Der Caster wird oft übersehen - und doch trägt dieser Berufsstand nicht unwesentlich zum Gelingen eines Films bei. Eine „Besetzerin“, die zuletzt von sich reden machte, ist Nina Haun. 40 Projekte pro Jahr sind bei ihr keine Seltenheit. Dieses Jahr wurde die 38-Jährige für den Grimme-Preis nominiert.
(Text-Stand: 10.6.2009) Die Schauspieler sind das sichtbare Herzstück eines Films. Damit ihre Emotionen beim Zuschauer ankommen können, müssen Autoren ihrer Seele Futter geben, müssen Regisseure sie ins rechte Licht setzen. Ein Berufsstand, der maßgeblich mit für die Chemie unter den Schauspielern Verantwortung trägt und damit nicht unerheblich ist für das Gelingen des Gesamtkunstwerks Film, ist der Caster. Das klingt männlich. Dabei sind von den rund 50 ernstzunehmenden Casting-Experten in Deutschland, die man seit Anfang der 90er Jahre vermehrt in den Abspännen „großer“ Filmproduktionen lesen kann, nicht einmal 20 Prozent Männer.
„Dieses Vermittlerspielen, dieses Leutevernetzen, dieses soziale Kuppeln – das ist noch immer eine weibliche Tugend“, betont Nina Haun. Sie ist eine der wenigen fest angestellten Casting Directors hierzulande. Und sie ist eine der fleißigsten. Es sind jährlich 30 bis 40 Filme, bei denen sie Regisseuren und Produzenten Besetzungsvorschläge macht. Im vergangenen Jahr waren Nina Hauns Vorschläge besonders erfolgreich. Im Februar wurde sie für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Außerdem ging das Casting von vier der 16 nominierten Fernsehfilme auf ihr Konto.
Keiner habe an sie geglaubt, erinnert sich Haun, als sie vor fünf Jahren den Name Hannah Herzsprung für den späteren Preis-Abräumer „Vier Minuten“ ins Spiel brachte. „Als Chris Kraus den Namen hörte, wäre der beinahe hinten über gefallen.“ Doch der Regisseur ließ sich zu einem Casting überreden – und war begeistert. Die 38-jährige weiß, dass es nicht immer so ausgehen muss. „Es kann auch mal sein, dass es jemand, in den man große Hoffnungen setzt, nicht bringt.“ Voll und ganz gebracht hat es Maria Popistasu im Grimme-Preis-gekrönten Drama „Die zweite Frau“. Die 29-jährige Rumänin bekam es in der Muttersöhnchen-Mär mit Matthias Brandt und Monica Bleibtreu zu tun. Es bedurfte keiner Überredungskunst. Hans Steinbichler sah sie, castete sie und war begeistert. „Die Rumänin macht so viel mit so wenig, sie ist extrem wandlungsfähig und wirkt dabei kein bisschen überzogen“, schrieb die Berliner Zeitung über den Shootingstar, der ohne Nina Haun nie zu einem solchen geworden wäre.
Dennoch antwortet die Schwäbin auf die Frage, wen sie denn sonst noch „entdeckt“ habe, bescheiden: „Ich tue mich ein bisschen schwer mit diesem ‚Entdecken’; die großen Talente gibt es ja alle – man muss nur hingucken.“ Und so ist sie aufmerksam geworden auf Mark Waschke („Mitte 30“), den Breloer für die „Buddenbrooks“ holte, auf Volker Bruch („Rose“), Trystan Pütter, den sie nach „Einer bleibt sitzen“ für „Hilde“ durchboxte und zuletzt Lars Eidinger, der bei mit „Alle Anderen“ für Furore sorgte.
Dass sie etwas genauer gucke als andere – das freilich räumt Nina Haun ein. Ähnlich wie ihr einst Nico Hofmann den Weg ebnete, indem er sie zur team-Worx/Ufa nach Berlin holte, obwohl sie bis dahin nur Studentenfilme der Filmakademie Ludwigsburg besetzt hatte, so will auch sie talentierten Schauspielern, deren Qualitäten oft im Verborgenen schlummern, eine Chance geben. „Einen seelischen Abdruck von einem Schauspieler zu bekommen, gelingt mir sehr viel schneller als einen Eindruck von einem Menschen im Privatleben, wo man ja viel zu viel wertet“, sagt Haun. „Ich versuche, Schauspieler auch unabhängig von ihrem Demoband zu sehen.“ Bequeme Faustregeln wie „einmal Krankenschwester, immer Krankenschwester“ sind ihr fremd. Brechungen seien das Salz in der Suppe. Die als kühl geltende Corinna Harfouch im preisgekrönten TV-Drama „Rose“ als allein erziehende Mutter dreier fast erwachsener Söhne zu besetzen, war einer ihrer größten Coups. „Jemanden zu nehmen, der durchaus die Fähigkeit zur Wärme, zur Zerbrechlichkeit, zur Mütterlichkeit besitzt, aber es nicht vor sich her trägt, sondern nur in einigen Momenten aufblitzen lässt – das fand ich besonders spannend.“
Hauns dramaturgisches Verständnis kommt nicht von ungefähr. Sie hat ein abgeschlossenes Germanistik- und Romanistikstudium. Und sie hat einige Jahre in Backnang erfolgreich ein freies Theater mit angeschlossener Schauspielschule geleitet. Sie ist keine Frau, die mal eben auf den Casting-Zug aufspringt – weil die vielen fiktionalen Projekte seit den 1990er Jahre den Berufszweig boomen ließen. „Ich finde es faszinierend, die verschiedenen Persönlichkeiten hinter einem Schauspieler zu entdecken und diese Eindrücke mit einem Drehbuch zu verknüpfen und auch zu antizipieren, wie der Schauspieler selber und wie die Schauspieler miteinander im Ensemble agieren“, sagt sie – und man spürt ihre Lust auf Menschen und Geschichten, aber auch den Respekt vor dem Beruf des Schauspielers (den sie nie ergreifen wollte): Nina Haun ist Casterin aus Überzeugung. Stets sucht sie nach der perfekten Besetzung.
