• Porträt   Joachim Kosack: „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“

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      Der Mann für die Fiction bei Sat 1: Joachim Kosack hat ein Faible fürs Theater

      Rainer Tittelbach
      Joachim Kosack, der neue Mann in der Sat-1-Geschäftsführung wollte eigentlich Schauspieler werden, machte jahrelang Kabarett und Theater, bis ein "Übergangsjob" bei "GZSZ" den Weg ebnete ins goldene Zeitalter des Fiction-Fernsehens. Von "Hinter Gittern" ging es zu "Stauffenberg", von "Bianca" zur "Wanderhure" – der ehemalige TeamWorx-Produzent ist das, was man einen kreativen Programmmacher nennt. Auch wenn die Ko-Geschäftsführung für den Vater von "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" vermehrt andere Aufgaben bringen wird: die Zeichen bei Sat 1 stehen auf Fiction! Am 13. September bekommt der Pastorensohn den Robert Geisendörfer Preis verliehen, den Medienpreis der Evangelischen Kirche.

      Annette Frier
      Foto: Sat 1 / Frank Dicks

      Joachim Kosack hat immer an die Serie "Danni Lowinski" mit Annette Frier geglaubt.

      Text-Stand: 18.6.2011

      Das Programm von Sat 1 ist nicht immer ein Quell der Freude. Über „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ aber gerät der Sat-1-Fiction-Chef Joachim Kosack geradezu ins Schwärmen. Er glaubt, das Geheimnis des Erfolgs zu kennen: „Beide Serien sehen deutsch aus, stehen aber in der Tradition des angelsächsischen Entertainments – mit dem klaren Bekenntnis, unterhalten zu wollen“. Darüber hinaus biete vor allem die Serie mit Annette Frier „relevante Themen, die man eher bei ‚Bella Block’ vermuten würde“. Kosack möchte am Montag einen deutschen Serienabend etablieren. Zwei Serien braucht er noch.

      Doch erst einmal muss er sehen, was die Ko-Geschäftsführung von Sat 1 (seit 1. April) für ihn auf Dauer bringen wird. Nach wie vor redet der 45-Jährige am liebsten über das Programm. Über seine TV-Movies zum Beispiel, 21, die Sat 1 pro Jahr auf den Weg bringt, und über die Kernzielgruppe: Frauen zwischen 20 und 49 Jahren. „Wir müssen schauen, dass die Frauen die Filme gut finden, dann aber die Filme so aufstellen, dass Frauen die Chance haben, auch ihre Männer zu überreden mitzugucken“, so Kosack. Bei „Restrisiko“ oder „Marco W.“ ist das gelungen. „Die Wanderhure“ war mit 9,75 Millionen Zuschauern sogar der meist gesehene Fernsehfilm 2010. Joachim Kosack redet schnell, ohne Punkt und Komma jagt er durchs Programm, von „Leuchtturm“ zu „Leuchtturm“. Er weiß seine „Marken“ zu verkaufen. Dieser Mann besitzt Entertainer-Qualitäten. Das besaßen andere Sat-1-Geschäftsführer auch. Und doch wirkt er anders als ein Fred Kogel oder Roger Schawinski. Der 45-Jährige kommt nicht als der weltmännische Macher daher. Eigentlich wollte er Schauspieler werden. Er machte Kabarett und baute in Wuppertal das TIC – Theater in Cronenberg auf, wo er mit Christoph Maria Herbst gemeinsam auf der Bühne stand.

      Joachim Kosack

      Was den Sat-1-Ko-Geschäftsführer Joachim Kosack antreibt, der Hanns Dieter Hüsch und Pina Bausch als seine Ikonen der Jugend bezeichnet, ist „die Suche nach großen Emotionen, gepaart mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch, nach großer Unterhaltung, nach breitenwirksamem Erzählen, geprägt von einer linksliberalen Sozialisierung“. Dafür gibt es am 13.9. den Robert Geisendörfer Preis.

      Danach zieht es ihn zur Regie, an diversen Provinztheatern arbeitet er als Regieassistenz, als Regisseur, als Oberspielleiter. Zum Fernsehen kam er durch Zufall. Den Job als Storyliner bei „GZSZ“ sah er 1996 als Überbrückung. „Ich hatte gedacht, ich mache ein halbes Jahr Fernsehen und dann gehe ich zurück zum Theater“, so Kosack. Doch er blieb in den goldenen Jahren des Privatfernsehens in der Medienbranche hängen. Von der Daily ging es als Producer zur Weekly „Hinter Gittern“, von der Grundy UFA zu TeamWorx, von industrieller Serien-Fertigung zu edlen Hochglanz-Produktionen. Auch unter Nico Hofmann blieb er ein Produzent für die Extreme. Er betreute das Geschichtsdrama „Stauffenberg“, den Event-Mehrteiler „Die Flucht“, zeichnete aber ebenso verantwortlich für die Telenovela „Bianca“ wie den Serien-Flop „Verschollen“. Sogar seine Vorliebe fürs Theater konnte Kosack mit den Bühnen-Adaptionen „Baal“ und „Lulu“ noch einmal ausleben. Das alles prädestinierte ihn für den Job als Fiction-Chef von Sat 1. „Er ist einer der allerbesten in meinem Team und er wird mich noch stärker unterstützen“, sagte unlängst Sat-1-Geschäftsführer Andreas Bartl in der „Süddeutschen“. Das klingt nach Mehr für den Fall, dass der ProSiebenSat.1-Vorstand seinen Sat-1-Chefposten aufgeben würde. Kosack ist als Programmmacher ein Mann des Machbaren. Die Zeiten der Höhenflüge, die Zeiten, in denen es Grimme-Preise hagelte, sind vorbei. In der Fiktion gab es den letzten 2004 für „Das Wunder von Lengede“. Drei Jahre vor Kosacks Amtsantritt. Visionen sind nicht mehr gefragt, alles ist gut, wenn es „funktioniert“. Stichwort: Ein-Millionen-Euro-Movie. „Von fünf Filmen hat nur einer nicht funktioniert. Funktioniert heißt: im Budget geblieben, gute Quote, befriedigender Film.“

