Charly Hübner hat sich vom Mann für alle Nebenrollen, vom Kumpeltyp mit sozialer Bodenhaftung, in die erste Reihe gespielt: Er ist der neue „Polizeiruf“-Kommissar des NDR in Rostock. Sogar mit „Oscar“-Preisträgern hat der 37-jährige Schauspieler gedreht, der zwar 1,92m groß ist, aber der lange Zeit die Darstellung des kleinen Mannes bevorzugte.
Text-Stand: 20.11.2009
Der zweite Karrieresprung
Jahrelang war er der Darsteller der „kleinen Leute“. Wenn irgendwo ein guter Freund oder einer, der unter der Last des Alltags schwitzte, gesucht wurde: Charly Hübner war zur Stelle. Er gab vielen Filmen die soziale Bodenhaftung. Sein Terminkalender war prall gefüllt, aber man musste schon genau hingucken, wenn man als Zuschauer wissen wollte, wie dieser Knabe heißt. In der Programmzeitschrift war sein Name selten aufgeführt. Er war nicht nur ein Mann für die kleinen Leute, sondern auch für die kleineren Rollen. Das änderte sich mit seinem Oberfeldwebel Udo Leye aus dem „Oscar“-gekrönten Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“. Es war auch eher eine Mini-Rolle, dafür kernig und mit Humor. „Damals merkte ich richtig, wie ich aus der Versenkung auftauchte“, erinnert sich der Schauspieler heute.
Foto: NDR"Einer von uns" heißt
der erste "Polizeiruf":
Charly Hübner
In bester Gesellschaft: Charly Hübner: "Im Schwitzkasten"
Charly Hübner ist 1972 in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Die Wendejahre waren zugleich die Jahre seines Aufbruchs ins Leben. Seine Eltern waren Gastronomen, führten einen angesehenen Hotelbetrieb. Nach dem Abitur schaute er sich aber lieber am Landestheater seiner Heimatstadt um, als Büffets, Partys oder Volksfeste zu organisieren. „Ich wollte es unbedingt mit der Schauspielerei versuchen“, so Hübner. „Ein Freund gab mir den Rat: erst Laientheater, dann Schauspielschule, dann Profitheater und dann könne ich Film und Fernsehen machen.“ Und genau so ist Carsten Johannes Marcus Hübner dann auch die Sache angegangen: Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Maxim-Gorki-Theater, Schaubühne, erste Fernsehrolle im „Tatort“ (2003), wenig später der erste Kinofilm „Männer wie wir“. Jetzt sind fast 20 Jahre rum. Und der zweite Karrieresprung steht kurz bevor: Unlängst stand der 37-Jährige zum ersten Mal vor der Kamera als Hauptkommissar Alexander Bukow im neuen „Polizeiruf“-Team aus Mecklenburg-Vorpommern.
Groß und klein
1,92 Meter ist der Schauspieler groß. Auf dem Bildschirm kommt er zumeist nicht so hünenhaft rüber. In „Das Leben der Anderen“ sitzt er als Nachtvertretung von Ulrich Mühes Stasi-Offizier vor seinen Apparaturen und amüsiert sich über das, was er zum Abhören bekommt. Technik als Gegenüber, der man sich hauptsächlich im Sitzen stellt, spielte auch in der RTL-Serie „Post Mortem“ eine Rolle. In dem Fernsehfilm „Einer bleibt sitzen“ spielte er, wie der Titel andeutet, einen Mann im Rollstuhl, der durch einen Gruppen-Workshop mit anderen Leidensgenossen wieder neuen Lebensmut bekommen will. Auch in der köstlichen Tragikomödie „Im Schwitzkasten“ musste sich Hübner gelegentlich klein machen. Schließlich ging es in dem Film um die Betreiber und „Insassen“ einer Berliner Kleinsauna.