„Für mich sind Schauspieler nicht ohne weiteres austauschbar“, betont sie. Sie besetzt keine Serien, neben Top-Reihen wie „Bella Block“ aber schon mal stereotype serielle 90-Minüter wie „Ein starkes Team“. So eine Beset-zung gehe sehr viel schneller als ein Einzelstück, „da es mehrere gute Möglichkeiten gibt und solche Formate bei den Schauspielern beliebt sind“. Sind die Dialoge mal nicht so, wie sie sein sollten, dann sucht sie nach Profis, die die Sätze „erträglich“ machen. Haun: „Es gibt Schauspieler, denen würden Sie auch zugucken, wenn sie sich die Zähne putzen.“
Nina Haun ist in vielen Genres zuhause. Sie besetzt quotenträchtige Event-Movies wie „Das Wunder von Berlin“ oder „Dresden“ (für den sie Felicitas Woll als Charakterdarstellerin entdeckte), Kinofilme wie „Hilde“, preisgekrönte Debüts wie „Unter dem Eis“, ambitionierte Theaterfilme wie „Baal“ oder „Werther“, gelegentlich Durchschnittliches wie die „Donna Leon“-Reihe, doch hauptsächlich besticht die Frau mit dem schwäbischen Zungenschlag durch die mutige Besetzung von Fernsehfilmen aus der ersten Reihe: „Mogadischu“, bei dem sich keiner lange bitten ließ, die stark gespielte Vertriebenengeschichte „Ein Dorf schweigt“, das Doku-Drama „Dutschke“, „Im Gehege“, für den sie neben Atzorn der Theaterstar Judith Rosmair als Objekt des Begehrens rekrutierte oder das Soldatendrama „Willkommen zuhause“ um einen traumatisierten Afghanistan-Heimkehrer waren ihre letzten besetzungstechnischen Meisterleistungen.
Relativ rasch hinter sich gebracht, hat sie die Arbeit für das Helmut-Kohl-Biopic. Thomas Thieme spielt den reifen Kohl, Grimme-Preisträgerin Rosalie Thomass die junge Hannelore Kohl. Wie bei den meisten Filmen war auch bei „Der Mann aus Oggersheim“ (Arbeitstitel) die Besetzung der Nebenrollen das größte Problem. „Adenauer, Erhardt, Mitterrand, das waren Eintagesrollen. Das ist für einen Schauspieler nicht besonders attraktiv. Und doch müssen sie richtig gut sein. Man muss sofort spüren, dass diese Männer Macht, Verantwortung, Autorität haben.“ Schlechte Nebendarsteller seien in der Regel tödlich für einen Film.
Eine andere Faustregel: Je teurer ein Film ist und je zuschauerträchtiger er sein soll, umso namhafter müssen die Darsteller sein. Bei solchen Filmen sei das Gerangel, nachdem sie fünf bis zehn Schauspieler pro Rolle vorgeschlagen habe, entsprechend groß. Neben Kommunikationsfreudigkeit und guten Gedächtnis sei diplomatisches Geschick deshalb eine wichtige Voraussetzung für ihren Beruf, so Haun. Ein Reiz ihrer Arbeit bei einem Produktionsgiganten wie der Ufa liege vor allem im Wechselspiel zwischen künstlerisch ambitionierten Filmen mit einem sehr hohen Authentizitätsgrad und massentauglichen Filmen, bei denen kommerzielle Überlegungen bei der Besetzung eine große Rolle spielen. Gleichgültig aber, ob ein Star-Vehikel wie „Die Patin“ oder ein Ensemblefilm wie der preisgekrönte „Familienkreise“, „die Aufgabe der Besetzung ist immer wie ein großes Rätsel, bei dem man nach der passenden Lösung sucht.“