      Jessica Schwarz
      Foto: Arte / Jochen Roeder

      Als Produzent bei TeamWorx konnte der ehemalige Kabarettist & Theaterregisseur Kosack noch einmal sein Faible für die Bühne ausleben: "Lulu" mit Jessica Schwarz

      Die Zuschauerzahlen der Dienstags-Movies sehen – verglichen mit den fünf bis sechs Millionen, die die Fernsehfilme bei ARD und ZDF erreichen – mager aus: 3,13 Millionen sahen „Stadtgeflüster“, 3,65 Millionen den Erotik-Thriller „Die Verführung“ und 3,43 Millionen „Achtung Arzt!“. Doch wenn die Marktanteile der 14- bis 49-Jährigen zwischen 13,5 und 14,6 Prozent liegen wie bei den genannten Filmen, sieht sich Kosack auf der Seite der Gewinner. Wellen schlagen wie bei „Barfuß bis zum Hals“ könne man nicht immer. Wie auch – bei dem eher schlichten Konzept, das Kosack für seine TV-Movies ausruft: Klares Programmversprechen heißt klares Genre, Komödie, Thriller, seltener Krimidrama – versehen allerdings mit dem Zusatz „so habe ich das aber noch nie gesehen“. Eine ungewöhnliche Besetzungsidee oder ein besonderer Erzählansatz sollen Staunen machen. Klingt auf den ersten Blick nach Abkupfern von dem, was Hollywood seit Jahrzehnten praktiziert. Und es klingt anders als das, was auf Kosacks ewiger Bestenliste steht: Martin Scorsese, Stanley Kubrick, Neil Jordan, „1900“ und „Stirb langsam“. Was den Pastorensohn antreibt, der Hanns Dieter Hüsch und Pina Bausch als seine Ikonen der Jugend bezeichnet, ist „die Suche nach großen Emotionen, gepaart mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch, nach großer Unterhaltung, nach breitenwirksamem Erzählen, geprägt von einer linksliberalen Sozialisierung“.

      Neldel & Becker
      Foto: Sat 1 / Roth

      Mit fast zehn Millionen Zuschauern war die Mittelalter-Mär "Die Wanderhure" mit Alexandra Neldel und Nadja Becker das erfolgreichste TV-Einzelstück seit Jahren.

      Es gibt einige Projekte, von denen sich Joachim Kosack viel verspricht. Zum Beispiel: „Zur Sache, Marie“, ein TV-Movie um eine Witwe, die zur Pornoproduzentin wird. „Es geht nicht vornehmlich darum, wie man mit Sex umgeht, der Film zeigt vielmehr den Weg einer Frau, die am Ende erotische Filme produziert, Filme ohne frauenverachtenden Unterton“, so Kosack. „Wir müssen die Genres schon immer wieder klassisch erzählen, aber wir müssen sie neu aufladen.“ Doch so neu klingt das nicht: „Plötzlich fett“ beispielsweise ist eine Komödie über einen Bodyswitch zwischen Waschbrettbauch und Moppel-Ich. Sat 1 scheint auf die Gnade der späten Geburt und die Gabe eines schwachen Gedächtnisses zu setzen. Aber man hat ja auch noch „die großen Frauenstoffe vor historischem Hintergrund“ anzubieten. Nach „Die Wanderhure“ will Sat 1 dieses Genre zur hauseigenen Marke ausbauen. Ein weiterer Mittelalterroman von Iny Lorentz, „Die Kastellanin“, soll dieses Jahr mit Alexandra Neldel verfilmt werden. Und in Berlin entstand „Am Ende die Hoffnung“ mit Yvonne Catterfeld als deutsche Spionin im Auftrag der Engländer. „Wir tun aber nicht so, als wäre es ein ernsthafter historischer Film, sondern wir bekennen uns dazu, in erster Linie eine spannende Geschichte erzählen zu wollen“, so Kosack, „wir erheben nicht den Anspruch, etwas über den deutschen Widerstand zu erzählen.“ Wichtiger sind die Gesichter: Neldel, Catterfeld, Henning Baum oder Annette Frier. Kosack: „Es sind Schauspieler mit großem Sympathie-Bonus, es sind aber auch Figuren, die etwas sehr Deutsches haben: ‚Ich bin so, wie ich bin, dazu stehe ich mit allen Konsequenzen.“ Für sein eigenes Leben hält es Kosack mit Ödon von Horvath: „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“



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