Zieglerfilm präsentiert die Ausnahme-Serie vorab auf DVD
Christiane Hörbiger spielt in der tragikomischen Kriminalkomödie „Meine Schwester“ eine Wiener Filmtrödelladenbesitzerin. Die Schauspielerin musste die Grande Dame an ihre Schwester Maresa Hörbiger – und damit auch die besten Dialoge – abtreten. Einbildungskraft und eine höhere Gerechtigkeit ersetzen kriminalistische Logik und eine rechtsstaatliche Lösung. Das lässt man sich gern gefallen innerhalb des nostalgischen Erzählrahmens dieses Schauspielerfilms, der etwas Herzerwärmendes besitzt und gediegen doppelbödig ist.
Foto: ORF / Degeto / RothChristiane muss in "Meine Schwester" etwas von ihrem Rollen-Image an Maresa Hörbiger abgeben. Die beiden standen zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera. Und es ist außerdem die erste Regiearbeit von Christianes Sohn Sascha Bigler.
Die Wienerin Katharina Wallner wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Völlig antiquiert ist auch ihr Souvenirladen, in dem sie Schauspieler-Devotonalien aus goldenen Tagen des österreichischen Films verkauft. Zwar hat sie einst ein Mietrecht auf Lebenszeit zugesichert bekommen, doch der neue Hausbesitzer will die alte Dame loswerden. Zunächst macht er ihr ein großzügiges Angebot. Vergeblich. Dann setzt er seinen kriminellen Hausmeister auf die Wallner an. Dessen bösartige Schikanen haben erst ein Ende, als der Hausbesitzer eines Morgens tot im Treppenhaus liegt. Ausgerechnet einen Tag nach dem Auftauchen von Hannah, Katharina Wallners Schwester, zu der sie über 40 Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Hat die egozentrische Frau, die zum Sterben nach Wien gekommen ist, mal eben Schicksal gespielt und der etwas weltfremden Schwester unter die Arme gegriffen? Katharina ist sich ziemlich sicher. Schließlich hat der Hausmeister die Brosche ihrer Schwester neben der Leiche gefunden. Die Lage wird ernst. Die Polizei ermittelt, und der Hausmeister erpresst Katharina. Und ob es gut ist, dass sich Hannah ausgerechnet in den verwitweten Kommissar verliebt…
Foto: ORF / Degeto / RothSchikanen unter der Gürtellinie. Der Hausbesitzer will die alte Dame rausekeln...
Wie die Heldin und ihr Trödelladen so setzt auch der Film „Meine Schwester“ auf die Vergangenheit. Im Schulterschluss mit Christiane und Maresa Hörbiger, den beiden österreichischen Schauspielerinstitutionen, die noch nie zusammen in einem Film zu sehen waren, wird das Aus-der-Mode-Gekommene zur Trumpfkarte. Nostalgie, Melancholie und Kammerspielflair bestimmen die Tonlage dieser Kriminalkomödie, den Christiane Hörbigers Sohn Sascha Bigler mit Blick für Ausstattung und Schauspielergesichter in Szene setzte. Einbildungskraft und eine höhere Gerechtigkeit ersetzen kriminalistische Logik und eine rechtsstaatliche Lösung. In diesem altmodischen Rahmen der Erzählung, hübsch ausstaffiert mit Ausschnitten aus Hans-Moser-Filmen und einem angenehm angejazzten Soundtrack, akzeptiert man nicht nur den Einfallsreichtum eines schwermütigen Kommissars, der seinen Job hasst und Frau Wallner mag, sondern auch den überraschenden Clou der Geschichte.
Gelungen ist auch das Spiel mit den Rollen-Images der beiden Hörbiger-Schwestern. Christiane, deren Katharina bisweilen etwas naiv Hascherlhaftes an den Tag legt, musste die Grande Dame abtreten an Maresa. Ihre mondäne Heimkehrerin, die am liebsten trinkt und raucht, ihrer Schwester über den Mund fährt und sie klein macht, bekam so die besten Dialoge des Films ins Textbuch geschrieben. „Die Stimmung hier treibt mich in den Freitod“, klagt die Dame oder sie stichelt gegen die Schwester: „aufgedreht wie eine Klosterschülerin nach dem ersten Zungenkuss.“ Fazit: ein Schauspielerfilm, der nicht nur herzerwärmend das Gestern feiert, sondern auch gediegene Doppelbödigkeit besitzt. (Text-Stand: 12.1.2012)
Foto: ORF / Degeto / RothKlug ist es nicht, dass sich Katharina in den Kommissar (August Zirner) verguckt.
Rainer Tittelbach arbeitet seit über 25 Jahren als TV-Kritiker & Medienjournalist. Er ist Grimme-Juror & FSF-Prüfer. Seit 2009 betreibt er tittelbach.tv. Mehr
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