Der Hang, Rollen tief zu analysieren, mehrschichtig anzulegen und im Spannungsfeld (un)moralischer Haltungen zu verorten, haben ihm zuletzt drei nachhaltige Rollen beschert: Sarbacher spielt drei ambivalente Charaktere, denen es um Macht & Rendite geht.
Thomas Sarbacher wurde bekannt als „Der Elefant“. In der Sat-1-Serie war er ein Mann, der mit seinen Ermittlungen dort begann, wo andere Jahre zuvor aufgeben mussten. Ein brillanter Kopf, ein Menschenkenner, ein Einzelgänger. Sarbachers markante Gesichtszüge und seine tiefe männliche, ein wenig brüchige Stimme prägten den wortkargen Kommissar und den kühlen Look dieser Serie. In Filmen wie „Das falsche Opfer“ oder „Underdogs“ kultivierte der 48-Jährige das Einzelgänger-Image. Stets umweht ein Hauch Melancholie seine vom Leben gezeichneten Figuren. „Ich habe diesen Typus nicht bewusst gewählt“, sagt er, „ich denke, dass solche Besetzungen damit zusammenhängen, dass man von anderen so gesehen wird.“
Der Hang, Rollen tief zu analysieren, mehrschichtig anzulegen und im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse, Eigensinn und Egoismus zu verorten, haben ihm zuletzt drei nachhaltige Rollen in drei bemerkenswerten Fernsehfilmen beschert. Den Auftakt machte der Lena-Odenthal-Jubiläums-„Tatort: Vermisst“. Sarbacher spielte einen Mann, der den Mord, für den er unschuldig im Gefängnis saß, nach zwölf Jahren nachholt und in den sich die Kommissarin ein bisschen verknallen durfte. Der Schauspieler bringt alles mit für diesen ebenso tatkräftigen wie gebrochenen Typus Mann: Entschlossenheit und Selbstbewusstsein treffen sich in vielen seiner Rollen mit hoher Sensibilität und einer charismatischen Introvertiertheit. Sein Blick wechselt spielend zwischen dem Habitus, zu wissen, wie das Leben funktioniert, und dem Wehmutsseufzer, der sich über seine kantige Physiognomie legt.
Als Gewerkschaftsboss ist er auch im neuen BR-„Tatort“ in der Gasthauptrolle zu sehen. Im feinen Zwirn und Lackschuhen wirkt er wie der Prototyp eines pragmatischen Machtmenschen, der die Vision vom globalen Netzwerk der Gewerkschaften verkauft. Wie ein Schauspieler probt er seine Auftritte. „Es geht um die Käuflichkeit der Menschen: bei dem einen geht es um 5000 Arbeitsplätze, bei dem anderen um 50.000 Euro“, bilanziert Sarbacher das Thema des Films. „Es liegt in diesem Krimi kein Verbrechen vor, es ist eher ein Fall von moralischer Verwahrlosung.“ Und das ist nicht weniger spannend als das sonst übliche Mörderraten. „Mir war es wichtig, diese Skrupel, die dieser Mann noch hat, seine politischen Wurzeln, die er ja nicht völlig über Bord geschmissen hat, zumindest anzudeuten.“
Alles ist eine Frage von Moral und Unmoral in den drei Rollen Sarbachers. Auch der Antagonist im dritten Film, „Über den Tod hinaus“ mit Silke Bodenbender, ist eine höchst ambivalente Figur. Ein Immobilienhändler, der „Schrottwohnungen“ unter die naiven Leute bringt und sie damit nicht selten in den Ruin oder gar Selbstmord treibt, dargestellt als infamer Verführer „mit diesem typischen nonchalanten Mann-von-Welt-Herzeige-Gestus“ (Sarbacher) – das ist die ideale Rolle für den gebürtigen Hamburger, der heute in Zürich lebt. „Dieser Mann legt ein sehr unmoralisches Geschäftsgebaren an den Tag, aber auch Charisma, Männlichkeit und eine gewisse Verve sind ihm nicht abzusprechen“, sagt Regisseur Andreas Senn. Er besetzt Sarbacher häufig, „weil ihn der Zuschauer nicht so schnell einordnen kann“.
Sarbacher geht differenziert an seine Rollen heran. Charakter-Fragen beantwortet er immer auch im sozialen Kontext. „Dieser Immobilienverbrecher steht für eine gesellschaftliche Entwicklung, die ich verheerend finde: Die Menschen sind zunehmend in der Lage, ihr Handeln von einer moralischen Einschätzung abzulösen.“ Die kriminelle Energie erwachse aus dem, was möglich ist – und da es die Anderen eben auch machen, ist viel möglich. Eine Maxime als Schauspieler sei deshalb, „das Handeln seiner Figuren nicht moralisch zu werten“. Dennoch sei für ihn dieser Pagenburg eine sehr „trostlose Gestalt“ gewesen. „Meine Phantasie zu dieser Figur ist so seelenlos fokussiert auf rein materielle Attribute.“ Das ist nicht das, was Thomas Sarbacher antreibt im Leben.
„Unter dem Karrieregesichtspunkt habe ich den Beruf nie gesehen“, sagt der Spätstarter, der erst mit Ende 30 zum Fernsehen fand und „immer so ein bisschen auf die Dinge zugestolpert ist“, wie er sagt. Davor schlug sein Herz ganz fürs Theater. Aber auch erst mit 30 – da Sarbacher vor seiner Schauspielausbildung den Umweg einer Lehre als Bankkaufmann ging. Seine Erkenntnis aus diesen Jahren: „die Beschäftigung mit Geld interessiert mich wirklich nicht.“ Umso frappierender, wie überzeugend er jene Menschen spielt, denen es allein um Macht und Rendite geht.