leicht, eine Nahtod-Erfahrung sichtbar zu machen, wenn man religiösen Kitsch oder filmische Klischees vermeiden will. Regisseurin Judith Kennel, bekannt durch die ausschließlich von ihr inszenierte ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“, verlässt sich auf die Kraft der Dialoge. Stephan stilisiert die Frau zur Lichtgestalt. Ganz entscheidend für das Verständnis seiner Liebe ist daher die Figur des Krankenhausseelsorgers, den Marcus Mittermeier mit angemessenem Ernst und einer gewissen Beharrlichkeit versieht. Er fungiert quasi als Vermittler zwischen der abstrakten Position Stephans und Luises nachvollziehbarem Wechselbad der Gefühle aus Verwirrung, Empörung und Verzweiflung: Erst bangt sie um das Leben ihres Mannes, dann muss sie ausgerechnet in der Phase der Erleichterung einen weiteren Schicksalsschlag verkraften. Ähnlich wichtig für die dramaturgische Balance des Films ist Gaby Dohm als Stephans resolute Mutter. Sie ist der pragmatische Gegenentwurf zum Seelsorger, der naturgemäß offen für spirituelle Erfahrungen ist.
Sämtliche Darsteller spielen ihre Rollen mit großer Glaubwürdigkeit, was ganz entscheidend dazu beiträgt, dass man bereit ist, der Geschichte zu folgen. Klug war es zudem, Patrizia (Christina Hecke), die neue Frau in Stephans Leben, konsequent als Randfigur praktisch ohne Dialog zu inszenieren; wie soll man auch eine Lichtgestalt verkörpern? Details wie die Uhr, die Stephan einst vom verstorbenen Vater geerbt hat und die er schließlich als Metapher für sein altes Leben Luise überlässt, tragen ebenfalls dazu bei, das Schicksal aller Beteiligten nachvollziehbar zu gestalten. Handlungsergänzungen wie Luises Ärger am Arbeitsplatz oder die Probleme mit Johnny sorgen außerdem immer wieder für realistische Anknüpfungspunkte. Ein ungewöhnlicher Stoff und ein gerade für diesen Sendeplatz ungewöhnlicher Film, der es seinem Publikum nicht leicht machen will. (Text-Stand: 20.1.2013)
Foto: ZDF / Maria KrumwiedeGespräch mit guter Aussicht. Karven & Marcus Mittermeier als Klinikseelsorger.
Der Film besitzt eine glasklare Optik und Einstellungen von betörender Schönheit, aus denen Regisseurin Judith Kennel, Kamerafrau Nathalie Wiedemann und Cutter Jan Henrik Pusch stimmungsvolle Panoramen werden lassen, die das 16:9-Format "sinnvoll" ausfüllen. Wir brauchen mehr von solchen intensiven "Gefühlsfilmen". tit.
Tilmann P. Gangloff ist seit 1985 freiberuflicher Fernseh- und Filmkritiker für Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit 1990 regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis sowie Mitglied diverser anderer Fernsehpreisjurys.