Foto: SWRCharly Hübner als bestechlicher Polizist im "Tatort: In eigener Sache" mit Felix Klare
Den kleinen Leuten mit ihren Aufstiegsträumen und Abstiegsängsten leiht Charly Hübner in seinen Filmen immer wieder sein Gesicht. „Diese Welt kenne ich“, sagt Hübner. „Ich komme aus einem Arbeiterwohnviertel und bin in einer Eigenheimsiedlung groß geworden.“ Und so sprach anfangs nichts dagegen, dass er Kleinbürger-Rollen gerne annahm. „Das, was man kennt, kann man auch am schnellsten imitieren“, betont Hübner. Das gilt auch für die Sprachfärbung. Die norddeutsche Art schwingt häufig mit in seinen Rollen. „Nach und nach bin ich mit der Mundart ‚vornehmer’ geworden“, sagt Hübner mit einem ironischen Lächeln, das genauso zurückhaltend ist wie sein Auftreten. Er ist sichtlich erfreut über diese Tendenz: „Wenn man den zwölften Wirt in einem Jahr angeboten bekommt, ist das nicht so toll.“
Kleinkrimineller wird Kommissar
Hübners „Polizeiruf“-Kommissar ist auch als bodenständige Figur angelegt. Gesetzeshüter Alexander Bukow kennt auch die andere Seite. „Er war früher Kleinkrimineller, ist dann aber durch einen Schicksalsschlag bei der Polizei gelandet“, so Charly Hübner über seine neue Rolle, die er zwei Mal im Jahr übernehmen wird. An seiner Seite: Anneke Kim Sarnau. Das Erbe, das die beiden antreten, ist kein kleines: sie müssen Uwe Steimle ersetzen, der zuletzt mit Henry Hübchen und Felix Eitner im komödiantisch existenzialistischen Krimi-Einsatz war.
Ermittelt wird in Rostock. Diese Stadt, die es geschafft hat, aus einer Hafen- und Industriemetropole zu einer Perle an der Ostsee zu werden, sei nicht nur für ihn als Nordlicht ein idealer Standort für eine Krimi-Reihe: „Rostock hat eine schöne, kleine Altstadt mit sehr vielen Plattenbauten drum herum. Dann gibt es Warnemünde, das wunderschöne Fischerdörfchen. Aber auch die Mecklenburger Landbevölkerung ist nicht weit.“ Das Spektrum für spannende Geschichten und soziale Milieus sei also noch größer als in Schwerin, wo der „Polizeiruf 110“ des NDR 15 Jahre ansässig war. Hinzu kommen die vielfältigen Möglichkeiten, „den trockenen, norddeutschen Humor mit der rohen Gewalt, die hier ganz extrem nach der Wende zu spüren war und die noch immer vorhanden ist, insbesondere im Zusammenhang mit dem Baltikum, zu koppeln“. Für den Heimkehrer, der mittlerweile in Hamburg wohnt, ist Rostock heute kleiner als früher, beschaulicher. So hat er auch keine Bedenken, dass der neue „Polizeiruf“, der Bukows Kollegin Katrin König als eine Profilerin aus Hamburg einführt, zu großstädtisch und zu „globalisiert“ daherkommen werde. „Profilerin, das klingt immer so amerikanisch, aber so wird es mit Sicherheit nicht werden.“
Foto: NDRErster Einsatz von Charly Hübner im Rostocker "Polizeiruf" mit Anneke Kim Sarnau
17 Filmprojekte in einem Jahr
Nach den vielen Nebenrollen war zuletzt der Bus fahrende Ehemann in „Über den Tod hinaus“ wie auch schon seine Anti-Helden in „Autopiloten“ oder im Stuttgarter „Tatort“ fast schon eine Hauptrolle. 2005 brachte er es auf sagenhafte 17 Filmprojekte. „Viele Filme haben den Vorteil, man kann vieles ausprobieren und sich auch mal einen Fehltritt leisten." Dieses Jahr wird er „nur“ in sechs Filmen vor der Kamera stehen. „Das ist toll, aber ich muss es erst lernen“, sagt Hübner lachend, aber gewohnt bescheiden und selbstkritisch. „Es ist wie beim Schach: Es ist etwas anderes, ob man nur den Bauern spielt oder ob man das ganze Spiel spielen muss.“ Er hat verschiedene Methoden, um sich bei den nichtkontinuierlichen Dreharbeiten, einen „Erinnerungshaushalt“ zu schaffen: „Mal schreibe ich mir die Handlung auf, mal bitte ich, dass man mich fotografiert, um die Emotionen zu sehen und um sie wieder abzurufen oder um mich nur zu erinnern. Manchmal mache ich aber auch gar nichts.“
Neues ausprobieren, lernen, sich weiterentwickeln, diese Lebenshaltung strahlt Charly Hübner aus, wenn er einem gegenübersitzt und von sich und seiner Arbeit erzählt. Schauspieler muss schon ein toller Beruf sein! Im Sommer war er in einer kleinen Rolle in Julie Delpys „Die Gräfin“ zu sehen. Unlängst hat er mit dem russischen „Oscar“-Preisträger Nikita Michalkow gedreht. „Da habe ich noch mal eine Menge über das Kino und die Politik der Blicke gelernt“, schwärmt Hübner. Aber zu lernen gibt es für ihn nicht nur von internationalen Film-Ästheten, lernen lässt sich auch etwas bei einem erstmals erprobten Genre. So feierte Hübner an der Seite von Anke Engelke in der vorletzten „Ladykracher“-Staffel sein Comedy-Debüt.